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, dass die gelinde Todesstrafe, mit welcher in England die Strassenräuber beleget werden, die gewisse Ursache bei, warum diese Art Bösewichter eine Gattung Grossmut unter ihre Uebeltaten mische, indem sie selten morden, und noch seltener einen Reisenden ganz ausplündern, sondern, nach Berechnung seines Weges, ihm lassen, was er nötig hat. Dahingegen die schreckliche Strafe des Radbrechens in Frankreich die Summa der Diebstähle und Mordtaten nicht verminderte. – Aber, meine Mariane, wo komme ich hin! Die Stärke dieser Betrachtung gibt meinem Briefe einen harten Ton, unter dem nur Sie die sanfte stimme einer bewegten Menschenliebe hören werden, welche sagt, dass, wenn wir das Gepräge der Glückseligkeit nicht auf den Ueberfluss des Reichtums und der Wollüste gelegt hätten, so würde man weniger Leidende und weniger Uebeltäter sehen. –

Rosalia.

Dritter Brief

Ich schreibe Ihnen, meine Mariane, von einem schönen dorf, das auf einer kleinen Anhöhe liegt, die mir das Glück schaft, aus dem Fenster, wo ich sitze, eine Reihe der majestätischen Schweitzergebürge zu sehen. Die untergehende Sonne färbt sie Blau und Rosenrot, mit grossen Stücken Glanzsilber dazwischen. Meine Seele fühlt mit innigem Vergnügen die Grösse der Allmacht meines Schöpfers. Es freut mich, mein Dasein aus der nehmlichen Hand erhalten zu haben! und es ist überzeugung in mir, dass auch ich die Fähigkeit zu grossen und edlen Handlungen in mir habe. – Ach, warum sind Sie nicht in diesem Augenblicke bei mir! Warum sieht das geistreiche Auge meiner Mariane diese schöne Gegenstände nicht mit mir! – Ihre Gegenwart würde meine Freude erhöhen; meine Blicke begegneten den Ihren; Sie kennten den Wert der Träne, die in meinem zum Himmel erhabenen Auge schwimmt! – Meine, mit Bewunderung des Schöpfers gefalteten hände, die ich einsam an meine Brust drücke, würden Sie, beste Freundinn, und mit Ihnen Ihre tugendvolle Seele umarmen. Sie teilten das selige Gefühl des Lebens und der Anbetung unsers Schöpfers mit mir, und, auf Ihre Brust gelehnt, dankte ich ihm für Sie, für jede Tugend Ihres Herzens, und für die Schönheit Ihres Geistes! Denn, meine Mariane, ich könnte, ich bekenne es, ich könnte Sie nicht lieben, wie ich Sie liebe, wenn Sie nicht so viel Geist und Kenntnisse hätten, als Sie haben. – Aber, meine Freundinn, wenn die Stärke meiner Empfindungen bei dem nähern Anblick dieser Berge zunimmt: so bin ich begierig, wie ich sie ausdrücken werde! – Bald, meine Mariane, bald kann ich dieses wissen; denn wir gehen diese Stunde noch weiter, und mein Oheim sagte mir, da ich die Angst vor dem Nachtreisen verriet, dass ich ohne Kummer sein könne, weil während der Erndtezeit das Feld voller Bauersleute wäre, die wegen der Tageshitze des Nachts durch das Korn schnitten, und man also ganz sicher sein könne. –

Aus dem schönen St**. dorf W**.

Wie angenehm, meine Mariane, wie sehr angenehm war mir der Schutz meines Lebens aus der redlichen Hand der Arbeitsamkeit! Ruhig, unbesorgt, setzten wir unsern Weg fort, weil wir unter der Obhut der Tugend und des Fleisses waren. Mit dankbarer Liebe und mit Segen sah' ich die Schnitter an, und dachte: so schaffen übende Tugenden die Menschen wechselsweise zu Schutzgeistern des Glücks und der Freude ihres nächsten; so, wie man vom Laster sagen kann, dass es seine Untergebene durch Verführen und Quälen der Guten zu Satans macht. –

Wir kamen den andern Tag sehr frühzeitig hieher, wo mein Oheim mit dem Oberbeamten des Grafen von St**. etwas zu bereden hatte. Wir wurden zur Tafel geladen, und erhielten die schmeichelhaftesten Höflichkeitsbezeugungen. Es war mir lieb, dass Nachmittags der Graf mit so vieler Aufmerksamkeit den ernstaften Geschäftshandlungen beiwohnte, weil ich dadurch das Glück hatte, um seine gemahlin zu sein, die eine liebenswürdige und verdienstvolle Dame ist, von deren angebauten Geist, Gottesfurcht, angenehmen Umgang und jeder Geschicklichkeit, die eine Frauenzimmerhand beseelen kann, ich schon lange hatte reden hören. Ich fand sie edel, natürlich, ohne das geringste Gepränge, weder auf ihren Stand noch ihre Talents. Die ungemein schöne Ordnung des Hauses zeugt von ihrer Einsicht in Wirtschaftssachen, und ihre zwei ganz vortreflich erzogene Söhne beweisen die feine Wahl, die man in den Fähigkeiten ihrer Lehrmeister gemacht hatte. Es freute mich, diese würdige Frau als eine so glückliche Mutter zu sehen, indem sie Geist, Talente und charakter in ihren Kindern blühen sieht. Gerne hätte ich ihr meine besondere Verehrung und Liebe bewiesen, aber die Umstände hinderten mich, sie auszudrücken, und gewiss hätten sie auch ihre Empfindungen zurück gehalten. Ich wünschte ihr im grund meiner Seele jede Glückseligkeit ihres Ranges und fühle Zufriedenheit, diese meine wahre Gesinnungen bei Ihnen, meine Mariane, die mich kennt, so ganz ungekünstelt auszudrücken. Bei Ihnen haben weder Umstände noch Personen die Gewalt, einen Nebel oder Rauch um mich zu ziehen, die meine wahre Gestalt undenklich machen würden! – Das Schloss W**. liegt auf einem Halbberg, möchte ich sagen, und gewiss, nach der Einrichtung der Zimmer, Einteilung des Gartens und der Felder umher, kann man sagen, dass es einer der schönsten Edelmannssitze in ganz Deutschland sei. Uebermorgen Abend hoffe ich in einer Schweisserischen Gränzstadt zu schlafen. Da werde ich Freiheit und Vaterlandsliebe träumen.

Rosalia.

Vierter Brief

Vorgestern Abend konnte ich nichts als ein kleines Zetteichen an Sie schreiben, weil die Post und mein Oheim mir die Zeit vorsagten