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Eine abwesende person hätte sie gebeten, ihr Vergissmeinnicht zu geben. Diese artigen Einfälle unterhielten alle, die da waren; sie liess sich auch nicht stören, da sie für jede einen Gedanken bereit hatte. "Meine bescheidene Charlotte, die demütige Grasviole ist Dein," sagte sie mit viel Empfindung; aber mit Schalkheit zu einer andern: "Liebe Helene, suche den Wendel selbst loszumachen, wenn Du ihn nicht liebst, ich habe mich vergeblich darum bemüht!"

Sie hatte aber die Wendelblume selbst darum gewunden, und dies ging den Bräutigam von Helenen an. – Nun blieben lauter Blumenknospen übrig, wo sie zu einer artigen Blondine sich stellte: "Liebe Baase, unsere Verdienste und unser Glück sind noch im Blühen, aber sprossen tun sie doch!" –

Der Fremde hatte nicht einen blick von ihr gewandt, sie immer von Kopf zu Füssen betrachtet, sich auf die Lippen gebissen, und seinen Hut mit Heftigkeit gediehet. – Herr B** nahm Julien bei der Hand und sagte: Er müsse sie etwas von ihrem Herrn Vater fragen. – Der Fremde ging nach. Wie sie weit genug von den andern waren, bot ihm Herr B** Juliens Hand. "Wollen Sie meine junge Freundinn führen?" – Der Fremde haschte nach ihr; Julie zog sie errötend zurück. "Schöne Julie," sprach er, "wissen Sie, dass ich Ansprüche auf diese Hand habe?" – Sie stutzte ernstaft, "Wie so, mein Herr?" – "O, werden Sie nicht böse, ich bin unglücklich genug, Sie nicht eher gesehen zu haben! Hätte mir mein Vater dieses Bild gemahlt," sagte er, wobei er auf ihre person wies, "ich hätte es von meinen ersten Jahren an auf ewig in mein Herz geprägt; so, wie ich jetzt Ihre reizende person und den liebenswürdigen Geist niemals vergessen werde." – Er fasste nun ihre Hand, küsste sie oft und feurig: "Wie glücklich hätte diese mir bestimmte Hand mich gemacht! O mein Vater, wie elend bin ich auf mein ganzes übriges Leben!" – Die gute Julie und Herr B** begriffen nichts von alle diesem. Da sie aber einer kleinen Laube nahe waren, führte Herr B** sie hinein und bat den Fremden, seine Bewegungen und Ausrufungen zu erklären, da er doch Julien nie gesehen hätte. –

"Ich bin der einzige Sohn des besten und geliebtesten Freundes vom Herrn von U**. Sie hatten einen Vertrag gemacht, ihre zwei ältesten Kinder mit einander zu verbinden. Aber ich wusste nichts davon, als bis ich nach meines Vaters jähem tod von der Universität nach haus gerufen ward, und unter seinen Papieren den Aufsatz und Juliens Namen fand. Ich wurde da freilich, wegen meiner geheimen Heirat, zu der ich durch unzählige List gebracht worden, etwas betreten, weil ich glaubte, meinen Vater doppelt betrogen zu haben. Meine Frau und ihre Verwandte waren mir zuwider. Ich liess sie doch in meine Vaterstadt kommen, wo ich ihr genugsames Auskommen angewiesen, und mir etliche Jahre zu reisen vornahm. Ich ging zuerst nach Italien, weil ich hier meinen Weg durchnehmen musste, und auf die gelegenheit zählte, die mir zugedachte Julie zu sehen. Sie zogen mein Herz an sich, ohne dass ich Ihren Namen wusste; und Herr B** wird sagen, wie stark ich gerührt wurde, da ich ihn hörte. – Mein Vater kannte mein Herz und mein Glück besser, als ich. Aus Unvorsichtigkeit habe ich es verscherzt. Diese schöne blühende Gestalt wäre mein Eigentum gewesen! Nun habe ich eine Frau, die älter ist, als ich, und dazu bösartig. O, mein lieber B**, wie unglücklich bin ich!" –

Julie war still, aber sie bedauerte ihn mit ihren Blicken. Er schwieg auch; Tränen füllten seine Augen; hundertmal küsste er ihre hände. "Ein würdiger, ein sehr würdiger Mann soll Sie glücklich machen! – Sagen Sie nur, hätten Sie mich leiden können? Würden Sie mich von der Hand Ihres und meines Vaters angenommen haben? Liebenswürdige Julie, sagen Sie mir es! Es ist alles, alles Glück, was ich hoffen kann!" – Verwirrt, äusserst errötend sagte Julie: "Ich glaube, ich würde ohne Widerwillen gehorcht haben!" – Er küsste ihre Hand zum Dank, redete aber nichts mehr; riss etliche Blätter der Laube ab, an die Julie in ihrer Verwirrung gespielt hatte, steckte sie in seinen Busen und wandte sich von beiden weg. Herr B** führte Julien zu der Gesellschaft zurück, und ging dann allein mit seinem Freunde auf und ab, bis er sich genug erholt hatte; und den andern Morgen ganz frühe reisete er ab, nachdem er in einem Billet Julien tausend Gutes gewünscht, und sie gebeten hatte, manchmal an den unglücklichen I** zu denken, der sie niemals vergessen würde!

Herr von U** bestätigte die Wahrheit des Vertrags mit seinem verstorbenen Freunde, der Julien als ein artiges viel versprechendes Mädchen von elf Jahren gesehen, und sie seinem Sohn bestimmt hätte. Alle bedauerten den schönen jungen Mann, und Julie selbst wünschte, dass er ihr möchte ganz eigen geworden sein. –

War dies nicht, meine Mariane, ein ganz einnehmender Auftritt? Ich hätte mögen dabei sein! Wie oft, meine Liebe, wie oft geschieht es, dass wir mit einem unüberlegten Schritt den Keim unserer künftigen Glückseligkeit zertreten, den eine uns liebende Hand gepflanzt und gewartet hatte!