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hatte und überall sechs bestellte Pferde antraf, so konnte er den zweiten Tag so zeitig in Effenhofen sein. Er schickte ihr den andern Morgen einen eigenen Boden zu Pferde, und meldete ihr die hofnungslosen Umstände der Gesundheit des Fräuleins. – In der Antwort der Frau von T** liegen alle Züge einer vortreflichen Seele. Sie dankte ihm, dass er nach Effenhofen gereiset sei, und sie hofte bessere Nachrichten; bat ihn auch, alles Mögliche beizutragen, das verwundete Gemüt des lieben Fräuleins zu heilen. Aber, diese Bitte kam zu der Zeit, wo die edle Henriette schon über alle menschliche Leiden und hülfe erhaben war. Die Frau von T** kann über ihre Veranstaltung und Betreibung der Reise ihres Gemahls zufrieden sein; ich denke, es mag sie was gekostet haben, ihren T** von sich zu der so feurig geliebten Henriette zu schicken! Ihr Opfer war gross, aber schön, und nun wird sie durch den Dank und die Verehrung ihres würdigen Gemahls tausendfach belohnt.

drei und zwanzigster Brief

Wie viel, teure Mariane! wie viel habe ich Ihnen zu danken, da Sie mich so liebreich bei der Hand fassen, und mich mein Leben geniessen lehren! – Es dünkt mich auch, ich könne Sie versichern, dass Sie mich niemals mehr werden murren hören, wenn die Hand des Schicksals mir, anstatt des verlangten Guten, ein andres hinlegt. – Ich will nicht mehr, wie ein eigensinniges Kind, es von mir stossen, sondern mit gelassenem Dank es annehmen und geniessen. – Sie sollen aber doch auch wissen, was mich bei Ihrem gütigen Rat am meisten erfreute, was mich am stärksten lockte, ihm zu folgen. –

Sie wiederholten meine Klagen über die Entfernung von Ihnen und von meiner gewöhnten Einteilung der Tage und ihrer Verwendung. Sie sagten: "Wenn ich Rosalia L** mit dem feinen Gefühle der Seele wäre, so würde ich wie sie, jedes genossene Gute, jede Freude der verflossenen Tage, das Bild meiner Freunde, und den Ort, wo ich alles dieses im Besitz hatte, dankbar in meinem Gedächtniss bewahren; ich weihte ihrer Erinnerung sogar Augenblicke des gegenwärtigen Genusses; ich freute mich der Sicherheit, dieses alles in einiger Zeit wieder zu finden, und pflückte daneben mit ämsiger Aufmerksamkeit die Blumen des Vergnügens, die der Zufall auch auf fremden Boden für mich sprossen liesse; ich würde mir es nicht vergeben, wenn ich nur den Himmel, nur die Gegend unserer Mutter Erde, nur die Menschen lieben wollte, die ich bisher sah." –

Ich fühlte, dass Sie gerechter sind, als ich. Meine, gegen die hiesigen Einwohner gehegte Gleichgültigkeit war mir leid. Ich nahm mir vor, billig zu sein, und meine Liebe, meine ewig vorzügliche Hochachtung für Mariane, unterstützte diesen Vorsatz weil ich mich freute, Etwas zu tun, was Sie an meiner Stelle tun würden. O, wie unschätzbar ist der Wert der Tugend derer, die wir lieben, weil man die Neigungen des geliebten Gegenstandes so gerne annimmt! Ich habe wirklich heute Blumen gepflückt, von deren Saamen ich auch bei uns auszustreuen suchen werde. Es gehr die Ausbreitung der Gesellschaft und gesetz an, die sich neun junge Frauenzimmer gemacht haben, und die damit ganz unfehlbar den Endzweck erreichen werden, jedes wichtige und reizende Verdienst unsers Geschlechts zu erlangen.

Es ist hier gewöhnlich, dass Männer, Frauen und junge Personen, jedes eine abgesonderte Gesellschaft halten. Sie kommen aber nicht öfter, als alle Woche einen Tag zusammen, und zwar immer wechselsweise von einem haus um das andre. Diese Verbindungen nennen sie von langen zeiten her, einen Freundschafts-Kranz, und den Tag der Zusammenkunft, den Kränzeltag. Eine Verwandtinn von Frau R** hat mich heute, da die Reihe an ihr war, dazu eingeladen und mir die Beschreibung ihrer gesetz gemacht.

Jeden Donnerstag kommen sie mit ihrer Arbeit, Nachmittags um drei Uhr, artig geputzt, zusammen; trinken eine Tasse Coffee, aber nicht heiss, weil heisser Coffee der Schönheit und Reinlichkeit der Gesichtsfarbe schadet. Nach diesem geben sie einige Teller mit Obst und Confect. Von dem letzteren muss aber allezeit etwas von der Kranzgeberinn selbst gemacht sein. Ist es neu erfunden, oder erlernt, dass die andern es noch nicht wissen: so muss sie die Vorschrift mitteilen. Dann werden die Arbeitensgewiesen; von der, alle zwei monat neu gewählten Vorsteherinn gelobt, oder getadelt. Jede muss das Neugelernte, oder die erworbene Vorteile, in Erleichterung der Mühe, oder zur Vollkommenheit des Ganzen, den andern mitteilen. – Dann müssen sie nach der Reihe sagen, was sie von ihren Freundinnen haben loben oder aussetzen gehört; Erläuterungen geben, und sind sie verbunden, alle eine, und jede alle zu verteidigen. Der Putz wird auch durchgegangen; die Unkosten und die Art der Verfertigung gesagt; der wohlfeilere Kaufmann genannt. Dann wird erzählt, was man Schönes und Nützliches gelesen oder gehört, und sich eigen gemacht hat. Nachdem Etwas aus dem Schauplatz der natur, einer Wochenschrift, eine Comödie, oder Poesie gelesen; darüber geredet und auf die Letzt für arme etwas Geld gesammelt; und eine jede von ihnen lehrt ein armes Mädchen Lesen, Schreiben und arbeiten, wodurch sie tüchtig weiden kann, einmal als gute Dienerinn glücklich zu werden. In den Häusern, wo die Tochter Brüder hat, kommen auch diese mit ihren artigen Freunden gegen sechs Uhr in die Gesellschaft, welches natürlicher Weise Abänderung und Munterkeit unter sie verbreitet. Man hat mir darüber