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. Sie lachte, zuckte die Achseln, und sah mit halben Staunen, halben Mitleiden auf die Männer umher, wobei sie mir und der van Guden zuzischelte: Was doch die weisen Leute für Widersprüche in sich fassen! Letzt wollten sie mit Macht eine Kleiderordnung für den gemeinen Mann haben, der soll einfach, unverziert, seinem Stand und Erwerb gemäss Kitteljacke und Halstuch tragen. Man lobte die Zeit, wo das bürgerliche Brautkleid von einem Stof genommen wurde, welcher die ganze Lebenszeit der Frau ihr Festkleid bliebe. Der Pracht vermische die Stände, verderbe die Sitten u.s.w. Nun wollen die guten Bürger ihre alten einfachen KirchenMorgen- und Abendlieder behalten. Da nun, wie die gründlichen Herren sagen, die Worte und Ausdruck das Kleid unserer Gedanken sind: so will man ihren Kopf und ihre Empfindungen neumodisch einkleiden, nach dem verfeinerten Geschmack von uns schönen Damen und Herren, und verbietet hingegen, den Schnitt der Mütze nach der unsern zu formen; und wir werden mit den Liedern der alten Minnesänger heimgesucht, müssen sie kosten lernen und herrlich finden; da doch diese Minnesänger nichts anders haben, als dass sie ihre Liebchen in der nemlichen alten simplen Sprache liebkossten und lobten, in welcher die alten Kirchengesänge den lieben Gott preissten und anbeteten. Was soll dem Bürger die zierliche Gedankenform des Redners und des Poeten für seinen Geist, wenn er die Augen und den Geschmack für die Erfindungen der schönen Formen der übrigen bildenden Künste verschliessen soll? Ich fürchte, unsere Enkel werden zu tun haben, die moralische Würkung der Zierlichkeit wieder fortzubringen. – – Hätte ich das Geschikke gehabt, auch die Aeusserungen der Männer über diese Gedanken der Frau Grafe im Gedächtniss zu behalten, so müsste dieser Brief eine Wichtigkeit haben, die er nun allein durch ihre eignen Betrachtungen erlangen wird. Die launige Art, mit welcher diese muntere aber in allen Stücken schätzbare Frau sich über diesen Gegenstand ausgelassen hatte, war doch der Anlass zu ganz vortreflichen Sachen, die von den Männern gesagt wurden, welche gewiss nicht erschienen wären, wenn der drollige Tadel über einen teil ihrer Gesetzgebung sie nicht gereizt hätte. Frau Grafe war überhaupt herrlich gestimmt, denn da sie von Latten gefragt wurde: wie sie auf diesen Ton der Ideen gekommen sei? da sagte sie: auf der Stelle, wo sich alle meine Lieblingsideen befinden. O da möchte ich mich einmal umsehen, sagte Latten. – O mein guter Freund! da fänden Sie alles anders wie hier; denn der Untergebene ist mehr geschätzt als sein Gebieter; der Bauer mehr als der Kunstgärtner; der Zimmermeister höher als der Schreiner; der Zuckerbecker sitzt an der Türschwelle dessen, der uns Brod knetet; der Schmidt steht über dem Goldarbeiter, und der Tuch- und Leinenweber weit über dem, der goldene Borten und seidene Stoffe würkt; der gute Mensch über dem witzigen, und der Arbeiter über dem Redner; so wie der Schuhmacher dem Tanzmeister vorgezogen wird. Er lächelte, und fragte sie: Wo ist denn Ihre Magd? Mein feiner Herr, ich habe gar keine, sondern nur eine Freundin, die mir einen teil meiner täglichen Last tragen hilft, welcher ich noch dazu nur das leichteste aufbürde, indem ich jede Verantwortung und die Gefahr des Tadels und Schadens auf mich allein nehme. Er küsste ihre Hand: O Frau Grafe! wie viel Güte und Weisheit ist in Ihrem Mutwillen. Das lautete schön, antwortete sie; aber möchten Sie wohl Ihre Caroline so gestimmt haben? Er war verlegen und sagte nur: Sie ist noch zu jung dazu. Und, erwiderte sie, es störte Ihre Oberherrschaft ein wenig, nicht wahr? Nun war ihr Mutwille böss. –

Hundert und zwanzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Frau Grafe hat Wort gehalten. Sie stiftetete wirklich eine recht artige Heurat zwischen unsern guten jungen Itten und der liebenswürdigen Meta Mooss, die mit van Guden hierher kam. Es war ganz besonders, dass wir alle nichts bemerkten, indem Meta selten aus dem haus geht, und der junge Mann niemals zu van Guden kam, als mit Cleberg, wo er dann entweder mit uns in dem Gesellschaftssaal sich aufhielt, oder bei dem jungen Pindorf und seinem Lehrer Mooss auf der stube war. Bei unsern kleinen Concerten sang Meta, und bei den Gesprächen war sie neben der kleinen Henriette oder mit den Ittenschen Töchtern beschäftigt; aber nie hatte der junge Mensch eine besondere Unterredung mit dem lieben Mädchen gesucht. Frau Grafe aber behauptet, dass ihre ersten Vermutungen aus dem Stillschweigen des jungen Itten, aus seinem starr vor sich Hinsehen gereizt wurden, der Ursache nachzuforschen; da habe sie nun auch bemerkt, dass Meta sich in acht nahm, den Herrn Itten anzublicken; und nach diesem sei die grosse Freundschaft von ihr zu den Schwestern, und von ihm für dem Bruder entstanden, woraus sie die ganze geschichte des furchtsamen Liebhabers, und des edlen bescheidenen Mädchens erraten hätte. Der Verlöbnistag von Latten und Stiegen habe auf den guten Gesichtern der Meta und des Itten die geheimen Wünsche ihrer Herzen so deutlich gezeigt, dass sie mit der Frau Guden darüber gesprochen, und darauf durch ihren Mann für Itten die Amtmannsstelle zu Rebberg erhalten habe. Frau Guden statte ihre Meta als Tochter aus, und so wäre dieser Roman zu Ende gekommen, ehe irgend jemand an den Anfang gedachte. Mutter Guden habe auch Beobachtungen gemacht, und an Meta einen verdoppelten Fleiss, und Dankbezeugungen gefunden, die alle einer Bitte gleich gesehen hätten. Da nun die Sache wegen