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anzunehmen. Es wurde lang von ausländischen Gesellschaften und Winterbelustigungen gesprochen, wobei Ott, Latten und mein Cleberg wegen ihren Reisen in neueren zeiten sehr viel Artiges zu erzählen wussten, so wie mein Oheim etwas von den Erinnerungen vorsuchte, die ihm vom Hof des letzten Herzogs von Lotringen geblieben waren, weil er zu Nanci und Lüneville studirt hatte. Stiege sprach von alter deutscher Sitte in dieser Jahrszeit, und unsere van Guden ward aufgefordert, uns von Holland zu erzählen. Das nahm einige Zeit weg. Unsere muntere Frau Grafe hörte immer aufmerksam zu, schüttelte manchmal den Kopf, und da Frau Guden gar keinen Vorschlag machen, sondern nur von ganzem Herzen einen jeden eingehen wollte, der uns alle am meisten freuen würde; so fing Frau Grafe endlich an: Weil die Frage von leiblichen Freuden und Vergnügen wäre, so dächte sie ein Recht zu haben, das erste Wort in der Gemeine zu führen, von den schönen Kenntnissen, welche unsere gereisten Herren (hier stunde sie auf und verneigte sich tief, auf alle umher sehend,) gesammlet hätten; möchte sie nur diess gebrauchen dürfen: Dass wir Weiber den Ton der Belustigungen angäben, wie es in dem belobten Frankreich üblich wäre, (hier war wieder eine Reverenz,) auf allen Fall aber müssten wir uns sogar die Fastnachtskappe nach unsern Köpfen zurecht schneiden. Sie wünsche, dass man gute alte Gewohnheiten und artige Neuerungen mit einander verbinden möchte; deswegen sollten die Vormittage unangetastet bleiben, um die nötige Zeit zu Hausordnung und Schlaf für die Weiber, für die schöne Gesichtsfarbe und Putz der Mädchen, wie für das nötige Studieren der jungen Leute, und die Regierung der Welt für die Männer zu haben. Mittags speiste man mässig zu haus, sammlete sich bis Nachmittags vier Uhr etwas artige Gedanken für die Gesellschaft, und käme die Woche zweimal zu Frau Guden, um zu ihren Füssen die liebreiche Weisheit der Weiber zu lernen, und mit ihr den Abend hinzubringen. Dann ginge man einmal zur Frau Cleberg, und ergötzte sich an dem artigen Wettstreit zwischen dem guten Geist der Frau, und dem achteckigen auf allen Seiten fein geschliffenen Kopf des Mannes. Den Tag der Comödie käme man zu ihr, weil sie immer sorgen wolle, dass wir ein artiges Nachspiel ihrer Erfindung in ihrem haus finden möchten. Bei Ott und Julchen würde eine Gattung Ruhetag gehalten werden, um durch ihr sanftes Wesen und die Musik ihres Mannes alles wieder harmonisch zu machen, was sich in dem ersten teil der Woche verstimmt haben sollte, Den Fremden aber müsste allerwegen der Zutritt und Teilnehmung gelassen werden. Sie wollte nun für unser geduldiges Zuhören danken; aber wir klatschten ihr alle unsern Beifall und Einstimmung zu. Nachdem aber hatte sie sich über die kleinen Angriffe zu verteidigen, die sie während ihrer Rede auf uns gemacht hatte; und dies war sehr artig. Dann wurde auch der Entwurf zu einer Schlittenfahrt nach Rehberg gemacht, sobald wir einen schönen Wintertag und gute Schneewege haben würden; und der alte Stiegen versprach, ein Feuerwerk auf den Stiegenhof zu geben, wenn wir dazu helfen wollten, dass seines Neffen Hochzeit mit der jungen Itten auf den letzten Tag im Jahr veranstaltet würde. Das Versprechen und die Bedingung kam uns allen so drollig vor, dass wir herzlich lachten, aber doch versprachen, zu Erfüllung seines Wunsches beizutragen. Mein Oheim kam mit der idee dazu, auf den Tag meines glücklichen Vorgangs Seedorf zu beleuchten, und einen Ball zu geben. Wie oft doch die Leute alle von diesem Zeitpunkt reden, und wie leicht weg da mich immer ein kleiner Schauer ergreift über alle das, was in diesem Fall möglich ist; ob ich schon glaube, dass die Mutter natur mir nicht mehr Leiden machen wird, als andern, und weniger zu leiden verdiene ich nicht, und fodre es nicht. Getreu, zärtlich und mutig will ich sein, ganz, ganz Mutter für mein Kind, mit meinem Kind leben und sterben. Gott lasse mich nur den besten Erziehungsplan durch mein tägliches gutes Beispiel ausführen. Im übrigen mag es Menschenund Erdegang gehen mit mir und ihm.

Diese durch meines Oheims Vorsatz geweckte Ideen hatten mich in van Gudens Cabinet geführt, wohin mir meine liebe Caroline Itten folgte, weil ihr fein fühlendes Herz die Bewegung des meinigen sehr deutlich mit empfunden hatte, und das gute Mädchen auch für sich selbst froh war aus der Gesellschaft zu kommen, weil der zu der Verheuratung ihrer jüngern Schwester bestimmte Tag natürlicher Weise den Wunsch in ihr rege machte, dass ihre Hofnungen auf Lattens Herz und Hand eben so fest, eben so bestätigt sein möchten; und das holde gute geschöpf wurde durch diese zärtlichen Wünsche so bewegt, dass sie sich nicht getraute aufzusehen. Ihre sorge um mich floss also mit der Selbstsorge für die Ruhe ihres eigenen Herzens zusammen, und vermehrte aber auch die Rührung, in welche sie durch Lattens Eintritt in das Cabinet gebracht wurde. Er näherte sich uns mit der edlen bescheidenen Miene, die alles begleitet, was er tut. Er fasste eine Hand von Carolinen, nachdem er nur einen flüchtigen aber unaussprechlichen blick auf mich geworfen hatte. Das arme Mädchen zitterte, und ergrif eine Hand von mir, da Latten anfieng: Caroline! es sind mehrere Gelübde gemacht worden, um glückliche Tage zu feiern; mein Herz machte auch eines: Ich will auf den Tag, wo Sie mir ihre Hand geben werden, vier Waisenkinder versorgen. Sie sah ihn an, fasste seine Hand mit ihren beiden Händen, fing an zu weinen