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das übrige Vermögen geht in vier Teile. Den ersten ihren Verwandten; den zweiten für Erziehung armer Kinder; den dritten ihren Hausbedienten; und den vierten unter arme auszuteilen.

Der Herr von T** will hier wohnen. Wenn er es tut, so lebt er nicht lange, denn alles nährt seinen endlosen Kummer. Er will in ihrem Zimmer wohnen, ihre Betten, alle ihre Möblen haben, ihr Messerzeug. – Er betete sie an, und ihr letzter Atemzug war das Bekenntniss ihrer Liebe für ihn! Morgen geht er weg, und Herr M** K** mit ihm.

Wie lange ist dieser Brief! Aber es war der letzte Auftritt, der ganz meine Seele erfüllte!

Zwei und zwanzigster Brief

Gestern ist der Herr von T** mit dem Pfarrer M** K** abgereiset. Er hatte sich bei Letzterm besonders nach mir erkundiget. Weil ich Henrietten so teuer gewesen, sagte er, müsse ich eine vortrefliche person sein. Herr M** K** gab ihm alle Nachrichten, und auch die, dass ich durch den Briefwechsel mit einer edlen Freundinn bewogen worden, eine genaue Beschreibung von allem zu machen, was sich seit meiner Bekanntschaft mir Henrietten zugetragen habe. – Urteilen Sie, Mariane, wie begierig der gute Herr v. T** auf diese Papiere wurde! Es war mir auch unmöglich, ihm die Abschriften zu versagen. Er will sie seiner gemahlin weisen, bei welcher die so auffallende schönen Züge von Henriettens edler Seele, nicht nur eine Schutzschrift für seine daurende Liebe sein würde, sondern auch zu einer Belohnung ihrer Grossmut dienen könnte, da sie selbst ihm die Reise zu Henrietten vorgeschlagen habe.

Er hatte die Anschriften meiner Briefe in meinem Zimmer, unter manchen Tränen, stille durchgelesen, und bei dem Stück, wo die Frage von seinem Briefe an Henrietten war, erzählte er mir alle Umstände des Kummers, der ihn lange Zeit auf doppelte Weise marterte, da er Henriettens Bild nicht aus seiner Seele drängen, und den inneren Vorwurf auch nicht vermeiden konnte, dass er so kalt gegen seine Gemahlin wurde, die seine traurige übermässige Zärtlichkeit gegen ihr Kind, und sein trockenes, obgleich sehr ehrerbietiges Bezeigen gegen sie selbst nicht begreifen konnte. Er wäre darüber ganz elend geworden; hätte niemand, als seine gemahlin und seine Tochter gesehen, und endlich, da er einmal bettlägerig gewesen, habe er seiner gattin sein Herz eröfnet. Sie hätte viel geweim; lange still geschwiegen und ihn dadurch in die äusserste Aengstlichkeit gebracht; dann aber wäre sie von ihrem Stuhl aufgestanden, hätte sich auf das Bett gesetzt, seine beiden hände in die ihrigen genommen, und ihm mit aller Würde und Eindruck der wahren edlen Güte des Herzens gesagt, dass sie ihm unendlich für sein Vertrauen danke, und ihm gestünde, dass sie dabei gelitten habe; aber, dass sie gar wohl einsähe, was für eine unwiderstehliche Gewalt die Liebe über ein Herz haben könne; sie bedaure die junge Dame innig, und bäte ihn, zu ihr zu reisen, um entweder eine Aussöhnung mit ihrem ersten Liebhaber zu stiften, oder doch wenigstens durch sich selbst von dem Zustande des Fräuleins unterrichtet zu werden. Vielleicht könnte er dadurch Etwas zu der Wiederherstellung der Munterkeit und Gesundheit des Fräuleins von Essen beitragen; genösse den Trost, sie zu sehen, und würde eine richtige idee von ihren Leiden und Wünschen erlangen, da er jetzt in der Ungewissheit, allein den Sorgen seiner Liebe und Bekümmernissen überlassen, sich abzehre, und alle, die ihm ergeben wären, zugleich unglücklich würden. –

Er hätte noch einige Tage gegen diese Reise gekämpft und sich auch aufgemuntert; teils, um seine gemahlin zu beruhigen, teils auch wäre ihm in Wahrheit nach Eröfnung seines leidenden Herzens leichter gewesen; seine gemahlin wäre dadurch in alle heilige Rechte einer Freundinn getreten, auf deren Seele er die seinige stützte; sie hätte ihn über acht Tage lang gehen lassen, ihn aber genau beobachtet; dann wäre sie Abends in sein Cabinet gekommen, und hätte ihm mir einer zärtlichen Heiterkeit gesagt: "Mein lieber T**. Sie haben mir schon einigemal versichert, dass Sie mir eine Genugtuung schuldig sind, wegen des vielen Jammers, den mir Ihre Traurigkeit verursachte. War es Ihnen Ernst mit Ihrer Schadloshaltung?" – "Gewiss, meine Auguste, meine gütige Auguste! Sagen Sie, was soll, was kann ich tun, um Sie zu befriedigen?" – "Sie sollen die Anstalten gut heissen, die ich zu Ihrer Reise nach Effenhofen gemacht habe, und morgen früh mit Ihrem Kammerdiener dahin abgehen. Ich fodre es als einen Beweis Ihrer achtung für mich, und bitte Sie, mich diese edelmütige Handlung ausüben zu lassen. Die Vorsicht hat mich glücklich genug gemacht; ich bin Ihre gattin, die Mutter Ihres Kindes, Ihre Freundinn, und bei diesem Ueberflusse soll ich eine tugendvolle Unglückliche im Leiden wissen und hülflos lassen? Nein, mein T**, Sie sollen zu dem fräulein von Essen. Sie sollen für sich diese Freundinn erhalten, und mir sie zur Freundinn erwerben. Meine Seele ist über die Eifersucht der Eigenliebe erhaben, denn ich liebe dieses empfindungsvolle Frauenzimmer. Ich will Ihnen mit unserer Henriette nachreisen, wenn Sie es nach den Umständen gut finden werden. Aber morgen früh sollen Sie weg. Alle Sachen, auch unterlegte Pferde, sind bestellt; die Witterung ist schön, und der Beweggrund so, wie er vor dem Richteramt der wahren Menschenliebe bestehen kann."

Er versprach es ihrer grossmütigen Liebe, und ging weg. Da er einen leichten Wagen