am Fenster stunde, sagte mir, da sie zugleich mit Mutterliebe mich an der Hand fasste: Suchen sie nie, meine Liebe! nie in andern sich selbst wieder. Es ist immer vergeblich, und nach dem gang der Menschheit wohl gar eine ungerechte Erwartung. Wir drechseln und künsteln alle an dem Bilde des Glücks und der Verdienste, und wollen dabei immer unser Modell auf den Altar des allge – meinen Beifalls und der Nachahmung setzen. Zählen sie nie, meine Beste! nie darausselbst bei keinem Kind, bei keinem Geliebten nicht, und heften sie nie das innige einzige Glück ihres Lebens an den Gedanken einer vollkommenen Uebereinstimmung der Gesinnungen. Sie werden es nur in Büchern finden, weil die Menschen in diesen immer das Beste an den Tag geben. Bauen sie ihren eigenen Garten so schön und vollkommen, als sie können. Lieben sie, und gefallen sie sich in dem, was sie säeten und pflanzten, da, wo sie Meister über den Boden sind; bei andern übersehen sie gerne das Fehlerhafte, und geniessen das Gute, so wie man niedrige Blumen der benachbarten Wiese, das reiche Ackerfeld und die schönen Bäume des Waldes, eines fremden Gebietes, durch das Vergnügen ihres Anblicks geniesst, ohne dass man überall Rosen und Nelken finden will; und vergessen sie nicht, meine liebe Rosalie, dass ihre van Guden diese Wahrheiten auf dem Wege alle des Kummers fand, den ihr das Anhängen an der idee des vollkommenen Geliebten uns des vollkommenen Glücks der Liebe bereitete. Sie und ich schaffen uns gerne Ideale. Ich weiss, wie süss es ist, unter den schönen Bildern herum zu wandeln; wir wollen sie aber in Zukunft nur als Zeichnungen aufbewahren und uns manchmal daran ergötzen, aber nicht böse werden, wenn in dem Zirkel unserer Bekanntten kein Gesicht und keine Figur so schön ist, als wir das Schöne uns denken können. Durch dieses, meine Liebe, werden wir zeigen, dass Kenntnisse des Geistes und ein edles Herz eben so menschenfreundlich als glücklich machen, und (setzte sie mit einer aus Guterzigkeit und Spott vermischten Miene hinzu,) den angenehmen Gedanken, dass wir zwei Ideale von der besten Gattung sind, muss man uns immer lassen. Sie sehen, meine Mariane, wie getreu diese Frau ihren einmal bekannten grundsätzen folgt, da sie behauptete: Reichtum des Geistes müsste mit eben so viel Grossmut genossen und ausgeteilt werden, als der vom Gold: man müsse nicht stolz auf die Armen blicken, sondern auf eine liebreiche Art geben, was man an Geld und Lehre nehmen wolle. Sie würden sehr zufrieden mit ihr sein, wenn Sie sie stundenweiss stillschweigend um uns sähen, und in ihrem so bedeutenden Gesicht bald das feine Lächeln des Beifalls, bald den blick des Wohlwollens, oder Ausdruck der wahresten Hochachtung bemerkten. Sie arbeitet immer, wenn Leute um sie sind, und Henriette Pindorf hat ihren Platz in einem Fenster neben ihr, wo das holde Mädchen an ihrem artigen eigenen Tischgen sitzt und auch arbeitet, Vormittags aber von Frau Guden Unterricht bekommt. Nachmittags, ehe Besuche kommen, liess sie mit ihrem Bruder etwas bei ihrem Lehrmeister, worüber sie dann der Frau Guden Rechenschaft geben muss, um sie von nützlichen Sachen gut und ohne Gepränge reden zu lernen. Mitlerweile schreibt oder liest van Guden, sieht nach ihrem haus, nach ihren Rechnungen. Sie speist wie wir, simpel; aber der Tisch wird mit der äussersten Reinlichkeit besorgt, und nie, auch wenn wir alle beisammen sind, mehr als acht Schüsseln gegeben. Wir alle und Fremde sind mit dem grössten Vergnügen in ihrem haus. Das Gesellschaftszimmer ist mit feinem Grün ausgeschlagen, und eine einzige Reihe Kupferstiche der schönsten englischen Gärten darinnen, und dann in zwei Ecken die vortreflichsten Abgüsse von zwei Geniis, in Grösse achtjähriger Knaben. Der Ofen ist von Porcellan, ganz weiss, wovon der untere teil einen alten Altar vorstellt, auf welchem eine grosse Urne ruht, die mit schön gearbeiteten und vergoldeten Lorbeerblättern umwunden ist, von denen zwei Zweige noch über den Altar herunter hängen. Zwei Canapee, und viele Stühle von grün und weissen Zeug sind umher, und schöne porzellanene Blumentöpfe voll Blumen vor den Spiegeln, welche von ihr, von Meta und Moos gezogen und gepflegt werden. Man kommt, geht, spielt und spricht, bringt Fremde mit, ohne Ceremonien zu machen, und alle Abende können sechs Personen bei Tische bleiben, wo dann die Unterhaltung voll sanfter Munterkeit und feinem Scherz bis zehn Uhr dauert.
Hundert und achtzehnter Brief
Rosalia an Mariane S**.
Sie wollen von dem gesellschaftlichen Leben so vieler gescheuten Männer und Weiber mehr wissen, besonders da ich Ihnen von einem Entwurf schrieb, der für unsern Winter gemacht wurde. Das trieb sich sattsam umher, weil der mutwillige Kopf meines Mannes den Vorschlag gemacht hatte, dass man eine Zusammenkunft halten, und gemeinsam darüber sprechen sollte.
Wir sassen alle in van Guden Gesellschaftssaal umher. Glücklicher Weise hatten wir Frauenzimmer alle unsere Arbeit bei uns, so wie Mutter Guden an ihrem Tapetenrahme beschäftigt war; sonst würden wir lächerlich ausgesehen haben. Denn beinah wussten unsere Männer nicht ganz, was sie für eine Gattung Gesichter machen sollten: indem sie da höflich, aber doch vorzüglich klug zu Werk gehen wollten; die Weiber sehr bescheiden sein, aber doch zugleich vorsichtig genug, um keinen von ihren Wünschen zu verliehren, und, wie Frau Grafe bemerkte, so wollten die Männer keine gesetz vorschreiben, und die Weiber schienen auch nicht geneigt, in dieser gelegenheit welche