Zimmer, da ging sie mir eilend mit einer ausgestreckten Hand entgegen, ich fiel auf meine Knie, umarmte ihre Füsse, küsste sie und benetzte sie mit Tränen. Es war nicht soldatisch, aber brüderlich; van Guden war mir eine wohltätige Gotteit, ich betete vor ihr, so wie ich vor dem lebendigen Gott gebetet hätte; ich war ausser mir und vor Seligkeit beinah erschöpft. Die edle Frau weinte aus Rührung über mich gebeugt, und sagte, dass sie unendlich glücklich sei, einen solchen Bruder auf der Erde zu wissen; sie winkte den andern, stille zu sein und mich gehen zu lassen. Das leise sanfte Zureden von ihr brachte mich nach und nach zur Ruhe, und zur Teilnehmung an ihr und aller Süssigkeit in Wollinghof. Die Kinder meiner Lotte, die Hütte, in welcher die ältere gebohren waren, der Platz, wo die van Guden zu den Kindern gekommen, das jetzige Haus, alles hatte etwas übermenschliches für mich, es war immer in mir, der Frau Guden auf den Knien nachzukriechen, immer zu danken und zu beten. Ich schätzte meinen Bruder Wolling auch sehr wegen der Sorgfalt, mit welcher die Hütte in allem erhalten wird, wie sie war, und dass er immer das Gärtgen pflegt und pflanzt, das neun Jahre hindurch, mit seinem Schweiss und Tränen benetzt, ihm Frau und Kinder ernähren half. So wie auch Frau Guden mir ehrwürdig ward, dass sie bei Erbauung des neuen Hauses nicht einen Stein des zerfallenen Schlosses wegnahm, sondern dass sie noch auf den grossen Sekkelstein des Hauptpfeilers die Aufschrift graben liess:
Schloss Mohnberg, durch adelichen Wohlstand der edlen Mohnheimer erbaut, durch adeliche Wut im Faustkriege verstört; dennoch schützten meine Ueberreste neun Jahre lang die zu mir geflüchtete Unschuld und Tugend einer ganzen Familie, die mich nun als Denkmal der göttlichen Güte betrachtet. Möge ich für ihre Nachkommen ein Stein der Erinnerung werden, dass Gottesfurcht, Fleiss und Rechtschaffenheit die wahren Grundlagen des Glücks sind.
Als er dies aus seiner Schreibtafel vorgelesen hatte, fuhr er fort zu sagen, dass er während der ganzen Zeit, die er in Wollinghof zugebracht, immer ein Gefühl in sich getragen, als ob er in einem grossen Tempel herum ginge, in welchem die wahreste und Gott gefälligste Religion gepredigt würde. Er habe auch Gottes Segen so sichtbar in allem gefunden, die Menschen, Tiere und Gewächse so gut, so glücklich, dass er oft im Wald, bei der Hütte, oder dem Stein seiner Mutter ausgerufen hätte: O das ist Elysium! Die grösste irrdische Belohnung, die er sich für unsere van Guden denken kann, ist, dass sie verdiene, bei seiner kaiserin zu leben. Ich belohnte ihn für den herrlichen Morgen, den er uns durch seine Erzählung gegeben hatte, mit der erlaubnis, das Pack Briefe abzuschreiben, welche ich von Frau Guden aus Mohnberg erhielt, worinn er also alle das Gute findet, welches sie von den Wollingen sagt. Er hat die Ruinen von Mohnberg, die Hütte, das Gärtgen und das neue Haus abgezeichnet und in Dusch gebracht, das glebt nun ein herrliches Heft, welches er immer bei sich tragen will, weil er es als ein untrügliches Mittel ansieht, sich in seiner Liebe und Verehrung der Vorsicht zu stärken, und den Glauben an Menschenliebe und Menschentugend fest zu halten. Er übersetzt es auch in die russische Sprache; denn er wünscht, dass die ganze Welt wissen möchte, was die Tugend des Armen, und die Edelmütigkeit des Reichen für herrliche Früchte hervorbringen.
Es ist ein hochachtungswürdiget. Mann. Wir haben ihn malen lassen, ehe er nach Wollinghof zurück ging. Sie werden also bei uns sein Bild sehen.
Hundert und siebenzehnter Brief
Rosalia an Mariane S.**.
In drei Wochen keinen Brief! Schreiben Sie: nimmt van Guden alles? gehört ihr alles? –
Ja meine Beste! Sie haben Ursache zu klagen, dass ich so lange schwieg; aber hören Sie mich, und Sie werden sehen, dass van Guden von dieser Zeit an nicht mehr erhielt, als ihr gebührte. Ich nähere mich einem wichtigen Zeitpunkt meines Lebens, und die vielen obschon angenehmen Bewegungen der Seele, die ich einige Wochen durch zu tragen hatte, machten mich vermuten, dass ich von einer frühen Niederkunft überrascht werden könnte; da führte ich also mit einer Art Aemsigkeit alle das aus, was ich mir auf diesen Fall vorgenommen hatte; das ist, nicht nur die nötige Zubereitung der Betten und weissen Zeuges, denn das war alles fertig; aber eine mich stärker angreifende Beschäftigung, Briefe an Sie, meine Liebste, an meinen Oheim, meinen Mann, an van Guden, die Ottens, und alle die ich schätzte, diese waren in dem Ton der Vermutung gedacht, dass der Augenblick, wo mein geliebtes Kind gesund zur Welt käme, wohl der sein möchte, in welchem seine zärtliche Mutter sie verlassen würde, und da wollte ich nun, dass nach meinem Tod alle meine Freunde noch ein Kennzeichen meines Danks für ihre Liebe, und den letzten Beweis meiner zärtlichen Verehrung erhalten sollten. Sie können sich die Stimmung denken, in welche mein Kopf und Herz bei jedem dieser Briefe kam; ich durfte mich auch nicht immer dabei aufhalten, weil ein Ausdruck von Trauer auf meinem Gesicht bei Clebergen und meinem Oheim jedes Vergnügen stört, ja sogar der junge Itten, und meine Leute niedergeschlagen werden, wenn ich weniger heiter bin als gewöhnlich, und jemehr diese Teilnehmung und mein Einfluss auf