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war über diesen Gedanken in sich selbst gekehrt, und ging diesen Tag nebst den folgenden Morgen tiefsinnig umher; tadelte sich aber, dass er den lebenden Geschwistern wegen der toten mit so viel Kälte begegnete. Er sagte sich: sie können ja nichts dafür! Tod und Sterben ist Anordnung der VorsichtGott nahm das gute geschöpf, ihr ist wohl! – – Mit diesem Gespräch in sich selbst kam er zum Mittagsessen nach haus, heiterte sich auf, und suchte einem jeden durch freundliches Bezeugen zu ersetzen, was er ihnen so ungerecht entzogen zu haben glaubte. Sie waren auch alle sehr froh, ihn so aufgeweckt zu sehen, und wetteiferten in ihrer Bemühung um ihn herum; seine zweite Schwester und ihr Mann waren auch gekommen, man hatte noch Gäste gebeten, die mit dem russischen. Herrn Bruder speisen sollten. Der Tisch' war in einem grossen Zimmer gedeckt, in welchem einige Familienbildnisse hiengen, man wiess ihm endlich das seinige als Knaben. Hier erinnerte er sich, dass Charlottens Bild neben dem seinigen auf dem nemlichen Blatt gemalt gewesen, und dass das ganze grösser gewesen war. Er fand auch, dass etwas abgeschnitten worden; und sagte es, fragte auch: wo denn das Bild der guten Charlotte hingekommen sei? Warum man es abgeschnitten habe? Er wolle es für sich haben. – Der Wein und die Lustigkeit des Schmauses hatten den ältern Bruder und die zwei Schwäger schon so weit gebracht, dass sie ohne alles Nachdenken dem ruhigen Wassertrinker über seine Charlotte loszogen. Er staunte erst, dann sagte er mit einer Träne im Auge: Ach lasst sie in ihrem grab ruhen, und gebt mir ihr Bild, das neben dem meinen war; ihr mögt sagen was ihr wollt, sie ist ein gutes holdes Mädchen gewesen. Nun schrieen die rauhen Leute zugleich: Ich wollte, sie wäre tod, so beschimpfte sie uns doch nicht mehr mit ihrer Bettelzucht auf dem Mohnheimer Berg. Der arme Hauptmann fuhr auf: Was! Charlotte lebt? hat Kinder? ist im Elend? und ihr! Ihr seid Brüder und Schwestern! Er hatte seinen Stuhl unigestossen, und wollte voll Unmut und Schmerz aus dem Zimmer gehen; sie hielten ihn, und erzälten von dem Gärtner Carl, der sie verführt und unglücklich gemacht habe. Mehr hörte er nicht an. riss sich loss, und gab seinen Bedienten Befehl, ihm zwei Pferde zu schaffen, und eilte mit Heftigkeit in sein Zimmer, indem er auf seine Brust schlug, und sagte: Charlotte! Carl! ihr habt noch einen Bruder an mir. Da man ihm nachginge, und ihm Vorstellungen über die jähe unfreundliche Abreise und endlich auch wegen der nahen Nacht Einwendungen machte, so drohte er bei Einpackung seiner Sachen, er würde sich seinen Weg mit seinen Pistolen frei machen, wenn sie ihm. die mindeste Hinderniss vorlegten, und reisste nach Mohnheim ab, wo er aber erst den zweiten Tag anlangte; indem er selbst in der Nacht krank wurde: und auch die Pferde ruhen lassen musste. Er wünschte anzukommen, und fürchtete sich zugleich vor dem Anblick zweier Personen, die ihm immer so wert gewesen. Er liess den Boten und seinen Bedienten im Dorf zurück, weil er das Elend seiner Charlotte ohne Zeugen sehen wollte, und ritt allein auf Mohnberg zu. Mein Pferd, sagte er, keuchte nicht so sehr darüber, meine Last Berg-auf zu tragen, als ich unter den Druck meines Kummers um Charlotten; der so lang verwundene einsame Weg des Waldes schwärzte meine traurige Gedanken noch mehr, und als ich nah an Wollinghof kam, und das schöne Haus fand, so dachte ich irre geritten zu sein, und es verdross mich, so glückliche reiche Leute auf einem Berge zu sehen, wo ich meine Schwester im Elend finden würde. Ich rief einer Magd, die ein artig Kind auf dem Arm hatte, sehr trotzig zu, mir zu sagen, wohin ich zu der Hütte des Gärtners von Mohnberg kommen könnte, ich wäre sein Verwandter und wolle für ihn sorgen. Das Mensch lief, ohne ein Wort zu sagen, fort, und ich ritte den Torweg hinein, da kam Wolling mit Eile den gang her. Ich erkannte ihn wohl, aber das Bild von Armut war so in mir, dass ich nicht glauben konnte was ich sah, und nur steif ihn anguckte. Er erkannte mich sicherer: O mein Freund Heinrich! rief er, mich noch auf dem Pferde umfassend, willkommen! o Gott willkommen! Ich kam aus meinen Steigbügeln und von dem Sattel, ich weiss nicht wie, und lag in Wollingsarmen: alles war um uns versammelt. Meine Lotte wurde vor Freuden ohnmächtig, und ich beinah krank vor inniger Erschütterung des jähen Wechsels der Angst mit Entzücken. Ach wie oft fragte ich sie: Kinder wie ist das? ist es gewiss? das Haus euer? der Wohlstand euer? man sagte mir von Armut und Jammer. – Ach was erzählten sie mir dann von der Erscheinung der van Guden, von dem Zustand, in welchem diese Frau sie fand, was sie tat, und wie sie nun mit ihnen lebte. Dann führten sie mich im Triumph zu dem Engel, der dieses Paradies für sie geschaffen hatte. O was war der Anblick dieser Gestalt für mich! (sagte er, auf van Gudens Bildniss zeigend, denn sie wollte nicht dabei sein, als er den Auftritt erzählte.) Wolling und Charlotte nannten mich bei dem Eintritt in das