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dem Pfatrer zu Mittag und es wurde bis zu unserer Ankunft in die Stadt so spät und dunkel, das schon in allen Häusern die Lichte angezündet waren. Cleberg hatte Carolinen zum Namenstag einen blauen Reiserock und Kappe mit weissem Pelz ausgeschlagen machen lassen, wie meine gelbe Kleidung ist. Wir mussten beide diese Kleider anziehen, teils weil es kalt und duftig war, teils auch weil es uns beiden sehr gut stunde. Sie denken sicher, dass uns letztere Ursache eben so wohl gefiel, als erstere und dass wir uns in der Kutsche selbst sein gerad hielten, um unsere schöne Taille immer in guten Licht zu halten, ob es schon dunkel war. Die Stadt, die Strassen und Häuser hatten etwas neues für mich bekommen, weil ich den ganzen Sommer nur einmal da war, um mit Hannchens Eltern wegen ihrer Heirat zu sprechen. Ich sah also während dem Fahren immer mit einer Art Neugierde, die Gassen hin und her, staunte aber gar sehr als ich ein Haus in der Nachbarschaft des unsrigen, in beiden Stockwerken ausserordentlich beleuchtet sah. Bei der Räherung unserer Kutsche, da wir bei diesem Haus um die Ecke mussten, wo unser Hoftor ist, bemerkte ich einen Saal mit Wand- und Hängeleuchtern mit vielen Wachslichtern und mehrere Personen an den Fenstern, die mir sogar Bewegungen des Grüssens zu machen schienen. Ich sagte es meinem Mann, indem ich zugleich hastig fragte, wer wohl da wohnen möchte? Er drückte mir etwas zitternd die Hand und antwortete: rechte gute Freunde von uns mein Kind, mit denen wir zu Nacht essen werden. Wenige Augenblicke darauf hielt der Wagen still, ich dachte Ott und Julie hätten ihre wohnung verändert, oder die Callen wären in die Stadt gezogen. Aber ein Bedienter, den ich nie sah und ein Soldat erschienen mit Lichtern an der tür und gleich darauf kam ein artiger Officier in Russischer Uniform, und bot mir die Hand, mein Oheim half Carolinen aus der Kutsche, denn mein Mann war heraus gesprungen, und hieng an dem Hals eines Fremden. Ich blickte mit Verlegenheit und Unruhe nach meinem Oheim, in dessen Gesicht ich die Auflösung dieses Räzels lesen wollte. Er verstund mich, lächelte freundlich und sagte: fasse dich Salie, du wirst mehr als eine Freude finden. Caroline stunde denn mit dem kleinen Fritzgen an der Hand neben mir, der Knabe versteckte sich bei den vielen Fremden in meinen Rock. Cleberg rief ihm zu und den Augenblick schrie der Kleine innig, Papa! Papa! verliess Carolinen und mich, um in Lattens arme zu eilen, welches der Fremde an Clebergs Hals war, der während den ersten Küssen des Kindes flüchtige, aber sehr bedeutende Blicke auf mich und die gute Caroline warf. Ich bewillkommte ihn nur mit der Bewegung meiner rechten Hand, indem ich die Auffoderung des Officiers folgen musste, der mich gegen die Treppe führte, die sich von einer Seite in einen Winkel dreht, wo man einige Schritte nach der ersten Hälfte zu ruhen hat, ehe man die zweite zu steigen anfängt und dort einen schönen Vorplatz sieht. Den nemlichen Augenblick, wo ich die Augen dahin wandte und nur noch vier Stufen zu steigen hatte, sah ich ein Frauenzimmer zu einer tür heraus eilen, und mit ausgestreckten Armen gegen die Treppe laufen. Und, o liebe, liebe Mariane, es war van Guden, die mich an ihre Brust drückte und eben so wenig reden konnte als ich. Wir taumelten mit verschlungenen Armen in ein Cabinet, wo Freudentränen unsere gepressten Herzen erleichterten, wo wir uns fassten und über den Gedanken entzückt waren, den ganzen Winter mit einander zu leben. Sie dankte meinem Mann und Oheim, die in allem so gut für das Haus gesorgt hätten und ich fand darin die Ursache, warum Cleberg die letzte Herbstzeit so oft in die Stadt ritte ohne mir je etwas von seinen Geschäften zu sagen. Nun waren die andern auch in den Saal gekommen, mein Oheim klopfte an die Cabinetstüre und bat mich, ihn der Frau Guden vorzustellen. Diese zwei würdigen Personen umarmten sich, indem van Guden sagte: der väterliche Freund von Rosalien und ihre mütterliche Freundin könnten sich auf keine andre Art bewillkommen. Hierauf stellte sie mir den Officier als den jüngsten Bruder von Frau Wolling, die zwei Pindorfischen Kinder, den Carl Wolling, Meta und Wilhelm Mooss vor. Dieser Herr (auf Latten deutend,) sagte sie, wird ihnen nicht fremd, aber unerwartet und etwas neu vorkommen. Lattens auge betrachtete mit Nachdenken meine Gestalt, die durch mütterliche Hofnungen etwas verändert war. Er bückte sich nach seinem Fritzgen, den er an sich schloss, dann meinen Mann an der Hand fasste, mit dem er in ein Fenster ging. O möchten sie doch sehen, was in der Einöde von Wollinghof aus den Pindorfischen Kindern geworden ist. Reiner Wuchs, edle Offenheit der Seele in allen Zügen, alle Anmut freier jugendlicher Bewegung, der Ton der stimme lauter Liebe und Leben; vertraute zärtliche Blicke auf van Guden als ihre Freudengeberin; zuweilen Anhängen und leichtes Weghüpfen von ihr. Meta Mooss, wie hold, wie so voll jungfräulichem Anstand und Sittsamkeit neben dem Ausdruck von Geist und Glück ihrer Jahre. Wilhelm Mooss, zu einem Freund, Lehrer und Vorgänger gebildet, Bescheidenheit und Selbstbewusstsein in der lebhaften Jünglingsmiene, Aufmerksamkeit und Anbetung im Auge, so oft er van Guden ansah, oder sie mit ihm sprach. Gustav und Henriette, alle edle Kennzeichen ihres Standes in ihrem feinen gefälligen Bezeugen und dann Unschuld,