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treuherzig ihren schätzbaren Mann wieder zu sehen, sprach so gern von jeder guten Eigenschaft die er besitzt, von seiner Liebe für sie, von ihren Kindern, so dass sie uns auch dadurch unendlich lieb wurde.

Sie waren alle vier Tage mit uns zu Rehberg und dies sind wirklich Göttertage für mich gewesen. Denken sie sich den Hausherrn und Frau, die Callen, die Kahnberge, Otten, der herrliche Rat Franke, unserer Grafe Bruder und feine artige Frau, wir Cleberge und meinen Oheim; dieser und mein Mann freuten sich ungemein über die Erneuerung vieler halb erloschenen Bilder, die ihnen durch diese wieder fremde vorkamen; wie sie auch durch Nachrichten ganz kurz entstandener Ideen und Sachen Schriftsteller und Arbeiter in dem Gebiet der Wissenschaften und Künste, die sie auf ihrer Reise sahen, unserer Kenntnisse bereicherten. Wir haben auch durch sie eine grosse Liste von Büchern und Kupferstichen, Namen von Kaufleuten und Fabrikanten, wo schöne und artige Sachen neuer Erfindung zu haben sind, erhalten. Unsere Männer lieben alle diess, und haben nun viel Stoff zu neuen belebten Unterredungen, über Mechanik, Musik und andern Künsten, woraus wir Weiber auch Nutzen für unsern Kopf ziehen und dadurch unser Leben verschönern.

Für mich war dieser Aufentalt noch viel mehr als für die andern; weil er die ersten reizenden Tage in mein Gedächtnis zurück rief, die ich in Redberg verlebt habe. Der vortrefliche Pfarrer lebt nicht mehr, durch den ich Henriette von Effen kennen lernte; aber sein jüngerer Bruder hat die Stelle, und die Einwohner von Effenhofen sind durch Herr T. sehr glücklich, sagte Herr Callen, dessen Gut hier in Rehberg liegt. Mein Mann liess mich nicht nach Effenhofen gehen, weil er mich von starken Gemütsbewegungen bewahren will. Hier geniesst man Frühlings- und Herbstaussichten besser als in Seedorf. Das Schloss liegt auf einem Berg, das Dorf an der Anhöhe desselben. Da ist im Frühjahr, die verschiedene Blüte der Obstbäume und jetzt die vielerlei Farben der absterbenden Blätter, das welkende Grün der Wiesen und die noch frisch aussehende Tannen dagegen ein sehr angenehmer Anblick. Der Zufall hatte mich und die Ottens gerad in die Zimmer gegen das Tal angewiesen, wo wir zweimal während dem starken Nebel, der in dem Tal lag, und dem heitern Himmel mit Sonnenschein auf dem Berg, uns vorstellten, als ob wir von einem Felsengebäude das Meer betrachteten und eine idee seiner Unermesslichkeit, war vor uns. Unsere Männer Ott und Cleberg erzählten uns dabei von ihren Seereisen, und es ist wohl in langer Zeit nicht bei einem Frühstück und Aussicht auf Nebel so viel Nutzen und Vergnügen genossen worden, als die zwei Tage. Adieu, Beste, Teuerste!

Hundert und vierzehnter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Nun ist die zweite Ittensche Tochter ganz bei mir. Sie ist, ohne Schönheit, höchstgefällig, von mittler Grösse, schlank, weiss, etwas Pockennarbigt, Wangen und Lippen fein rot, der Mund gross, aber schöne Zähne, und die Bewegung im Reden und lachen ganz artig, Anstand in allem was sie tut. Sie fasst alles leicht, bewegt sich und geht leicht; denkt und spricht gut, ist freundlich, edel und dienstfertig. Wie innig das holde Mädchen sich an mich heftet, kann ich ihnen nicht genug sagen! Sie lauscht, sieht und horcht nach mir, wenn ich mich wende, komme oder rede. Aber eben so aufmerksam ist Ott auf sie. Letzt sagte sie mir, in seiner Gegenwart: Sie wolle meine mir ganz ähnliche Tochter werden. Da fasste er ihre Hand und sprach ganz lebhaft: O wie glücklich machten sie uns alle, meine Liebe, wenn diess geschähe. Was will er damit? Ich ward rot, und das liebe Mädchen sagte so treuherzig: warum ist ihnen an einer Rosalie nicht genug dass sie dazu noch eine Julie haben wollen? Er antwortete: Sein sie ruhig, Liebe, und suchen nur, so viel sie können, Wiederschein von diesem strahlenden Bilde zu werden; wobei er auf mich deutete. Ich nähte emsig fort, weil mich der Inhalt dieses Gesprächs verlegen machte. Ott hatte sonst nie keine Art von Schöntun bei mir gezeigt. Ich will es auch nicht, dann wahre Freundschaft besteht nicht mit diesem Getändel; und der schätzbare Mann sah so ernst und nachdenkend dabei aus, dass er mir fast missfiel. Aber nun ist meine Pflicht des guten Beispiels doppelt geschärft; gute Eltern vertrauen mir jungen Frau ihr Kind, und die truglose Seele des Mädchens hält mich für so verdienstvoll, dass sie für ihre eigene Liebenswürdigkeit nichts bessers zu tun siebt, als mir nachzuahmen und der Ott nimmt den feierlichen Ton und Miene an, um ihr dieses Nachahmen recht wichtig zu machen. Dem Himmel sei Dank, dass der natürliche gang meiner Seele nach einem guten Ziele gelenkt ist, sonst würde mir die idee einer Nachfolgerinn sehr beschwerlich werden, weil ich sie mir immer zugleich als Aufseherin denken musste. Ich lehrte sie die französische Sprache. Des Morgens, wenn wir ganz allein sind, lieset sie und sagt mir das Wenige, so sie in der Gramaire gelernt, auswendig vor, und dann geht sie mit mir in Haus und Hof umher, und muss, wann wir bei unserer Zimmerarbeit zurück sind, mir, was sie sah und mich reden hörte, wiederholen und dann wird es übersetzt, und manche schöne Betrachtung gemacht. Die Gute! wie zärtlich ist sie! Aber, meine eigene Erfahrung und die noch ganz neue über eine Fremde gemachte