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, sie etwas höher zu legen, und wir bemerkten, dass sie über was nachdachte. Endlich fing sie an: "Wo ist Herr von T**? ich möchte ihn sehen! Aber, lieber Herr M** K**, bitten Sie ihn, dass er nicht zu bewegt sei!" Der Arzt, und wir alle, wollten sie von dieser Unterredung abhalten, weil sie solche zu sehr angreifen würde. "Ach, meine Freunde! ich fühle, dass ich nur noch wenige Schritte bis an das Ende meines Lebens habe! Lassen Sie mich diese kurze Zeit noch nach meinem Herzen geniessen! Was soll T** so weit von meinem Zimmer tun? Mein Anblick ist ihm so wert –" Herr M** K** ging hinaus, ihn zu holen. Da drückte sie meine Hand – "Ach, Rosalia! was ist mein Schicksal mit den zwei Vettern! Der eine raubte mir Freude und Gesundheit, und dieser gute edle Mann befördert meinen Tod!" – Von T** kam. Sie blickte ihn lächelnd an, und reichte mit der Hand nach ihm. Er näherte sich ziemlich gefasst, küsste ihre Hand mit bebenden Lippen und fragte nach ihrem Befinden. – "Ziemlich wohl! Aber, müde an Geist und Leib." – Mein Gott! erwiderte er, ich fürchte, mein unbedachtsames Eindringen hat Sie erschreckt und so krank gemacht! Ich werde es mir niemals vergeben. – "Sie hätten Unrecht, teurester T**; denn Ihr Anblick würde mir bei keiner gelegenheit gleichgültig gewesen sein, aber, meine vorherige Entkräftung hat mich zu jeder Bewegung untüchtig gemacht." – Er sagte hierauf nichts, sondern küsste nur ihre Hand und blieb mit darüber gebogenem haupt sitzen. Sie schwieg auch lange, und sagte dann mit flüchtigem Erröten: "Sie haben eine würdige gemahlin, Gott segne Sie beide! – Bitten Sie die Frau v. T**, dieses Andenken von der Freundinn des besten Mannes anzunehmen!" – Und da gab sie ihm das grosse und kleinere Futteral, wo in dem einen die kostbare Uhr, die mit der Agraffe reich mit Brillanten besetzt ist; in dem andern, Ohr-Rosen und eine Haarnadel war; in dem dritten, zwei gleiche Ringe von grossem Wert, wovon sie einen ihm reichte. "Diesen tragen Sie. Den andern, Ihre gemahlin. Ihre Tochter, die Sie in der Taufe meinem Andenken weihten, habe ich schon lange als das Kind meiner Seele zur Besitzerinn von Effenhofen gemacht. Ich hoffe, sie wird einst die guten Einwohner darin lieben und glücklich machen." – Herr von T** lag nun auf den Knien vor ihrem Bette, seine beiden arme an dem Bettgestelle ausgespannt, und rief: "O Henriette! Henriette! was sollen all diese Anordnungen?" – "Sie sind das einzige, was mich die Versicht für den zu spät geliebten Mann meines Herzens tun lässt!" sagte sie, und in dem nemlichen Augenblicke war sie aufgerichtet küsste die Stirne des Herrn v. T**, und mit Sammlung ihrer letzten Kräfte, legte sie ihre hände auf ihre Brust, – "Von Dir, ewige Liebe! erhielt ich dieses gefühlvolle Herz! Rein, Rein, wie es aus Deinen Händen kam, gebe ich Dir es zurück." – Mit einem Schrei des Schmerzes sank von T** auf die Erde. Henriette rufte: "Ach Gott!" liess ihre hände fallen, und verschied. –

O Mariane! wie gerne hätte ich meine Seele auf ihren Händen, die ich küsste, ausgehaucht! Ich konnte nicht reden und nicht weinen. – Durch unsere Unruh und Mühe kam von T** zu sich, rafte sich auf, und stunde mit gerungenen Händen, starre Blicke auf Henriettens Leichnam geheftet. – Auf einmal näherte er sich Liesen, die an der einen Seite des Betts kniete, und mir einem Schnupftuche den Todesschweiss von der Stirne des entwichenen Engels wischte. Er legte sein Gesicht einen Moment auf Henriettens Arm. – "Heilige, heilige Ueberreste!" sprach er mit dem wehmütigsten Tone, betrachtete noch mit gesunkenem haupt das kaltwerdende Bild, riss dem knienden Mädchen das Schnupftuch aus der Hand, hüllte sein Gesicht hinein, küsste es, fasste es in beide hände, eilte ins Vorzimmer, wo er sich vor einen Stuhl auf die Erde warf und laut schluchzend zu weinen anfing. – Ich ging traurig in mein Zimmer. Kurz darauf wurde mein Herz durch das Wehklagen der Dorfleute aufs neue zerrissen. O, die Liebe der wahren Tugend liegt tief in der Seele der Menschheit! Ich habe es bei der Leiche von Henrietten gesehen. – Was für Trauer, was für Ehrerbietung war in allen, die sie zu der gewählten Ruhestätte begleiteten!

Sie liegt neben den Ueberbleibseln einer kleinen alten Capelle, am Ende des Dorfs, wo sie schon vor zwei Jahren, ohne dass man ihre Absicht wusste, auf die Seite gegen das Feld, ein halb rundes Dach, auf fünf schöne steinerne Säulen gestützt, hatte bauen lassen. Auf beiden Seiten der mittlern Säule ist es offen zum Eingang. Zwischen den andern aber, Bänke von Stein, wo sie oft hinging, sich setzte, und mit den Feldarbeitern sprach. Ein grosser Stein deckt ihre Gruft, auf dem nichts steht als:

Ruhestätte

von

Henrietten von Effen,

24 Jahr alt.

In ihrem letzten Willen erhält die Tochter des Herrn von T** all ihren Schmuck, Silber und Effenhofen; der Herr von M** eine schwere goldene Dose, zum Denkzeichen ihrer Versöhnung; und