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, wenn sie uns mit dem Andenken des Hasses und der Beleidigungen unsers nächsten erscheint. Sie küsste dann mit einer Träne im Auge, einen aus Haaren geflochtenen Ring. Gutes tun und Gutes glauben will ich, Julie, bis ich dich sehe, um der Freundschaft deiner edlen Seele wert zu bleiben. Sie können denken, dass ich sie hier aufmerksam anblickte, und sanft sagte ich, mich gegen sie biegend: darf ich den Ring sehen, der ihnen so wert ist? Gern! aber nicht anrühren. Er ist Reliquie und die ganze Erde hat nichts ähnliches mehr. Dann erzählte sie mir von einer schweizerischen Dame, deren Tod sie seit einem Jahr beweint, und durch ihre innige Liebe und Verehrung für diese ausserordentliche person macht sie sich selbst hochachtungswürdig.

Diese Dame hiess Julie Bondeli, ein, wie die Fremde sagt, für alle, die sie kannten, heiliger, geliebter Name, weil er ihnen Grösse des Geistes und der Seele in einem Bilde darstellt. Kenntnisse, Tugend und jeder Reiz des Verstandes und der Güte lagen in ihr vereint.

Sie gab uns dann Briefe von ihr zu lesen. O meine Mariane! diese Freundin hätten Sie haben, Sie kennen sollen. Unsere Männer bewunderten den Scharfsinn ihrer Einsichten, die Richtigkeit ihrer Urteile und Ausdrücke, neben der schönen Schreibart. Ihre Feder hat alle Grazie ihres Geschlechts und ihr Geist alle Stärke des unsern, sagte Cleberg. Die Frewde lächelte vergnügt, und erwiderte: Sie sind sehr nah bei dem Gedanken von J. J. Rousseau, der meine verewigte Freundin kannte und zu schätzen wusste. Dieser sagte von ihr: "dass sie zwei der seltensten Vorzüge in sich vereinige: unsers Leibnitz Geist und Voltairs Feder." Mariane! unsere Männer alle zuckten zurück, so wie es bei jähen Einfällen eines Lichtstrals auf unsere Augen geschieht, und mein Cleberg hatte nach Frau Grafens Vermutung die Miene, als ob er das, was er gesagt, zurück haben möchte. Vielleicht tu ich ihn Unrecht; (fuhr sie fort) aber ich habe manchmal bemerkt, dass Eitelkeit uns an den Gedanken eines grossen Mannes anschliessen, und dann ist es bei andern ein Stück Stolz, wie ihr Cleberg hat, der uns lieber schweigen heisst, als einen guten Gedanken mit einem andern zu teilen. Diese Bemerkung mag richtig sein; aber sie missfiel mir. Vielleicht, weil sie den Mann traf, dessen Namen ich trage. Die Fremde hatte während unserm Flüstern noch einige Briefe aufgesucht, die dann vorgelesen wurden. Und gewiss, alle Feinheit des Gefühls und Geschmacks liegt darinnen. Die Fremde sog, mit Entzücken und Wehmut im Auge, die Lobsprüche ein, die wir ihrer Freundin gaben. Sie sagte aber dabei: O, wie viel mehr als diess, war die Güte, Sanftmut und Menschenfreundlichkeit ihrer Seele. Wir wünschten alle, dass diese Briefe gedruckt werden möchten. Aber der edlen toten zuweit getriebene Bescheidenheit verbot es. So, wie sie alle Briefe und Papiere verbrannte, die sie von Freunden erhalten, oder selbst aufgesetzt hatte. Es ist gewiss schön, so lieben zu können wie diese Frau; gewiss glücklich, eine Julie Bondeli zu seiner Freundin gehabt zu haben, und für mich ist es immer wahr, dass, wenn in den besten Stunden unsers Lebens, das, durch Unterricht und Nachdenken erhaltene Bild der Weisheit und Tugend von uns tritt, wir immer die arme darnach ausstrecken und wünschen ihn ähnlich zu sein, weil wir fühlen, dass Einigkeit in ihm liegt. In diesen Stunden machen wir unserm göttlichen Urheber Ehre, und empfinden, dass wir für unsterbliches Glück und für die Tugend geschaffen sind. Jede Faser unsers Herzens ist dann Bestreben nach edlen Taten. Wir empfinden Willen und Kräfte dazu; freilich erlöschen und verschwinden diese Vorstellungen wieder, aber sie zeigen sich mit Macht, wenn wir in irgend einer geschichte, oder in einem lebenden Menschen; einige von den Eigenschaften erblicken, die wir in seligen Stunden uns selbst wünschten, und gewiss, wer edle gute Menschen herzlich lieben kann, ist ganz nahe dabei, selbst so zu werden. Ich denke also in meiner Neigung für diese Fremde nicht zu irren, und es freuete sie, als ich ihre Julie mit ihr beweinte.

Cleberg und Ott behaupten, dass unsere Julie, seit diesem Tage einen geheimen Stolz auf ihren Namen hätte, und sie will, dass ihr nähestes Mädchen Julie Bondeli getauft werden soll. Mir sagte sie: Dann wird Latten finden, dass ich noch mehr Engländerin bin, als du, weil diese ihren Kindern so gar die Familiennamen ihrer geliebten Freunde geben. Das jüngere Frauenzimmer war eine artige Brunette, niedlich gebaut, hatte schöne schwarze Augen und war voll Verstand und Empfindung. Sie hat unschuldige Munterkeit wie ein Kind, ob sie schon mit drei und zwanzig Jahren selbst schon Mutter von drei Kindern ist. Cleberg sprach gern mit ihr, weil sie ihm voller Witz zu sein schien; aber er fand mehr, wie er sagt; da jede Liebenswürdigkeit blühend und ungekünstelt in ihr ist, wie die Insel Finian von dem Genius der natur, ohne Ordnung und Scheerschnitt des Gesuchtens, Pflanzens und Formens angenehmer Gestalt, Blumen und Früchte von selbst tragend; hie und da nur bemerke man Spuren, von gleichsam zufälliger Aussaat durch Menschen Hand, die in dem vortreflichen Grund leicht zur Vollkommenheit anwuchsen. Sie erzählt allerliebst und war mit so viel zärtlicher Achtsamkeit um unsern Kahnberg herum, dessen Blindsein sie äusserst rührte. Sie freute sich auch so