mich führen lassen, so sehr war ich von allen diesen seligen Empfindungen erschüttert. Nun lässt Cleberg Schinken, Käse und mürbes Brod auf morgen Nachmittag bestellen, und gibt bei der Linde Jungen und Alten ein Herbstvesperstück: Bier, Wein und Musik. Der alte Stiegen behauptete, mein Oheim hätte dem Pfarrer die Predigt vorgeschrieben und vorgesagt, denn er hätte ganz den Geist seines Freundes darin gesehen. Adieu und Dank, dass sie mich lieben und lesen.
Hundert und dreizehnter Brief
Rosalia an Mariane S**.
Ich bin wirklich sehr böse über mich: denn da ich mein Briefbüchelchen nachsehe, so sind es so viele Tage, dass ich Ihnen Antwort und einen Brief schuldig bin. Meine Abwesenheit trug was zu dieser Verzögerung bei, aber es ist doch nicht recht; ich hätte aus dem haus der Frau Grafe schreiben können. Doch meine Nachlässigkeit ist genug bestraft, da ich so lange Zeit ohne eine Unterhaltung mit Ihnen zugebracht habe, und dann erinnere ich mich, dass Sie ein Paarmal mir sagten, dass Sie in spätern Briefen von mir, eher das sehen, was meinem Verstand und Empfindungen am meisten gefallen habe, als gleich anfangs, wo die Umstände mein zur Schwärmerei geneigtes Gefühl überraschen und manches schöner als wahr darstellten. Bei erfolgter Ruhe aber, rufte ich nur das in mein Gedächtniss zurück, was meinem eigentlichen Selbst am meisten Vergnügen gegeben hätte, und Sie glauben, dass Sie in meiner Art Sachen zu denken, zu beurteilen und Entwürfe zu machen, nicht nur mein Inneres mehr sehen, sondern, dass auch meine wunderbaren Aufzüge von Leuten und Sachen, in Ihrem einsamen Aufentalt, die entfernte Menschenwelt in einem gefälligen Licht erscheinen macht. – – Ich habe das Beste und Edelste, was in mir liegt. meinem Oheim und Ihnen zu danken. Mit ihnen beiden habe ich mein Bilderbuch von guten Menschen angefangen, und da ich so glücklich war, auf dem bisherigen Wege meines Lebens so viel Gute anzutreffen, so will ich fortmalen und bei ihnen meine probe- und Meisterstücke aufstellen. Es muss einst in erlebten Jahren süsses Vergnügen für mich sein, diese Sammlung durchzusehen und am Ende meiner Bahn durch die moralische Welt lauter Ideen um mich zu haben, die der Beweis eines wohlwollenden Herzens sind.
Das ist nun eine lange Vorrede zu zweien vielleicht sehr kleinen Gemählden, die Sie schon vermuten, und ich will sie nun geschwind auspacken. Wir wurden von Frau Grafe gebeten noch ein paar Tage in Rehberg bei ihr zuzubringen; sie hätte ohnehin Fremde, die uns gewiss gefallen würden. Wir gingen auch vor sechs Tagen hin und trafen zwei Frauenzimmer und zwei Herren, die alle einen durch Bücher- und Menschenwelt ausgebildeten Geist zeigten. Wenigstens, sagt Cleberg, müsste viel Schönes und Merkwürdiges von ihnen vorbeigegangen sein. Ich glaube, er will damit sagen, dass er ihnen keine gründlichen Kenntnisse zuschreibt. Es mag sein, es liegt doch wahre Verehrung jedes Verdienstes in ihnen, und eines der Frauenzimmer kennt die Gesinnungen der Freundschaft gewiss ganz, denn es ist ihr Heiligtum, in dem sie mir als Priesterinn erschienen ist; und Frau Grafe behauptet vor diesen Fremden ein schöneres Stück Philosophie gelernt zu haben, als Sie und van Guden mir jemals mitteilten. Es war die Frage von Tadel und Verläumdung, welche so vieles Misvergnügen über unsere besten Tage verbreiten. Die Fremde sprach: diese Gewalt lasse ich bösen Menschen nicht. Einmal suche ich Fehler zu vermeiden, um innerlich mit mir zufrieden zu sein, und dann gönne ich ihnen grossmütig die Freude mich zu tadeln, ohne mir Hass und Rache dagegen zu erlauben; dadurch erhalte ich meine Ruhe und meine Menschenliebe unverletzt. Das ist aber sehr schwer! sagte jemand mit dem Lächlen des Zweiflens. Sie haben recht erwiderte sie: aber es ist schön, etwas schweres zu versuchen. Jeder Schritt zu einer Anhöhe ist beschwerlich, aber man wird auch belohnt. Sie hassen also nicht so sehr, als sie lieben können? Nein! denn ich achte es für eine eben so grosse Pflicht, Fehler zu vergeben, als Tugenden zu lieben. Ja! aber, wenn man sie übel beurteilt, ihren guten Namen, ihre Ruhe und ihr Wohlsein unterbricht, was tun sie da? sagte einer der zwei Fremden. Ich verwahre mich gegen den Schaden ohne dem Beleidiger weh zu tun. Sie wissen meine Grundsätze darüber, denen ich getreu sein werde. Verschiedene denkart bringt immer Entfernung in den Gemütern hervor, und was mich gleichgültig macht, kann das Herz eines andern zum Hass bewegen, wenn ich ihn nur nicht verdiene, wie der edle Amerikaner sagte: "den Schmerz, den sie mich fühlen machen, soll durch mich niemand fühlen." und vergesse alles; denn was würde aus dem Leben guter Menschen werden, die den Tag über an Verläumder und Feinde und die Nacht an Gespenster und Diebe dächten. So lang ich wache sind meine Kinder, meine Arbeit, meine Freunde, Bücher, Ideen von Schönen und Guten in der Welt, vom Wohl, das die Vorsicht mich geniessen lässt, wechselsweise in meinem kopf und Herzen. Des Nachts freut wich die Ruhe und Stille der natur, und die von meinem Zimmer und meiner Seele. Ich danke und bitte für mich und die Meinigen und wünsche allen alles Gute, was sie bedürfen, und so fassen sich meine Stunden bei der Hand bis die letzte mit Lächeln den Reihen unterbrechen wird, und (sagte sie zu den nemlichen fremden mann,) die letzte Stunde kann nicht lächeln