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Sachen vormalt! Linke dachte, Herr Stiege würde sich einzuschmeicheln suchen, und auch leichter Gehör finden, weil er reicher ist, als er. Warum hat er diese Vermutung von mir, da er selbst nicht auf Reichtum sieht? Nun, mein Hannchen! ich glaube, Herr Linke wird ihnen in seinem Leben keinen Verdruss mehr machen! Wollen sie ihm nicht diesmal vergeben, und ihm erlauben, auf ihre Liebe zu hoffen? Sie küsste meine Hand und weinte stillschweigend. Ich schlug einen Arm um sie: Was ist das, liebe Freundin! Warum in Tränen, mein Hannchen? O glauben sie, ich würde nicht eine Silbe für Linken gesagt haben, wenn ich nicht sicher wäre, dass sie glücklich mit seinem Herzen sein würden! aber wenn ihres nicht einstimmt, mein Kind, so wollen wir von jetzt an, die ganze Sache ruhen lassen, und wie vorher unsere ruhige gute Freundschaft fortsetzen. Sie versuchte zu reden, ihre stimme wurde aber durch Weinen erstickt, und da fing die Mutter an: Nun muss ich reden, liebe Frau Residentin, weil ich das Herz meiner Tochter kenne. Herr Linke ist ihr nicht gleichgültig und sein Antrag macht Hannchen und uns allen Ehre und Freude; besonders da Herr Cleberg und sie die Sache gut finden, so glaube ich auch, dass unser Kind glücklich sein wird. Da standen der Mutter auch Tränen in den Augen und die meinigen blieben nicht trocken. Ich erzählte dann, wie Herr Linke schon über zwei Jahre her Hannchen liebte; was er alles getan, nur um sie zu sehen und wie er alles eingerichtet hätte. Diess gefiel der Mutter und Tochter. Erstere sagte: Siehst du, Hannchen, dass die Mädchen nicht verliehren, wenn man sie fein im haus hält? Vielleicht wäre deine Haut nicht so rein und weiss geblieben, wenn du oft spatzieren und zu besuchen gegangen wärest; dann hättest du auch allerhand fremde Sachen zu essen bekommen, die auch die Haut verderben. Hannchen lächelte hier und sagte, wobei sie auf mich deutete: Ei, Mama! ich habe ja an diesem Tisch viel Fremdes gegessen und muss doch nicht schlimmer geworden sein, weil ich Herrn Linke noch so wohl gefalle? Ich fiel ein: es ist also doch recht, dass sie ihm gefallen? Sagen sie, Liebe, haben sie nichts einzuwenden? bedenken sie sich und sagen mir es nachher oder morgen. Sie räusperte sich und war bemüht, das Weinen zu unterdrücken. Endlich gelang es ihr, mir zu sagen: Ich habe nicht nötig mich zu bedenken, denn ich liebe Herrn Linke aufrichtig und werde ihn immer einen reichern und vornehmern mann vorziehen. Nun weinte die Mutter und reichte mit ihrer Hand über meinen Schooss hin nach ihrer Tochter, da ich zugleich letztere umarmte, und ein herzliches: Gott segne sie! aussprach. Nach dieser ersten Bewegung war unser Gespräch freier und heiterer. Darauf sagte ich: Linke hätte doch noch eine Besorgnis. Und das? sagte Hannchen schnell. Ob sie wohl gern bei seiner Grossmutter wohnen werden, die ihnen das ganze Hauswesen übergeben will? Sie zuckte ein wenig. O Mama, wenn es mir ginge, wie ihnen! Ich sagte dann, was ich davon wusste, und die Mutter sprach ihr Mut zu. Unter andern: mein Kind! da kannst du am besten die Erziehung beweisen, die du durch mein Beispiel erhalten hast, da jedermann wusste, was ich ausstund. Hannchen beruhigte sich, und ich fragte, ob sie mit zu Kahnen wollte? "Ja!" Nun so kleiden sie sich an. Ich redte noch mit der Mutter, die mir herzlich für meine Verwendung dankte, aber dabei sagte, sie könnte Hannchen nichts geben, als weisses Zeug, Betten und noch ein Kleid zu denen, die sie hätte. Ich wusste, dass Linke sonst nichts begehrte, und bat sie an nichts zu denken, als dass ihre gute Tochter einen guten Mann bekäme. Der Bruder hatte unterdessen auch geschwatzt, denn ich bemerkte, dass die übrigen Schwestern ihrem Hannchen mit einer Art von Ehrerbietung begegneten. (Wie es einer geweihten Sache gebührt, sagte Cleberg als ich ihn davon erzählte.) Wir trafen in Kahnberg unsere Freunde an. Linke kam schüchtern aber artig zu uns an den Waagen, und hob mich heraus. Haben sie für mich gebeten? sagt er, indem er Hannchen anblickte. Ja, mein Freund, und mein edelmütiges Hannchen vergiebt ihnen ihre Unart und glaubt Gutes von ihnen. Er küsste eine ihrer hände: Tausend Dank, bestes Hannchen! Sie sollen mich immer gut finden. Wir waren sehr vergnügt, und Hannchen erfreute die grosse achtung, die ihr Linke bei uns allen bezeigte. Er kam als glücklicher Mensch zu uns zurück, und ist wirklich nach der Stadt gefahren, um seine Bewerbung zu tun.

Hundert und eilfter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Ich war weit entfernt zu denken, dass die kleine geschichte unsers guten Hannchen Ihnen so anziehend scheinen würde, um zu wünschen, dass sie die nachkommenden Auftritte des ersten Antrags sogleich erfahren möchten, sonst hätten sie sie schon längst haben sollen; da ohnehin der ganze Roman seit drei Wochen geendigt ist, und ich nicht mehr von Hannchen, sondern von Frau Linke schreiben muss. Aber ich habe weit nachzuholen, und viel zu erzählen. Nach meinem letzten grossen Briefe war Linke den Morgen nach dem Kahnischen Mittagsessen in der Stadt und hielt bei Herrn und Frau Itten um ihre Tochter