die junge person und ihre Kleidung allein mit einem Stück des Fussbodens wurden von der Sonne bestrahlt, und die Wand mit den Gemählden, nebst dem Clavier wurden nur durch den Widerschein erhellt, und dienten also gerade zum grund, der die vorstehende Figur um so mehr erhob. Das Weisse der Kleidung, die Rosenranken der Einfassung, die florne Schürze, der Faltenbruch, die hellbraune Lehne des Stuhls und die etwas dunklere Decke des Buches nahe gegen den Kopf; in diesem wieder ein blühendes Gesicht und dann, die sich zum Lichtbraunen senkende Haare und die Rosen darin; alles mit Glanze der neigenden Sonne übergossen; machte wirklich eines der schönsten Gemählde. Auch ging es nicht verlohren, denn nachdem der gute entzückte Künstler, so schnell er konnte, das Ganze richtig hinzeichnete, besonders die Beleuchtung bemerkte, so fing er auch gleich den zweiten Tag an, das Portrait des niedlichen Weibchens zu mahlen. Das Stück wird in Lebensgrösse gemacht. Er will, sagt er, sein Meisterstück daran verfertigen; es müsste ihm seine Aufnahme in der Akademie verschaffen; und wirklich scheint es, als ob die Musen seine Farben und seinen Pinsel begeisterten, so schnell und vortreflich wächst das Ganze unter seinen Händen zur Vollkommenheit hinan und stellt eine ganz einnehmende Gestalt dar, die dem Mahler und dem gegenstand Ehre macht, und dem Auge aller, die es jemals sehen werden, ein grosses Vergnügen gewähren wird. Ueberhaupt hat dieser junge Mann ganz den Entusiasmus seiner Kunst; wie ein Poet jemals den Einfluss des Apolls fühlen kann; auch geht er gleich hin, sich alles zu bemerken. Unser Bild für Latten ist eben so schön, aber im Kleinen genommen. Bei Fritzgens Feldgen ist an dem Birnbaum ein Grasplatz, der an den geschonten Traubengeländer hinläuft. Dies macht eine Seite von unserm Gemählde. Cleberg, in einer leichten Kleidung am Birnbaum gelehnt, bläset die Flöte und ich tanze mit Fritzgen; Hanns steht am Geländer und sieht uns zu; in der Ferne sieht man unser Haus, und vor diesem einen teil des Gartens. Das Ganze ist drei Schuh breit und zwei Schuh hoch; sieht sehr freundlich und uns ähnlich.
Hundert und zehnter Brief
Rosalia an Mariane S**.
Wir bleiben länger hier, als ich dachte! Alle Zimmer haben Oefen bekommen; denn Cleberg will erst den ein und zwanzigsten November in die Stadt zurück, um, wie er sagt, die natur sich auskleiden und einschlafen zu sehen; welches bei dem ersten Schnee sein wird. Er reist doch öfters nach der Stadt, und lässt gewiss da, nach seinem herrschenden Baugeiste, etwas machen, denn ich habe Briefe von Bauleuten und Tapezierern an ihn gesehen, jedoch nicht gelesen, weil wir beide hierinn recht artig miteinander handeln, und keine Briefe öfnen, nach keinem fragen, und beiderseits mit dem, was wir uns davon erzählen, zufrieden sind. Diess scheint eine unbedeutende Kleinigkeit unter Ehegatten zu sein; und doch, meine Liebe, liegt in dieser Bescheidenheit viel Gutes, so, wie überhaupt an allen kleinen Fäden der achtung und Höflichkeit. Keine Teile des häuslichen Glücks hängen daran, besonders bei Leuten, die einen teil Eigenliebe neben der ehelichen Liebe nähren. Ein Missvergnügen hatte ich noch: meine Freundin, Hannchen, verliess mich. Obschon Linke seinen Wohnsitz wieder bei uns aufschlug, so ging sie doch mit Julien vorgestern früh in die Stadt, Ott aber und seine Vettern blieben noch hier. Julie hat sich zu einem Wochenbette anzuschicken. Meinem Hannchen fehlt etwas; sie schien so beklemmt, als sie ging, und weinte doch nicht. Ihr guter Bruder sieht auch unzufrieden und unruhig aus, und bleibt mehr auf seinem Zimmer als sonst: und Madame Guden schreibt mir weniger, als jemals. Aber Nichts ist vollkommen; die Wagschaale muss notwendig manchmal steigen oder sinken, denn, welche Sterblichen blieb sein Schicksal immer im Gleichgewicht! Cleberg vermutet, Hannchen wäre entweder über die muntere Niece der Frau Grafe eifersüchtig geworden, weil ich ihr viel Liebe zeigte; oder sie hätte Absichten auf Ottens Vetter und hefte sich daher an Julien. Aber ich widersprach beidem, denn ihr Herz ist für Neid und Intriguen zu edel. Linkens Kälte mag sie etwas geschmerzt haben; mich dünkt, meine Vermutung darüber sei die richtigste.
Ich nahm meinen Brief Mittags 2 Uhr zurück, um Ihnen eine mich sehr freuende Nachricht zu geben. Linke frühstükte gestern bei Ott, und kam nachher sammt diesem zu uns. Halb munter fragte er: warum ist Hannchen fort? Ich sagte: ich wüsste es nicht. Es hat doch eigene Ursachen! Warum wollen sie es dann wissen? Weil es mir leid täte, wenn es aus Liebe für Jemand geschehen wäre. Und wollten sie nicht, dass Hannchen liebte? Ja, aber nur mich! Husch, Linke; das ist schnell gefodert für einen Menschen, der so kalt war, als das artige geschöpf hier lebte. Kalt? ich war eifersüchtig, und beobachtete sie nur; aber nie hat mein Herz eine andere Frau gewünscht, und nie werde ich eine andre nehmen. Hohlen sie sie wieder, reden sie für mich; mein Haus ist bestellt: es mag zum Sterben, oder Heiraten sein.
Linke! sagte ich, sie gefallen mir nur halb bei Allem, was sie da sagen; und mit diesem Tone da, sollen sie Hannchen nicht haben.
Vergeben sie mir! ich fühle, dass ich ihre edle Freundschaft beleidigte. Aber ich bin so froh von Ott gehört zu haben