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, die ich eben bemerkte, als er sie beinah gichterisch bewegte, und zu Henriettens Füssen stürzte, einen teil ihrer Kleidung mit der äussersten Bewegung zwischen seine hände fasste, an ihr aufsah und mit dem rührendsten Tone sagte: "Nach vier kummervollen Jahren sehe ich sie wieder! Aber wie? Auf eine weinende Freundinn gestützt! einen Arzt! einen Seelsorger! und Ihre ganze Engelsgestalt zerrüttet! – O Vorsicht! ewige Vorsicht! zu was war ich aufbehalten!" – Hier küsste er mit Heftigkeit ihr noch in seinen Händen haltendes Stück Kleid, und ein Strom von Tränen floss aus seinen Augen auf Henriettens Gewand. Zitternd war sie auf mich gelehnt, ihre Augen gegen meine Brust gewendet. Ich hielt sie mit einem arme umschlungen. Sie hatte ihn nicht angesehen, bis er die Ausrufung an die Vorsicht tat. Matt blickte sie da auf ihn, wurde etwas rot. Bei dem ersten Guss seiner Tränen zitterten ihre Lippen, und sie wurde ohnmächtig. Mein Schmerz war unbeschreiblich. Von T** riss sich mit Verzweiflung von der Erde auf und war mit uns ängstig bemüht, sie wieder zu sich zu bringen. Es dauerte eine halbe Stunde, eh der Arzt uns beruhigte, und wir sie in einem stuhl nach haus tragen konnten, wo sie zu Bette gebracht wurde, und stärkende Arzeneien bekam, durch die sie erst gegen vier Uhr des Morgens Kräfte genug erhielt, um reden zu können. Da wollte sie mich durchaus nicht länger Wache halten lassen. Ich ging auch schlafen, aber um sechs war ich an ihrem Bette, wo ich sie in einem matten Schlummer fand, der dem arzt missfällt. Meine traurige Unruhe erlaubte mir keine Erleichterung, als diesen Brief an Sie, meine Freundinn!

Ein und zwanzigster Brief

Die edle, die liebenswürdige Henriette ist nun in den Armen der ewigen Ruhe! Und ich, meine Mariane, winde mich um das Andenken jedes Augenblicks, den ich bei ihr zubrachte, sie handeln sah, reden hörte, und ihrer Liebe genoss. Die Wiederholung alles dessen, was ihre letzten Tage bezeichnete, ist der süsseste Trost, den ich mir geben kann. hören Sie mich also noch alles erzählen, was seit meinem vorigen Briefe geschah.

Ich setzte mich an Henriettens Bette, wo ich mit gepresstem Herzen, bald sie, bald den Arzt ansahe, um auf dessen Gesicht meine hoffnung, oder meine Furcht zu lesen. Seine tiefsinnigen Blicke und das jeweilige Schütteln seines Kopfs sagte mir alles. Ich liess daher meinen Tränen freien Lauf, so, wie ihre Jungfer, die am Bett kniete. – Endlich öfnete sie die Augen, und schwach, anfangs kaum verständlich, sagte sie: "Liebe Rosalia! und du, meine gute, treue Liese! kümmert Euch nicht, ich werde glücklichewig glücklich." – Nachdem erblickte sie den anbrechenden Tag, und wir mussten die Fensterladen ganz öfnen, dass sie den Garten und das Feld sehen konnte. Lächelnd bewegte sie die Augen umher, und sprach sanft: "Schöne Erde! aller deiner unschuldigen Freuden habe ich genossen!" – Der Arzt gab ihr erquikkende Tropfen und ging hinaus, worauf ich nach einigen Augenblicken fragte, wie ihr wäre? "Schwach, sehr schwach, meine Rosalia! – Sie sehen, dass ich Recht hatte, zu sagen, dass ich keine Kraft mehr habe, Freuden zu tragen. Ihr süsser Anblick machte mich krank; der, von dem Herrn von T**, hat mich über das Vergangne und Gegenwärtige zu heftig bewegt, um es zu dauren." – Nachdem schwieg sie lange, und verlangte dann ein Kästchen, das in einem Schranke der Mauer stunde, liess es aufmachen und gab mir daraus einen Ring, worauf ihr verzogner, Name, mit kleinen Brillanten, auf schwarzem grund steht. Sie steckte ihn selbst lächelnd an meinen Finger. Da aber meine Tränen auf ihre Hand fielen, blickte sie mich mit viel Empfindung an und streichelte mich. "Sein Sie vergnügt, Rosalia! Sie waren die letzte Freude meines Lebens. Für Sie sag' ich der Vorsicht den letzten Dank; denn durch Sie hat mein liebendes Herz das Glück der wahren Gegenliebe genossen. Ich weiss, dass ich in dem Ihrigen unvergessen bleiben werde, und dass Sie gerne manchmal mein Bild sehen werden." – Hier gab sie mir ihr Miniaturgemählde, in himmelblauer Kleidung, mit einer Hand einen Schleier von weissen Flor über sich ziehend, sehr schön gefasst. – "Du, meine Freundinn Lise! sollst diesen Ring tragen." (Den sie von ihrem Finger zog und ihr gab.) "Mein kleines Bild in Oel ist auch dein; die übrigen Kennzeichen meines Danks und meiner Liebe wird Herr M** K** in diesen Papieren finden." – Herr M** K** und der Arzt kamen da wirklich ins Zimmer. Sie reichte Erstern eine goldne schwarz emaillirte Dose: "Dieses Andenken erhält noch durch meine Hand einen Wert; nicht wahr?" – Dem Arzt gab sie eine ganz goldene, und nahm aus dem Kästchen noch ein grosses und zwei kleine Futterale heraus, liess es zumachen und gab die Schlüssel dem Herrn Pfarrer M** K**, der, wie ich, im feierlichem Stillschweigen da stunde. Nach diesem war sie lange ruhig und dann blickte sie mich sehr rührend an. "Rosalia! noch einen Labetrunk von ihrer Hand!" Ich stützte ihren Kopf mit einem Arm, und mit der einen Hand hielt ich das Glas an ihren Mund. Sie bat