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sorgsames Ausbessern, so gut wie unsere Näherin verstehen; Einrichtung der Zimmer, das Kochen und jede Mägdearbeit lernen; damit ich einst meine Leute mit Verstand regieren könnte und nicht meine Mägde klüger wären, als ich. Daneben behauptete sie, das einzige Vorrecht des bessern Standes wäre, in Allem doppelt so viel zu wissen und zu tun, als die Geringeren. Daher kommen der Unterricht in Musik, Zeichnen, Blumenmalen, Sticken, Putzarbeit verfertigen, die Erlaubnis des Lesens und das Lernen der Sprachen. Oft war ich ihr böse und gram; aber, wenn sie nun noch lebte, so reisete ich zu ihr; um ihre hände zu küssen und ihr zu danken. Die Kenntnisse einer Landwirtschaft aber waren mir in allen ihren Teilen fremd. Frau Itten hatte sie vom land mit sich gebracht und ihre Kinder gelehrt. Eben so ging es mir auch mit Flachs, Spinnerei und Weberkenntnissen, meine teure Freundin Hannchen teilte mir schwesterlich alles mit, was sie davon wusste und hatte auch die Einrichtung mit den Witwen und Mädchen ihre Spinnerei allein besorgt. Ich versichere Sie, meine Liebe, dass mich das Auslesen, Abwischen, ein wenig Abkochen, auf weissen Tüchern ausbreiten und Abtrocknen, hernach langsames Dörren unsere Böhnchen und Erbsen eben so freute, als meine Tapetenarbeit an schönen seidenen Stühlen, die ich nähe. Julchen kam zu mir und half in allem, dann ging ich und Hannchen alle Tage zu ihr, bis auch alles zu stand war. Mitteilung ist gewiss doppelter Genuss und das Leben der Freundschaft das süsseste Leben der Erde. Das edle gute Hannchen und ihr so ganz rechtschaffener Bruder, freuten sich, mir durch ihre wirtliche Talente etwas von demjenigen zu vergelten, was sie mir schuldig zu sein glauben, und uns freute, dass die schätzbare Mutter dieser Kinder in der achtung, die wir für Hannchens Wissen und Geschicklichkeit haben, einen Lohn für ihre vieljährige Erziehung, Mühseligkeit und Sorgen erhält. Denn ich zeigte ihr schon hier meine grossen Zuckerglässer voll trockenen Gemüsses, darunter Artischokenboden, kleine Morcheln, und ein Versuch in Wiesenspargel war, der uns recht gut geraten ist. Meinen Vorrat an Flachs, Hanf, und schon gesponnenem Garn, wies ich auch, als Früchte von Hannchens Unterricht und Freundschaft. Linke verdarb diese Herbstfreude, da er nur einen Tag da blieb und seitdem nicht mehr kam. Wir hatten alle gehoft, dass er Hannchens Lohn und Glück werden sollte, aber er war den Tag, da eben die Eltern und alle Kinder bei uns waren, erst wenige Minuten vor dem Essen gekommen, hatte wenig gesprochen und blieb auch des Abends nicht bei uns, so, dass wir nicht hätten tanzen können, wenn nicht Ott ein paar Vettern bei sich gehabt hätte, wovon einer schon vier Wochen bei ihm ist, der auch unserm Hannchen gern nachgeht, und als ein von Reichtum unterstützter Mensch ihr mit Zuversicht schöne Sachen sagt.

Frau Grafe und ihre Nichte bleiben hier, bis Frau Cotte sie abholt. Die junge person ist hübsch, gut, voll Heiterkeit eines schuldlosen Herzens, hat ungemein vielen natürlichen Geist, und hat oft die witzigsten Gedanken, lacht gern innig und treuherzig über den geringsten Anlass, hängt weder an Putz noch ausserordentlichen Zeitvertreiben, hasst die Tadelsucht und Schwätzereien mit einem ihrem Herzen Ehre machenden Abschen, jede Fähigkeit zu tätiger Tugend ihres Standes und zu Kenntnissen liegt in ihr unverdorben und ohne falsche Richtung, und sie kann in allem einen der schätzbarsten weiblichen Charaktere nach Geist und Seele werden. Ihre Erziehung war kunstlos, aber voll Sorgfalt, dass nichts an ihr bös oder verkehrt würde. Dieses Weibchen erhält durch den Zufall eines der schönsten Portraits von sich, die jemals gemacht wurden. Frau Grafe mag zuweilen einmal spielen, da sass ich mit Cleberg bei ihr am Lombretisch in des Malers Zimmer, weil mein Mann gern eine Zimmerwandrung macht, wie er es heisst. Die tür geht gerade auf die Treppe, deren Fenster gegen Abend stehen. Unser Spieltisch war oben im Zimmer, der Maler sah uns zu, und das Weibchen hatte ein wenig auf dem Clavier getändelt, das an der Wand nah an der tür steht; sie hörte auf, nahm ein Buch und setzte sich seitwärts gegen uns ohne den Stuhl zu wenden, der einer von den Weidenstühlen von Metz ist, wovon die Lehne nur aus zwei runden Stäben in die Höhe und zwei schmalen Zwerchstükken besteht, so, dass wir die ganze Gestalt des guten Geschöpfs dadurch sehen konnten. Ihre Kleidung war eine Pekesche von weissem mit rosenfarbenen Punkten durchzeichneten Zitz, mit einer Einfassung von lauter Rosenzweigen. Ihre hübschen leicht frisirten Haare waren nur mit einem kleinen Aufsatz von Flor geziert, über welchen ein Gewinde von roten und weissen Rosen herum gebogen war; ihre heitre Gesichtsfarbe, lebhaften schwarzen Augen zeigten sich schön; der linke Arm war artig über die Lehne des Stuhls mit dem buch in der Hand hingelegt, und von der rechten Hand nur ein paar Finger sichtbar, welche die Blätter umwendeten. Das Clavier von braunem Holze, die Gemählde auf der Wand auch in dunkler Farbenmischung, besonders eins dessen sehr breiter schwarzer Rahmen gerade den Grund hinter dem jugendlichem kopf machte, und alles das durch die offene Doppeltüre von der Abend-Sonne beleuchtet, tat die herrlichste wirkung. Unser Maler rief uns, wie ein entzückter Mensch, aufzusehen, bat zu gleicher Zeit die junge Frau, ja sitzen zu bleiben und sich zeichnen zu lassen. In Wahrheit batten wir alle niemals eine reizendere Beleuchtung eines Gegenstandes gesehen: denn