Knabe in einer so ganz ruhenden Stellung in reinem Weiss ohne Haube da lag; so wie der Genius der Zärtlichkeit nach Verbindung zweier edlen Herzen ruhen mag. Clebergs Blicke sahen aus wie Wünsche einen solchen eigenen Sohn zu haben. Vielleicht! Ach, Mariane beten Sie für mich!
Hundert und neunter Brief
Rosalia an Mariane S**.
Heute wird, denke ich, mein Brief Farben haben, wenn ich so glücklich bin, alles zu schildern, was seit einigen Tagen hier geschah. Madame Grafe ist mit einer artigen neu verheirateten Nichte bei uns und Cleberg hat schon vor einer Woche einen sehr guten Maler hier, der ihn, Fritzgen und mich auf ein Stück für Latten malen soll. Der junge Mann ist voll Genie, und so ganz von seiner Kunst trunken voll, dass ihm alles eine malerische Stellung, einen malerischen Faltenbruch, ein malerisches Licht hat, und erblickt er so etwas, so wirds den Augenblick aufgezeichnet. Ich glaube, dass er mich wohl schon zehenmal skizzirt hat. Wir haben Herbst gehalten, und dazu auch die ganze Ittensche Familie eingeladen. Unsere Leute waren alle hübsch gekleidet; alle Mägde hatten weisse Schürzen, alle Buben rote und gelbe Bänder auf den Hüten; die Körbe waren alle neu, und wir auch nett angezogen. Mit Hüten und kleinen Handkörben gingen wir mit dem zug nach dem grossen Baumgarten, der dem jedesmaligen Beamten von Seedorf gehört. Die Bäume waren alle gestützt und schienen sich zu freuen, dass sie ihrer Last erledigt werden sollten. Wir pflückten von den niedern Aesten selbst, unsere Männer brachen mit den Stangenkörben vieles ab, und die Knechte kletterten dann auch auf die Bäume. Wir Frauen wollten gleich die Haushälterinnen machen, zogen Handschuh an und suchten die schönsten Aepfel und Birnen zum Aufheben aus. Cleberg machte halt! indem er ohne Unterschied den zehnten Korb für die fünf arme Familien bestimmte, die keine Obstbäume haben, und diesen zehnten Korb bekommen sie, so wie er gefüllt war, mit Gross und Kleinen eben wie ich in mein Haus. Wir hatten eine Harfe und zwei Flöten, die spielten unterdessen, dass wir sammleten. Unser Maler half bald, bald aber lehnte er sich an einem Baum und krizelte geschwind einem Umriss dieser oder jener Gruppe. Es wurde gesungen, Kuchen gegessen, Kuchen unter die Armen, die ihr Obst abholten, ausgeteilt, und dann einige Korbwagen beladen nach haus geführt. Die Mägde und Knechte trugen immer ihrer drei zwei Körbe voll hinterher. Ein Knecht in der Mitte mit jeder Hand die Henkel eines Korbes und dann zwei Mädchen, die an den andern Henkeln trugen; die Musik ging voraus, und wir alle wieder mit fort; das Obst wurde in die Tenne verschlossen. Wir assen munter zu Nacht und waren die zwei folgenden Tage sehr eifrig mit dem Aussuchen, zu Most, zum Trocknen und zum Verwahren. Ich liess süssen Birnmost kochen, Apfelwein machen, ganze und halbe Aepfel schälen und dann sorgfältig in einem grossen, dazu eingerichteten Schranke trocknen. Da sassen die Ittenschen Töchter, Mad. Grafe, ich, Julie und das muntere junge Weibchen in meinem grossen untern saal, all mit weissen Schürzen, mit den Mägden beisammen und schälten mit silbernen Obstmessern so eifrig, als müssten wir davon leben, ordneten und legten es auf die Hurten zum Trocknen. Da ist Hannchen, welche die feinen grossen Birnen, die schon etwas zu rief oder anbrüchig waren abwischte und schälte; ihre Schwestern, die sie entzwei schnitten und besorgten; Hannchen aber die Schaalen mit etwas reinem wasser kochte, bis alles zu Brei wurde, dann den Brei durch ein Haarsieb laufen liess, nochmal ganz dick einkochte, und dann die halb trocknen Birnen darein tauchte, und auf Papier wieder in den Trockenofen brachte, wieder eintauchte und platt drückte, vollends trocknete und in flache Schachteln legte, da sie wie glasirt aussehen und gegen das Licht gehalten, ganz durchscheinend sind. So machte sie es auch mit Zwetschen, und nun giesst sie Apfelgelee ein, die sie ohne Zucker verfertigt. Sie nimmt PorstorferAepfel, macht sie mit einem Tuche rein und reibt sie auf dem Reibeeisen klein, lässt sie über Nacht in einem irrdenen Gefässe stehen und zieht den Saft durch ein Haarsieb ab, welchen sie im Zuckerkessel so lange kochen lässt, bis er dick und eine Sülze wird. Alle diese häuslichen Geschäfte sind mit vielen Freuden verknüpft. Meine Mägde sind doppelt fleissig, wenn ich so mit dabei bin und auch doppelt reinlich. Unsere Männer ergötzen sich auch daran und waren schon bei dem Trocknen der feinen jungen Bohnen, der Auskernererbsen, der Kirschen und Pflaumen um uns herum, und schienen uns um so mehr zu achten, als wir Eifer und Geschicklichkeit zeigten. Ich sagte immer, Wir, weil Julie und ich uns so nennen; da wirklich unsere arbeiten und Vergnügen ganz gemeinschaftlich sind. Alle diese häuslichen Vorteile haben wir Hannchen Itten zu danken, und ob wir schon zwei stattliche Damen sind, so machen wir uns doch eine Freude und Ehre daraus, von dem schätzbaren Mädchen zu lernen, was wir nicht wissen. In dem haus meiner Tante, die mich erzog, war das, was man eine gute Stadtwirtschaft heisst, üblich. Sie fasste gewiss alles Gute in sich, was eine wohldenkende Privatfamilienmutter wissen und tun soll. Ich musste alle Art häuslicher Näherei, vom Männerhemde aus holländischer Leinwand an bis auf das Küchen-Handtuch, recht gut und geschwind zu verfertigen und zuzuschneiden wissen; das Waschen, Plätten und besonders schönes