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geschickt, und nun erzählte er mir kurz und mit Tränen im Auge, dass der edle gute Mensch sich noch weiter entfernte, und endigte mit der Bitte, Latten zu lieben, wie er es verdiente, ihm ganz zu vergeben, und gerne seine Rosalie zu sein. Seine beiden arme waren um mich und Fritzgen geschlungen, sein Kopf lag halb auf meinem freien arme, halb auf meinem Schoosse, meine Seele war äusserst bewegt; ich lehnte meinen Kopf auf den Seinigen, weinte und küsste ihn herzlich, in dem Augenblicke, da in mir doppelte Betrachtungen über ihn und mich auch zu doppelten Beweggründen des Versöhnens und Vergebens geworden waren. Denn, der blick und der Ton, mit welchem er mich bat, Latten zu lieben und ihm zu verzeihen, war so innig, so edel, dass er mir nicht nur hochachtungswert schien, sondern ich mir auch sagte, habe ich denn nicht gleich anfangs als ich Lattens vorzügliche Verehrung für mich bemerkte, eine geheime aber wahre Freude darüber gehabt. Ist nicht noch diesen Augenblick meine feine Eigenliebe durch die Versicherung das seine leidenschaft noch dauert, geschmeichelt worden, warum sollte ich es dann Clebergen nicht übersehen, wenn er sich hie und da an dem Beifall eines Frauenzimmers ergötzte, da es bei ihm, wie bei mir, nichts als eine vorübergehende Eitelkeit ist. Der gute Mann war so froh, so glücklich über mein wieder erworbenes Herz, Fritzgen wurde bald von ihm, bald von mir geküsst, und wir gelobten ihm beide, Liebe und Sorgfalt zärtlicher Eltern, denn Latten hatte gewünscht, dass das Kind bei uns sein möchte. Wir führten ihn beide nach seinem kleinen Garten; Hanns wurde geholt, und der liebe Fritz lief ihm, so weit er ihn sah, entgegen, küsste und liebkosste ihn. Hanns schüttelte ihm die hände und beguckte ihn mit einer so treuen Freude, dass wir beide uns auch wieder bei der Hand fassten und simpatetisch mit Hannsens Herzen sie uns auch schüttelten und drückten. Nun kam mein Oheim, Julie und Ott langsam lauschend herbei, und Cleberg umarmte alle, wie ein Mensch im Taumel eines starken Rausches tun mag. Ott küsste meine hände, Julchen meine Wangen, und Fritzgen hing alle Augenblick an meinen Armen. Der Abend war äusserst glücklich. Ich dünkte mich so leicht zu sein, als könnte ich fliegen. Mein guter Oheim bekam ganz glänzende Augen, nachdem er eine Weile auf mich und Clebergen gesehen hatte. Der Pfarrer besuchte uns auch, und wir assen bei unserm Birnbaum etwas kalte Küche mit warmer herzlicher Freundschaft. Die Sterne kamen, wir sahen sie mit so rechtschaffenen Herzen an, dass sie gewiss deswegen schöner blinkten. Mein Auge heftete sich einige Zeit dahin, besonders gegen den Abendstern. Mein Mann bemerkte es, fasste liebreich meine Hand, und sagte: Salie! die Liebe hat mir viele Abende verschönert, aber der heutige ist der schönste von allen. Ich drückte dankbar seine Hand dagegen; aber da ich nicht sprach, so sagte er: Liebe! du denkst was besonders in diesem Augenblick. Und es war so. Meine Seele fühlte bei dem so herrlich gestirnten Himmel und dessen dämmernden Erleuchtung der Erde, bei der Ruhe der ganzen natur, so viel Erhebung und Dank gegen Gott; ich versprach mir, ja niemals mehr die Sonne über meinem Zorn untergehen zu lassen. Wie klein, wie ungerecht stolz schien ich mir. Mein Herz wallte von guten Entschlüssen auf. Es dünkte mich, dass ich die Stärke und den festen Willen hätte, nie mehr etwas Unedles, etwas Kleines oder Ungütiges zu tun. Mir war, als könnte jeder Stern in meine Seele schauen und wäre nun Zeuge von allen den Gesinnungen, die in mir entstunden. Ich war froh dass sie mich von meinem garstigen Groll geheilt und gereinigt sahen. Die Unterredung der Männer lenkte sich auf die Sternkunde und ihre ersten Erfinder auf die Schiffart, auf die sichere hoffnung in dem andern Leben unsere Kenntnisse in Allem vervollkommt zu geniessen, und dann da wieder mit Zufriedenheit an diesen, der Verehrung Gottes geweihten Abend zu denken. Mich machte der Gedanke traurig, dass während da wir sieben so ganz natürlich im Anblick des himmels auf gottselige Gesinnungen geleitet wurden, so viele Bösewichter sich nur über die ankommende Nacht und Sternhelle frenen, um eine menschenfeindliche Tat auszuüben, in der Stille der Nacht die stimme des winselten Unglücklichen, der in Mörder hände fiel, desto stärker hören; bei dieser Sterne sanften Schimmer seine ängstlichen flehenden Gesichtszüge, die ersten Wunden sehen, und noch alsdann ihr Bubenstück vollführen. Ach! Menschen mit einer unsterblichen Seele, wie ich habe. Was für ein Schauer durchlief mich. Unser ehrwürdiger Pfarrer segnete uns, als wir uns trennten, indem er wünschte, dass alle Leute von unserm stand und Vermögen auf ihren Landgütern solche Abende verleben möchten, wo der Genuss zeitlicher Güter durch Unterhaltungen mit nützlichen Wissenschaften gewürzt und der Verehrung unsers göttlichen Urhebers geweiht gewesen wäre. Wir dankten ihm alle recht sehr für seine Zufriedenheit und Wünsche, mein Oheim aber hielt ihn stillschweigend bei der Hand und nickte ihm nur zu, so wie er auch, ohne zu reden, von uns ging und nur mit Blicken und Winken gute Nacht sagte. Wir, mein Mann und ich, schlichen uns noch beide in Fritzgens Zimmer, das gleich an Cleberg seinem ist, um zu sehen, ob er gut schliefe. Die Züge der schlafenden Unschuld sind sehr rührend. Sie können nicht glauben, wie schön der holde