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setzte ich einen Schatz von erworbenem Gold auf eine zweifelhafte Karte. Ich bin noch ihr Liebhaber, aber nicht mehr ihr Geliebter, ich bin ihr nur Ehemann; so blickt sie mich an, so umarmt sie mich, so spricht sie mit mir. Aengstliche, misstrauische Sorgfalt, das Uebel nicht ärger werde, ist an die Stelle der lebhaften Begierde, mir zu gefallen, mich zu geniessen, getreten. arme Salie! Auch du bist nicht mehr so glücklich, als du warst. Alles, alles was du tust, ist Tugend; denn dein Herz, und deine Grundsätze erlauben dir nicht, die geringste deiner Pflichten zu versäumen. Du willst nun das Zeugnis deines Gewissens für dich haben, weil die überzeugung vom Glück der Liebe dahin ist. Ihre Heiterkeit ist fort, und nur wie heller Mond, an dem immer graue Wolken vorbei ziehen und seine angenehme Beleuchtung unterbrechen. Kein ganz reines Blau, kein helles Licht mehr! Sie gibt sich Mühe, gut und zärtlich zu sein; aber, diese Bemühung macht mich toll und elend. Sie sagt auch ihrem Oheim nichts, in ihren Briefen an Marianen nichts. Sie hat die verwünschte Lisette mit einer solchen Grossmut behandelt; hat sich im Ganzen so untadelhaft betragen, dass sie notwendiger Weise sich selbst hochachten muss. Ich will aber ihr Ziel dadurch verrücken, dass ich ihr den Ehemann auf keiner Seite zeigen will, sondern als Liebhaber soll sie mich nun um sich sehen. Ich will ein paar Unglückliche aufsuchen, und sie in Wohlstand setzen; mit Otten, Oheim und Linken über verschiedene wichtige Gegenstände vernünftig sprechen; dann hab ich sie wieder ganz, und feire einen neuen glücklichen Tag. Unser Latten verdarb mir einen andern Entwurf, der halb aufkeimte. Ich sah, wie sehr sich seine Verehrung der Liebe näherte. Bald hätte sie es auch sehen müssen; denn diese Bemerkung entgeht auch der dümmsten nicht, und auf dieser Seite hätte ich sie auch belauschen mögen; aber es kam zu nahe mit Lisetten, und unser Freund floh vor dem angebeteten weib. Ich weiss nichts, als dass er lebt.

Nachschrift.

Er tut doch mehr als leben, er liebt noch. Denn da ich diese erstere Blätter schon vor zwei Tagen schrieb, da ich eben in einem Gedränge von Gedanken war, und der Bote nach der Stadt erst heute abgeht, so kann ich dir noch etwas hinzusetzen.

Ott verreisete vor vier Tagen. Gestern kam er wieder und brachte Lattens Fritzgen mit sich zurück, den er Juliens und Rosaliens Güte empfiehlt; denn er geht noch einmal nach Italien, und will das Kind nicht mitnehmen, weil es schon so vieles von der Reise gelitten und immer nach seinem Garten, nach Hannsen und nach der Garten-Mama weinte. Ott hat zugleich alle Capitale und Wechselbriefe nebst einem Testament von Latten mit sich gebracht, worin Ott und ich zu Vormündern und Erziehern des Kleinen ernannt sind, im Fall Gott ihn auf seiner Reise wegnehmen sollte. Ein grosser Brief an mich, worinn er von seiner leidenschaft für Rosalien als ein braver Biedermann spricht, und nicht zu uns zurück kommen will, wenn nicht aller Aufruhr seines Herzens gestillt, und zu der ebenen sanften Wärme der Freundschaft für Salie und mich herab gestimmt ist. Sein Tagebuch ist dabei; das soll aber Salie, so wahr ich lebe! nicht eher zu sehen bekommen, als bis sie und ich unsere JubelHochzeit gefeiert haben werden, oder erst, wenn sie mich überlebt, in meinen Papieren finden. Was für ein edles Feuer lodert in allen Fibern des Schwärmers. Wenn Rousseau noch lebte, so müsste Ott den lieben Kranken zu ihm führen, weil er mehr als St. Preur ist. Lebte ich in einer Insel, so hätte ich am Ende der Durchlesung, meine Salie mit einem Schleier gedeckt, an der Hand zu ihm geführt und sie ihm gegeben; so mächtig hob er mich aus jeder bürgerlichen und mir gewöhnlichen Verfassung heraus; und gestern schien mir Salie das ihm entrissene Weib zu sein. Ueberhaupt ist sie ihrem Oheime, Julien, Otten und mir zu einer Art Heiligtum geworden, seitdem wir die reine Flamme kennen, die sie entzündete. Mein Herz und meine Augen flossen für den guten Menschen über. Ich suchte Fritzgen, nahm ihn auf meine arme und trug ihn von Ottens Haus, ohne Hut auf meinem kopf, zu Rosaliens Füssen, die sich vor Staunen kaum zu helfen wusste. Ist Latten wieder da? fragte sie. Nein, Liebe! der arme ist noch nicht stark genug, er übergiebt uns das Liebste und geht weit. Ich konnte nicht fort reden. Der Kleine hing an Saliens Halse; sie umfasste ihn, mit einem arme, und reichte die andre Hand nach mir, mit einem blick voll Tränen und einem Ausdruck der mich durchdrang. Salie! Engelsweib, sagte ich, sei gern mein; Vergieb mir ganz! liebe mich wieder; liebe Latten, wie er es verdient und lass Fritzgen unser Kind sein. Ihr Kopf sank wieder vertraut auf meine Brust, ihr Kuss war wieder zärtlich und lebhaft; und von diesem Augenblicke an liegt wieder neuer Schimmer auf allem! Mein Glücke, ihr Glück ist neu! dank Lisette! dank Latten! ohne euch hätte ich diesen Rausch von Freuden nie gekannt.

Hundert und achter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Vergeben sie, Teure, Liebe! Ich schrieb wenige und kurze Briefe. Mein Herz war zu gedrängt, da konnte ich nicht sehr viel