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Sie hatte mit etlichen artigen Mädchen Freundschaft gemacht, und diese kamen alle Wochen zweimal in unser Haus mit ihrer Arbeit, und da musste ich Bücher zum Vorlesen schaffen. Oft las ich selbst was vor und ergötzte mich an den Ideen, den fragen und dem Witze der Mädchen; sagte ihnen dabei auch oft schöne Sachen vor. Eine war hübsch, niedlich und aus Eitelkeit empfindlich; dann das musste sie sein, sonst wäre es nicht möglich gewesen, dass sich das Mädchen getraut hätte, neben Rosalien stehen zu wollen. Ich merkte diess, und anfangs wollte ich bloss sehen, wie weit sie gehen würde; dann fiel mir der rasende Gedanke ein, meine Salie mit diesem geschöpf auf die probe der Eifersucht zu stellen. Zu meinen Glück habe ich alles ihrem Oheim gesagt, der auch seinen Spass daran haben wollte, wenn sie nun zu ihm kommen würde, über mich zu jammern und zu klagen. Wir nahmen das Mädchen mit aufs Land, und dort führte ich meinen Entwurf aus. Lisette, so hiess sie, dachte sich wirklich vorgezogen, und gab mir auch ihre Zufriedenheit mit dem unverhohlnen Anscheine eines Einverständnisses zu erkennen. Ich lehnte nichts ab, nahm es aber nur halb an, weil diess hinreichte, bei Rosalien den verlangten Eindruck zu machen. Ich bemerkte sehr deutlich, wie der Stachel anfing zu ritzen. Sie dauerte mich, und das um so mehr, als die gute reine Seele ihrem Gefühl und ihren Beobachtungen widerstrebte und es von mir und von Lisetten nicht glauben wollte; sich von Gelegenheiten der überzeugung entfernte und wegwandte. Das Mädchen wurde zudringlich, und verlohr sich zu weit. Meine Salie jammerte mich desto mehr, je edler sie sich betrug. Ich bat unsern Oheim, eine kleine Reise zu erdenken, mich mitzunehmen, und dann bei unserer Rückkunft der Komödie bei einem guten Anlass ein Ende zu machen. Ich habe hier einen Schulfreund, Linke, ein rechtschaffener, vernünftiger, ungekünstelter Mensch; dem sagte ich die Absicht meines verhältnis und meiner Reise; er solle doch Lisetten und meine Frau genau bemerken und ein Tagebuch halten. Er versagte mir es anfangs, und stellte mir mein Unrecht vor, die liebe, redliche Satie zu kränken, und machte mir mit Kopfschütteln über einen Mangel an Liebe Vorwürfe.

Freilich liebt er anders, als ich; doch kann niemand mehr Zärtlichkeit für sein Weib haben, als ich für Salie, aber nach meiner Weise.

Mein Freund und Oheim mussten selbst mit dem Menschen sprechen, um ihn zu Ausrichtung meines Auftrages zu bewegen, den er auch nur erst annahm, als ihm versprochen wurde, dass er Saliens Briefe an ihre Mariane zu lesen bekommen sollte; weil ich sicher war, dass sie dieser ihr ganzes Herz aufschliessen würde, und am Ende auch die Rückfoderung dieser Briefe in meinem Plan kam; welche natürlicher Weise zu der ganzen Kenntniss von Saliens Empfindungsart nötig waren.

Sie war Weib, aber ein edles, gutes Weib. Die vermeinte Teilung meines Herzens tat ihr schmerzlich weh. Sie war tadelsüchtig, fand Fehler an Lisetten und mir; aber immer mischte sich Zärtlichkeit für mich, und Menschenliebe für Lisetten unter all dieses, und fasste also mehr Wahrheit und natur in sich, als wenn sie gleich alles so gross angenommen und getragen hätte. Sie versöhnte sich; aber ihre Briefe an Marianen beweisen, dass mein Gefühl richtig ist, wenn ich sage, dass die Blüte meines Glücks dahin sei. Es liegt tief in ihrem Herzen etwas wider mich. Ihre Hochachtung für mich hat gelitten, und also auch ihre Zärtlichkeit. Du weisst nicht was ich alles für namenlose Seeligkeiten damit verlohr! Dass doch wir Menschen nichts ruhig geniessen, nichts so lassen können, wie das Schicksal es gibt! Mit unserm Künstlen und Raffiniren verderben wir immer das Beste! Ich sagte nach Durchlesung ihrer Briefe über diesen Vorgang, dass sie diese Seelenkrankheit nicht so geduldig ertragen hätte, als ich sie Schmerzen des Körpers hätte tragen sehen. Eine ganz kleine Errötung lief über ihr Gesicht; und ein unmutiger blick war in ihrem Auge, aber nur wie ein Blitz, und mit einer gedämpften stimme antwortete sie: Krankheiten entstehen nach den ewigen Gesetzen der natur, denen ich mich mit innigster Verehrung unterwerfe; abersie hielt inne und lächelte gegen uns alle. Liebe, liebe Salie! was aber? was? Sie errötete wieder und wollte es nicht sagen; aber endlich fuhr sie fort; vergeben Sie Cleberg! wenn ich diese ehrerbietige Unterwerfung für die Willkühr eines Mannes nicht fühle. Ich schwieg und fragte sie nichts weiter: ich fühlte auch, was sie da sagte. Ein Stück Verachtung ist in ihr. Sie hasst alle Arten von Ränken, als niedrig. Sie ist so wahr, so offen; sie liebte mich mit dem so ausserordentlichen Vorzug, und sie hatte mir ihren Abscheu vor Coquetterie so oft gezeigt. Ich hab eine zu empfindliche Seite verletzt, und da werden die Wunden immer tiefer. Ich will nun sehen, wie lange sie Unzufriedenheit ernähren kann! Ich bin äusserst sorgsam und liebreich um sie herum, teils aus Plan, aber auch aus ganzer Seele; denn es ist ein reizend Weib. Komm doch und sieh sie! Der edle Umriss, die Geistund Gütevolle Physiognomie, blick, Lächlen und stimme, Gedanken, Empfindung, gang, Geberden, Kleidung, Reinigkeit, Leben und Sanftmut, arbeiten, Clavier und Gesang; und ihre Liebe, ihre Liebe! o ich Tor! Mit was für Uebermut