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machen. Man wird sagen: ja! aber Cleberg war ja ein verheirateter Mann, das wusste sie! warum wusste sie doch noch Coquetenstreiche mit ihm anfangen? Ach, sie sah ihn gewiss nur aus dem Gesichtspunkt an, dass er ein schöner, artiger Mann sei, der viel Geist habe, und dessen Aufmerksamkeit auf sie, der grösste Beweiss ihrer Liebenswürdigkeit war, und so wurde sie hingezogen. Die arme! Hätte sie je vermuten können, dass sie nur zu einem Probestück meiner Vergrösserung dienen sollen, so würde ihre beleidigte Eitelkeit sie geschützt haben: so wie die geschmeichelte ihre Verirrung veranlasste.

Ich ging noch zu ihr, nahm Abschied, weinte mit ihr und schloss sie an mich: Lisette! liebenswürdige Lisette! ich bitte sie, verwahren sie ihr zärtliches Herz vor den Schmeicheleien der Männer, von welcher Gattung sie sein mögen; wachen sie über den Ausdruck ihrer Empfindungen, mein Kind, damit ihre Freude oder Missvergnügen nicht gleich allen, die sie sehen, deutlich werde! Und, wenn sie eine Freundin brauchen, so rechnen sie auf Rosalia Cleberg. Sie liess sich zu ihrer Tante aufs Land führen, wo sie schon eingeladen war und bis im Winter bleiben will. Ich weiss nun nicht, ist Folgendes, was ich Ihnen schreiben werde, wirklich ein Beweis von einem Mangel seines Empfindens, wie ich es nannte oder wie Linke behauptet, Uebermaas der Vergütung, die Cleberg und mein Oheim mir schuldig zu sein dachten, oder auch Uebermaas von Feinheit in mir. Irgend etwas ist es; denn der kleine Widerwille, den der Vorgang in mir erweckte, beweiset, dass Uebermaas da war. Ich wusste nicht, warum wir so lange allein gelassen wurden, und weder Latten, Hannchen oder Linke zu sehen und zu hören waren. Aber Cleberg hatte sie darum gebeten, um mit mir sprechen zu können. Als ich ihn meiner Vergebung versichert hatte, sagte mein Oheim: nun wollen wir im Laubensaal unser Abendbrod essen; Ott und seine Julie müssen dazu kommen. Cleberg ging hin, sie zu holen und mein Oheim führte mich am Arm durch den Garten hinunter, und gab mir durch tausend Liebkosungen seine Zufriedenheit zu erkennen. Alle unsere Freunde kamen uns an dem Bach entgegen; wir setzten uns auf Verlangen meines Oheims auf den Bänken am Ufer nieder. Linke allein blieb stehen, und gab auf meinen Oheim acht, der ihm endlich sagte: Ich bin sicher, Herr Linke, dass alle liebe Freunde von Rosalien Anteil an Ihrem kleinen Tagebuche nehmen werden; lesen sie es doch vor! Und, liebe, liebe Mariane! was kam? die Erzählung des Vorsatzes von Cleberg mich durch Eifersucht auf eine probe zu stellen, und das ganze Betragen von Lisetten, das meinige; Bemerkungen jedes meiner Freunde; Ottens, Juliens, und Hannchens Beurteilungen; Lattens seine über Cleberg, über mich und Lisetten. Ich wurde ganz niedergedrückt vom Lobe der Liebe und dem Anteile, die alle an mir bewiesen hatten. Cleberg sass neben mir, hielt eine meiner hände, drückte sie oft, küsste sie, legte auch seinen Kopf ein paarmal auf meinen Arm. Latten sprach sehr wenig; hatte aber das gefühlvollste Aussehn. Mein Oheim blickte mich mit nassen blinzenden Augen an, und klopfte mir oft auf die Achsel. Bravo, Rosalie, bravo! sagte er mit einer halb lachenden, halb weinenden stimme, wenn Etwas zu meiner Erhebung dienendes vorgelesen wurde. Könnte ich doch eine Berechnung darüber darlegen was für Empfindungen von Seeligkeit in den wenigen Tagen von Kümmernissen für mich entstanden waren, als ich stillschweigend litt und mit so viel Anmut und Rechtschaffenheit zu tragen suchte. So war das Zeugnis meines Herzens Recht zu tun, Trost, Stärke und Lohn schon im inneren für mich; und nun sammlete ich eine so reiche Erndte des Beifalls, von so viel edlen Menschen ein. O Mariane! es müsste sehr schlimm, sehr unglücklich mit mir gehen, wenn ich nicht fest, unwandelbar fest auf dem Wege des Guten bliebe. Ich bekannte, dass mich mein freundliches, sanftes Betragen gegen Lisette viele Ueberwindung gekostet habe. Cleberg und das Mädchen wurden getadelt und die natur der Liebe und Eifersucht in Untersuchung gezogen; endlich dem guten Hannchen allein die Nutzanwendung zugeeignet, damit sie andern Frauenzimmern davon predigen möge; ich aber bat alle um den Beweis ihrer achtung für mich, ja keiner Seele von der armen Lisette in diesem Ton zu sprechen, und redte mit Eifer gegen das ungerechte Betragen der Männer, und den Missbrauch ihrer mehrern Geisteskräfte. Ich bat endlich Linken mir sein Heft zu geben, weil ich es als Denkmal seiner Freundschaft für mich ansähe. Er gab mir es, und ich ging mit Julien und Hannchen dem kleinen Feldheerd zu, bei dem meine Köchin etwas warme speisen im wald bereitete. Linke mutmasste meine Absicht, das Heft zu verbrennen, und kam schnell genug zu uns, um es mir just in dem Augenblicke aus den Händen zu reissen, da ich es unter den Gemüstopf stecken wollte. Er packte mich aber so hastig um den Leib, dass er mich vor Schrecken halb krank machte, und mir für den ganzen Abend Mattigkeit und Blässe zurückliess. Wir gingen in den Lauben-Saal, wo der Tisch gedeckt war. Wir speissten sehr vergnügt, unter Gesprächen über den wahren Wert der ausübenden Tugend, und der wahren Reitze, welche die Männer fesselte. Die Nacht sank gänzlich nieder, und mein Oheim zog dann den Zapfen aus, der den Tisch