stolz.
Ich begreife sie nicht, Lisette! bitte sie aber nur, fassen sie sich: denken sie von niemand Böses und suchen sie allein das gute liebenswürdige Mädchen zu sein, das sie beim Anfang unserer Bekanntschaft waren. Da geben sie mir das zweite Lehrstück; haben sie es mit ihrem Gemahl verabredet? Ihre Bitterkeit setzt mich in das äusserste Erstaunen! was soll ich mit Cleberg verabredet haben? Er war ja nicht hier, als sie ihr, sonst so holdes, artiges Bezeigen abänderten. Ich werde ihm aber gewiss nichts davon sagen, denn, es ist nicht gut, wenn auch die liebenswürdigsten Männer unsere Fehler wissen. Der liebenswürdigste ist also wieder Herr Cleberg? Ja, Lisette, er ist es; ich wollte, es gäbe mehrere, da würden sie nicht so unzufrieden sein, mein Kind! Aber – sie wollte nun wieder mit Zorn reden. Ich hielt meine Hand vor ihren Mund.
Nichts Lisette! nicht zornig! ich könnte es ja auch werden. Sehen sie mich an; denken sie, wie wert ich ihnen in den ersten zeiten unserer Freundschaft gewesen bin. Löschen sie alle andre aus, und sein sie wieder wie damals. Ich will es immer sein, ich verspreche es ihnen! Das ist ganz gut. Machen sie nur, dass ich heute noch wegkomme, ich kann nicht mehr bleiben. Aber so jähling abgehen? Kind! bedenken sie sich. O ich bitte, machen sie Anstalt dazu! Nun so will ich mit Hannchen und ihnen in die Stadt fahren. Wieder ihr Hannchen? geben sie mir nur ihre Cammerjungfer und einen Bedienten, Mein Kopfweh entschuldigt alles.
Ich sähe gern, dass sie sich eine Viertelstunde bedächten! Ich will wiederkommen, überlegen sie es noch einmal! es ist zu auffallend. Ich weiss alles, aber ich will weg. Nun so will ich Anstalt wachen; beruhigen sie sich!
Ich ging wirklich ganz verlegen weg. Soll ich sie gehen lassen, für mich allein? Soll ich es sagen, wem? In diesem Nachdenken ging ich langsam, mein Oheim begegnete mir bei meinem Zimmer, und hielt seine arme offen. Ich umfasste ihn und legte meinen Kopf an seine Brust. Mein Herz brach, als ich das Umschliessen seiner arme fühlte, und von ihm halb getragen in mein Zimmer geleitet wurde. Ich weinte; er konnte nicht reden. Cleberg kam aus seinem Nebenzimmer. Plötzlich hörten meine Tränen auf und ich zitterte als er sich mir näherte. Er nahm meine Hand: Salie! angebetete Salie! O, vergieb dem letzten Eigensinn dieses Herzens. Ich habe dich beleidigt! Ich hätte es nicht tun sollen, ich wollte dich eifersüchtig sehen! Unser Oheim weiss alles. Meine Seele ist dein, sagte er zu meinen Füssen: vergieb mir! O wie grausam hast du mit unserm Glück gespielt, Cleberg! wie grausam mit der Ruhe des armen Mädchens!
Mariane! der ungerechte Mann klagte Lisettens Eitelkeit an. Ich musste sie verteidigen.
Hundert und sechster Brief
Rosalia an Mariane S**.
Da, Liebe! haben sie den Ausgang der kleinen Hausgeschichte von Cleberg und mir.
Mein Oheim und er hatten mich und Lisetten belauscht; daher ging auch Cleberg sogleich, alles zu Lisettens Abreise zu bestellen, und mein Oheim bat mich, auch ihm zu vergeben, dass er sich mit meinem mann gegen mich verbunden hätte, um mir die idee seiner anglimmenden Liebe für Lisetten zu geben, nur, um den gang meines Herzens in dieser so feinen und entscheidenden gelegenheit zu beobachten. Er dankte mir für die innige Freude, die ihm mein edles und kluges Betragen gegeben habe; er versicherte mich, dass mein Mann mehr dabei gelitten habe, als ich, weil er alle meinen Schmerz und mein Kämpfen gegen meine aufgebrachte Empfindlichkeit gesehen hätte. Er habe deswegen eine Reise vorgeschlagen, um Clebergen noch ein paar Tage bei festem Sinn zu halten, und Herr Linke hatte den Auftrag, mich und Lisetten zu beobachten, dessen Anmerkungen mir eine süsse Belohnung für meine Unruhe sein würde. Du hast die Hochachtung deiner Freunde verdoppelt; dein Mann verehrt dich auf das Neue; du musst ihm vergeben, wie mir.
Bin ich nicht in einer sonderbaren Lage mit diesen zwei Männern und wie viele vortrefliche Herzen von Frauenzimmern würden elend durch die Leute, wenn sie sich nicht gerade zu, nach ihrem Sinn aufführten! Gott sei ewig für die Richtung gedankt, die er meinen Gefühlen gab, und möge mir diese Erfahrung den Vorsatz der gedultigen und verschwiegenen Ertragung alles Uebels recht tief einprägen: möge die Ruhe des Herzens, die meine Ueberwindung des Widerwillens gegen Lisetten mich empfinden liess, möge diese die Grundlage eines immer edelmütigen Bezeigens gegen alle werden, die mich hier und da beleidigen können, unausgesetzt so gut zu sein, als ich kann. Mariane! diess, diess sei die Stütze für den gang meines täglichen Lebens, und möge die Vorsicht diesen herzlichen Vorsatz allein dadurch seegnen und lohnen, dass ich niemals einer niedrigen leidenschaft des Neides, der Rache, des Hasses und der Eitelkeit zu teil werde. Sagen sie Amen dazu, teure, edle Freundin! Sagen sie Amen zu diesem teuer erkauften wahren Wunsche meiner Seele, und schicken sie mir meine Briefe über diese Sache durch diesen Reitknecht zu. Cleberg und mein Oheim wollen sie sehen.
Lisette jammerte mich nun aufrichtig; wie wenig Kunst gehört für einem schönen, die Welt und Menschen kennenden Mann dazu, einem zärtlichen, etwas eiteln Mädchen etwas weis zu