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sie Kost- und Lehrgeld zahlte, und in ihrem haus die kleine Aussteuer an Kleidung für zwo Mädchen gemacht wurde, die sie in die Stadt als Mägde anbringen wollte. Freilich war sie erstaunlich matt, und konnte die etlichen Tage, da ich bei ihr war, nur mit Mühe, von mir und ihrer Jungfer geführt, in ihrem Garten herum gehen, wo sie doch allezeit beim Untergange der Sonne sein wollte, und süsser Schwermut voll in der Laube sass. In dem schönen Rasenstück, so vor der Laube liegt, liess sie ihren Schulkindern das Abendbrod geben, nachdem sie vorher entweder nach einer Maultrumme in Reihen getanzt, oder um einen Kreis in die Wette gelaufen waren. Es freute sie innig, wenn ich mittanzte und freundlich mit den Kindern tat, oder auch manchmal ihnen mit der Laute vorspielte und Etwas sang; doch bemerkte ich vor acht Tagen viel Vorbedeutendes in ihr, wenn sie die aufsteigenden Abendwolken betrachtete; ihr schöner Kopf an das Fenster gelehnt, in dem letzten falben Lichte, wie eine schon halb abgefallene Rose gegen ihren Busen hing; und ihr mattes Auge, mit Blicken der kindlichen Liebe, an den Himmel geheftet war, so sah ich den Gedanken der nahen Seligkeit mit den feinsten Zügen über ihr welkendes Gesicht verbreitet. Der tiefe Schmerz über ihren nahen Verlust war aber mit dem hohen Gedanken vermischt, dass aus dieser morschen Hütte eine Engels-Gestalt sich loswinden, und in die väterlichen hände ihres ewigen Urhebers zurückgehen würde. – Der vorletzte Abend, den sie da zubrachte, war ausserordentlich schön, und ihre Seele heiter. Sie hielt meine Hand und sagte, schon mit dem Tone der Himmlischen: "O Rosalia! wie viel Glückseligkeit lässt Gott mich Kraftlose noch geniessen! Den schönen Himmel, die fruchtbare Erde, sehe ich noch deutlich, und meine Seele fühlt jede Wohltat, die uns daraus zufliesst! Ich drükke noch die Hand einer zärtlichen Freundinn! und hier umgiebt mich die Freude der Unschuld von den Kindern meines Herzens!" – Hier schwieg sie eine Zeitlang, und sagte dann noch: "Seit drei Jahren habe ich den Saamen irdischer Tugend und Glückseligkeit um meine Nebengeschöpfe ausgestreut; ich hoffe, mein Tod soll die Wurzeln von beiden befestigen!" – Nun bemerkte sie das heftige Heben meiner Brust, und die Zähren, die über meine Wangen rollten. Sie küsste eine hinweg. "Ach, eine Träne der wahren Liebe, um mich geweint!" sagte sie feierlich, und gleich sank ihr Kopf, mit einem Seufzer, den bittre Erinnerungen ihr entrissen, auf meine Brust. Eine ihrer hände, aus Schwachheit ganz an der Seite herunter hängend, die andere in eine der meinigen gefaltet, sassen wir lange stillschweigend, bis sie die Abendkühle zu sehr fühlte und wir langsam bei aufgehendem mond in das Haus gingen; sie sah noch um sich, und sagte lächelnd: "Ich bin froh, ich werde keine dunkle Nacht mehr sehen!" – Der übrige Abend war ganz artig, und den Morgen darauf kam der Arzt, den ich und ihre Jungfer hatten rufen lassen, mit dem Herrn Pfarrer M** K**. Der Arzt fand sie, wie er wollte, dass die Milchkur würken sollte. Er blieb den Tag über da, und war Nachmittags bei uns in der Laube, wo Henriette den würdigen Herrn M** K** in ein Gespräch von der Ewigkeit geführt hatte. Wäre mein Herz nicht so gerührt gewesen, so hätte ich Beobachtungen über die Würkung machen können, welche dieser Gegenstand bei uns hervorbrachte. M** K**, der verdienstvolle Gottesgelehrte, redte mit aller überzeugung und voll sanften heiligen Eifers davon; doch war es natürlich, dass man auch hier und da den schuldigen Berufs- und Amtston bemerkte. Der Arzt, ein ganz vortreflicher Mann, hörte mit vieler Ehrerbietung zu; nur sah man, dass diese Scenen ihm bekannt waren. Henriette aber, am nächsten bei dem Austritte aus diesem. Leben, sprach mit dem Tone des Gefühls von dem Glücke der Unsterblichkeit. Niemals, niemals werde ich den seligen Ausdruck ihrer Physiognomie vergessen, den sie hatte, als der Herr M** K**, um die anstrengende Unterredung abzubrechen, uns zeigte, wie schön die letzten Lichtstralen durch die Blätter der Laube einfielen, und sie ihr beleuchtendes Kleid ansahe, mit ihren Händen darüber streifte und sagte: "Bald werde ich in ein ganzes Gewand von Licht gekleidet sein!" – Die ruhige Zuversicht, mit welcher sie jeden teil ewiger Güte erwartete, war mir höchst ehrwürdig, und musste in mir, da ich von ihrem Geschlecht, und beinah von ihrem Alter war, den Wunsch hervorbringen, dass ich dereinst meinem tod mit der nemlichen Heiterkeit entgegen gehen möchte! Kaum hatte ich diesen Gedanken vollendet, so hörte ich die stimme des jungen Hofbauern, und die stimme eines Fremden, den ich zugleich erblickte, wie er an der Gartentüre den Arm von der Hand des Bauern losriss und gegen die Laube eilte, indem er eifrig sagte: "Mein Gott, in ihrem haus sollte ich sein, und sie nicht sehen!" – Henriette horchte schnell, beugte sich vorwärts und schlug mit Bewegung die hände zusammen: "Ach, Rosalia! es ist von T**" – Hier war er am Eintritt der Laube, wo er, nach einem Blicke auf Henrietten, mit staunen dem Schmerz still stand. Ein grosser, edel gebildeter, junger Mann, von neun und zwanzig Jahren, etwas hager und bloss, aber schöne und grosse Augen