nicht eine Zähre, stunde früh auf, kleidete mich auch gleich ganz gut an, und nahm mir vor, beiden nicht im mindesten merken zu lassen, was ich von ihnen dächte. Nach Lisettens Gesundheit und nach Clebergs Nachtruhe zu fragen, das war mir unmöglich; aber Ruhe, Güte und Gleichmütigkeit suchte ich zu zeigen. Cleberg sass tiefsinnig bei dem Frühstück. Lisette sprach auch nicht; machte hundert kleine Brodtkrumen, tauchte sie in ihren Caffee, ohne eine davon zu essen. Ich machte mir viel mit Fritzgen Latten zu tun, nahm aber mein Frühstück wie sonst. Beide jammerten mich; ich sah ihre Glückseligkeit noch viel elender zu grund gerichtet als meine, und ich fühlte Würde und eine herrliche gelegenheit, Grösse und Güte der Seele zu zeigen, in mir. Doch konnte ich den sonderbaren Einfluss nicht hindern, den Clebergs Trübsinn und Schweigen auf alle machte. Wie der Tisch weggeräumt war und ich mich zu meinem Nährähmen setzte, bat ich Linken den Pack Bücher zu holen, welchen er Tages vorher bekommen hatte; er tat es und dies belebte uns alle, ausser Lisetten, die fortnähte. Latten, Linke, Cleberg und mein Oheim gerieten in eine wichtige Unterredung über den Nutzen und Schaden, den das viele Bücherschreiben und Lesen verursache. Latten setzte etwas darüber auf, das ich ihnen einst schicken werde. Es kamen Gäste aus der Stadt. Cleberg ging fort, und ich musste bis Abends die Leute unterhalten. Ich bezeigte mich aber gegen Lisetten wie sonst; ob sie schon unempfindlicher gegen mich war, als ehmals. Die Gesellschaft ging am Ende des kleinen Essens im untern saal zu Fuss der Stadt zu. Ich blieb im haus und ordnete mit meinen Leuten die Besorgnisse des andern Tages. Ich fürchtete mich vor der Nacht, legte mich aber, eh die andern zurückkamen, schlafen. Cleberg kam leise in sein Zimmer, ging auch wieder hinaus, und ich hörte ihn nicht mehr. Dass war wieder schlimm für mich; doch weinte ich etwas und schlummerte ein. Ich führte Morgens wieder meinen Plan der Ruhe durch, ging wohl gar bis zu einem Grad der Heiterkeit; Cleberg blieb nicht bei uns. Ich wurde in ein Gespräch verwickelt, das mich hinderte, Lisettens Abwesenheit zu bemerken. Ich ging auch selbst hinaus, um in dem äussersten Zimmer ein Bette aufschlagen zu lassen, weil mir mein Oheim einen Fremden meldete. Sie wissen, dass ich niemals bei den Kupferstichen vorbeigehe, ohne einige Zeit da zu verweilen. Ich machte das Zimmer auf und bei dem ersten Schritt sah ich meinem Cleberg zu der Seitentüre hinauseilen und Lisetten da sitzen. Ich wandte mich gleich um und gab mit dem kleinen Taumel in meinem kopf dennoch meine Befehle, ging wieder in den Saal an meine Arbeit, und zum Gespräch. Cleberg kam auch, sah manchmal sehr eifrig auf mich, legte sich ans Fenster, setzte sich auf Lisettens Stuhl an ihrem Rahmen, und betrachtete mich von dortaus einigemal vom Kopf bis zu den Füssen.
Vergleichst du mich mit deiner Blondine? dachte ich und sah ihn, ich bin es gewiss, mit lächelnder Kälte an. Er spielte noch mit der Scheere, der Seide und den Nadeln etwas fort; und biss in seine Lippe. Ich wollte hindern, dass niemand, als ich, es bemerken sollte und fing eine muntere Unterredung an. Da stunde er heftig auf, biss einen Faden, den er um die Finger gewickelt hatte, entzwei und ging fort. Ich sah ihm nach, blickte unwillkührlich auf Lisettens Arbeit, und war etwas zerstreut. Lisette kam nicht zum Mittagsessen. Sie hätte Kopfweh, liess sie sagen. Ich ging den Augenblick zu ihr, aber sie sagte mir mit Ungedult, sie könne nicht viel reden hören. Ich kam zurück und fragte Hannchen Itten, ob Lisette öfters mit dem heftigen Schmerz geplagt wäre? sie könne nicht einmal sprechen hören, und befahl den Leuten, ja leise hin und her zu gehen. Nach dem Caffee ging ich wieder zu ihr. Sie hatte sehr geweint und war noch mürrisch, ich redete sanft mit ihr. Sie war stöckisch; ich fühlte mich gross, und nahm ihre Hand. Lisette! dieses Betragen gegen mich, sagte ich, hat einen andern Grund, als ihr Kopfweh. Habe ich ihnen was zu Leide getan? Sagen sie es! Ich möchte nicht, dass es geschehen wär, und hatte den Vorsatz niemals. Ach, Hannchen ist ihnen doch lieber als ich, sagte sie. Das ist artig, dachte ich, so bist du auch eifersüchtig. Das haben sie nur bei ihren Kopfweh gesehen, mein Kind? Sie schwieg lang auf dem Stuhl gelehnt, und weinte dann stark. Liebe Lisette, ihr Aufentalt bei mir hat für sie nicht alles das Angenehme, was ein feines und wohldenkendes Frauenzimmer wünschet; es ist Unruh in ihre Seele gekommen; mein Kind, ich will nicht, dass sie mir davon sprechen oder glauben, was ich ihnen sage; aber ich bedaure sie redlich. hören sie mich, ich will ihre Freundin sein, und ihnen wieder zu ihrer Munterkeit helfen. Sie werden sie nicht anders wieder finden, als in ihrer eigenen Hochachtung und in der Hochachtung ihrer Freunde. O Frau Cleberg! was sagen sie da? hat Herr Cleberg ihnen so von mir gesprochen? Nein! Gewiss, er hat nicht das mindeste Nachteilige von ihnen geredet, so lang er sie kennt. Das macht nichts! Er ist doch falsch und