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so viel, als man denken sollte. Ich und Cleberg einen Einbildungsrock weniger in einem Jahre gibt uns Geld für Nahrung und Kleidung der guten Jungen. Auf die Werkeltage sind sie alle in groben weissen Leinen und grünen Hüten; Sonn- und Feiertage haben sie Röcke von grünem Zeug dazu. Alle Tage hilft einer aufwarten, ordnet die Blumen vom Nachtisch und die in den Zimmern stehen, damit sie einst auch den Dienst eines Laquayen mit der Gärtnerei verbinden können. Obst trocknen und in Zucker sieden lernen sie auch, und ich versichere sie, dass es recht artig ist, die vier wackern jungen Leute arbeiten zu sehen. Wir haben Fritzgen ein Stück Land eingeräumt; dort pflügte er mit dem kleinen Ackerzeug des guten jungen Wagners und säete auch. Die Freude des lieben Kindes ist nicht zu beschreiben, und Lattens Vatertreue auch nicht. Mit was für einen Ausdruck melancholischer Zärtlichkeit er ihm zusah, über ihm gebeugt war, wenn der Knabe zu ihm kam, den guten Papa zu fragen, oder ihm was zu erzählen. Sein kleines Feldchen liegt an einem Traubengeländer hin, und am Ende davon stehen etwas erhöht zwei sehr grosse Birnbäume, die Cleberg beide in den Baurengarten fand, als er ihn zu dem Unsrigen kaufte, und die zwei so freundlich beisammen stehenden Gewächse nicht trennen und nicht ausrotten wollte. Latten und wir alle fassen an diesen Bäumen, als das Stückgen Erde für Fritzgen zugerichtet wurde, der sehr viel dabei zu tun hatte, und dann auf seines Vaters Schooss ausruhte. Als er es angesäet hatte, regnete es zwei Tage, das machte den Kleinen sehr unzufrieden weil er seinen Acker und das Haus des guten Wagners nicht sehen konnte. Latten erklärte ihm den Nutzen und das Wohltätige des Regens, und der liebe Bube wurde so gerührt, dass er an das Fenster kniete, gegen Himmel sah und mit gefaltenen Händgen sagte: O lieber Gott, lass auch auf meinem Acker und auf Hansens Acker regnen, dass unser Brod wachsen kann.

Latten sprang auf, kniete zu ihm hin, fasste die geschlossenen hände des Kindes in die seinigen: Lieber Gott, erhör das Gebet meines Fritzgens! und drückte ihn an sich. Was er für das Kind erbat, sprach sein Auge und seine darin zitternde Träne und der Knabe war so herzlich froh, dass sein Papa für die Erfüllung seiner Wünsche bettelte. Latten nahm diesen Weg zu dem Herzen seines Sohnes, dass er in guten oder gleichgültigen Anlässen immer von der Meinung des Kleinen war, um ihn ja die Obergewalt nicht zu einer unrechten Zeit fühlen zu lassen und weil man durch eine immerwährende Rechtaberei bei Alten und Jungen verhasst würde. Diese Anmerkung, meine, Liebe, machte ich mir auch zu Nutz, und setzte mir vor, gegen keine Seele über irgend etwas zu streiten, wenn es nur auf das kleine Vergnügen des Rechtabens ankäme, und auch in der so feinen Sache zwischen Cleberg, Lisetten und mir ja keinen widerstrebenden, eigensinnigen Ton zu nehmen. Das Kind erhielt mein Herz in einer sanften Stimmung. Lattens geschichte und Grundsätze befestigten mich in der Pflicht des Ertragens der Fehler und Unvollkommenheiten anderer, und erhöhte den Wert eines grossmütigen Bezeigens. Alles das fühlte ich; aber diess war nicht mehr Liebe, und das macht den empfindlichsten teil meines Kummers in den ruhigsten Augenblicken aus. Endlich kam Cleberg und mein Oheim; aber Abends spät, gerade als wir schon nach dem Essen noch im Garten herum gingen. Mein Herz pochte unendlich. Cleberg war in seinem Reisekleide so schön; seine Freude über Latten so edel in ihren Ausdrücken. Er küsste meine hände, sah mich aber nicht viel an, sprach auch mit Lisetten nichts besonders; ob sie ihm schon hundert fragen tat. Er und mein Oheim nahmen nur etwas Wein und Brod im Garten; nachher ging ich mit Letzterm ins Haus, und da dieser schlafen wollte, in mein Zimmer; zog mich aus, schickte mein Mädchen fort, und legte mich, da ich mein Licht ausgelöscht hatte, an das Fenster. Es war nicht gut, dass ich es tat, weil Unruhe und dunkle Vermutungen mich dazu brachten, die mich auch natürlicher Weise zu den schlimsten Auslegungen des allerunschuldigsten Vorgangs verleiteten. Ich hörte, dass Cleberg, Latten und Linke in dem Laubengang auf und ab spazierten. Endlich gab Cleberg Linken den Auftrag, er solle Latten nach seinem Schlafzimmer führen. Er für sich, müsse noch einige Zeit herum gehen; es wäre ihm heiss, und er sei zum Reden zu matt. Seine Freunde gingen auch; und er lehnte sich einige Augenblicke hernach an den Pfosten des Laubengangs gegen meinem Fenster über. Wie mich däuchte, sah er nach, ob ich noch Licht habe. Die grünen Sonnenschirme meiner Fenster waren nahe beigezogen; er konnte mich nicht sehen, aber ich ihn, weil er ganz hellgrau gekleidet war und auch so einen Hut hatte. Seine Stellung schien nachdenkend und beinah traurig. Er rührte mich und ich fing an zu überlegen, ob ich ihn nicht zärtlich anrufen sollte. Meine Hand wollte auch schon den Schirm in die Höhe heben, als ich ihn sich schnell wenden sah und Lisetten sprechen hörte. Ach, mein Arm und mein Kopf sanken auf die Fensterrahmen nieder und endlich ging ich von Schmerz und Unmut wankend in mein Bette. Ich schlief nicht, also bemerkte ich auch ganz deutlich, dass Cleberg nicht in sein Zimmer kam. Es war eine sehr elende Nacht, die ich da durchzuleben hatte. Ich weinte aber