gegangen war. Edel, höchst edel, ohne einen Zug von Schönheit ist dieser Latten gebildet. Gross, schlank, ein herrliches Auge voll Feuer, und doch ohne die mindeste Schnelligkeit in seiner Bewegung. Aber aufheften kann er sein Auge mehr, als ich je an einem Menschen bemerkte, und dann sieht man gleichsam das Eindringen seiner Gedanken in die Sache, die er betrachtet. Seine Sitten sind so rein, seine Urteile so richtig, mit so treffenden Ausdrükken, dass er, nach diesem Durchblicken seiner Augen, für einen Menschen gehalten werden kann, vor dem man das Herz nicht hat, Böses zu denken: denn, wahrhaftig! es ist als ob er in das Innerste schauen könnte. Wir assen im obern saal zu Abend. Latten bezeugt Vergnügen an den Gebäuden und der Einrichtung, die Cleberg hier gemacht hat. Lisette hatte eins von Clebergs Büchern geholt, und sass in ihrem Zimmerchen und lass. Hannchen brachte sie zu uns, wo sie doch etwas verschämt auf uns blickte; aber ich suchte sie durch mein natürliches Bezeugen aufzumuntern. Latten beguckte sie, kann ich sagen, denn sein Auge hatte nicht das, was betrachten heisst. Linke führte ihn nach seinem Schlafzimmer, und ich blieb lange mit Nachdenken wachsam, was ich für Lisettens Stimmung und zur Erhaltung meiner Ruhe tun könnte. Cleberg ist liebenswürdig, sie ist freilich zwanzig Jahre und hat schon Kenntniss von Welt und Liebe, aber nicht Stärke der Tugend, nicht Stärke des Geistes genug, um der Gewalt zu widerstehen, die durch reizende Eigenschaften und vorzügliche achtung eines jungen Mannes, auf ihr eitles leichtes Herz wirkten. Cleberg ist nicht grossmütig gegen sie, nicht zärtlich gegen mich gewesen. Ich will noch zusehen; aber wäre ich noch Mädchen, wäre es der Abend vor meiner Trauung, ich träte ihn Lisetten ab. Mein Herz, meine Hand zögen sich zurück, und ich ginge nach Wollinghof. Er soll keine Klage, keinen Unmut von mir hören; keine Frage; nichts! Gute Nacht, Beste! Ach, sie haben mir niemals Schmerz der Seele erregt, niemals! Der Himmel lohne sie dafür! Lieben sie mich. Freundschaft ist das wahreste, edelste Gefühl der Menschheit. Traum, Rausch der Liebe, mit all deinen Seligkeiten, wie weit bist du von mir! Ich fühl es, nie, nie kommst du wieder zurück. Ach, Mariane! wie viel weinte ich gestern in meinem Bette um diesen Traum. Sie erhalten mein Leben und meine Vernunft; denn, da ich niemand etwas sagen will, und doch alles so heftig in mir arbeitet, wühlt und kämpft, so erläge meine Gesundheit oder mein Kopf. Denn mein Herz, o Mariane! mein Herz leidet viel, leidet in seinen grundsätzen und seinem Wohl, denn niemals konnte ich Coquetterie ertragen. Es schien mir immer unedel, unwürdig. An einem Fremden schien mir es so; und nun an Cleberg; und ich sein, auf ewig sein! Seine Liebe mein einziges Glück! Adieu, ich fühle mich stark genug, um mich zu beobachten und meinen Plan des ruhigen Ertragens durchzusetzen. Lieben sie, o lieben sie mich!
Hundert und vierter Brief
Rosalia an Mariane S**.
Ich will fortfahren, ihnen zu schreiben. Es erleichtert und stärkt mich. Neben diesem fiel mir auch der Gedanke ein, dass ich durch die Briefe über diesen Vorgang in meinem kopf und Herzen, einmal bei wiederkommender Ruhe mich selbst recht kennen werde. Ich bin gestern sehr früh aufgestanden, weil ich diesen Gast habe, und völlig angekleidet zum Frühstück kommen wollte. Mein Putz nimmt mir so nicht viele Zeit weg, eine braun und blauspielende tafente Polonaise, ein Strohhut mit blauen Bändern, eine weise Schürze und ein Halstuch von weisem Flor war alles. Mein Nährahmen aus der Stadt war da. Ich machte mit Hannchen meine Arbeit zurecht, noch eh Linke und Latten zu uns kamen, und in der Küche hatte ich das Mittag- und Abendessen schon bestellt, auch wohl vorläufig etwas auf morgen; denn es sei im Vorbeigehen gesagt, meine Köchin und ich verstehen uns vortreflich darauf, einer schon erschienenen Schüssel mit speisen ein anderes und neues Ansehen zu geben, welches am Ende des Jahrs in meiner Küchenrechnung etwas Ansehnliches erspart. Da wir ohnehin nicht von der vorgesetzten Zahl der Schüsseln abgehen, und hier auf dem land mein Aufsatz von lebendigen Blumen in der Mitte des Tisches, der alle Tage abgeänderte Formen hat, neben meiner schönen Tafelwäsche und der Nettigkeit, womit der Bediente meines Oheims und der unsrige aufwartet, dem Auge eines Gasts soviel Vergnügen geben, dass er sich nicht so genau nach der Anzahl der speisen umsieht, und ohne ein schwelgendes Mahl vor sich zu haben, satt wird und zufrieden aufsteht. Mein Tisch zum Frühstück bestand aus Obst. Milch, Tee, Caffee und Chocolade war auch bereit, und Gläser mit Blumen waren dazwischen aufgestellt. Lisette sass schon an ihrer Arbeit, nicht so sorgfältig gekleidet, als sie es bisher gewesen war. Ich hatte noch eh ich aus meinem Zimmer ging, mit mir selbst gesprochen, sie entschuldigt, mir Edelmütigkeit gepredigt und gesagt, dass die Ausübung einer jeden Tugend, mit Beschwerden und Ueberwindung verbunden sei; dass tausend liebenswürdige Frauen dieser Art von Lebenskummer ausgesetzt sind; dass Lisette unglücklicher würde als ich, weil sie in der achtung der besten Menschen so viel verliehre, die Ruhe und Unschuld ihres Herzens dahin sei, und endlich kam ich bis auf die Stärke des Vorsatzes