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. Ei, Lisette! wie kommen sie zu diesem Gedanken bei Frau Cleberg? Ich unterbrach dieses Gespräch mit der sanften Frage an Lisetten: Sagen sie mir, warum sie es wissen möchten, ich sehe ihnen etwas wichtiges an. Ja, ja, es ist mir wichtig; ich hätte gerne, dass sie eine andre Rahme nähmen und an dem Sitz des Stuhls arbeiteten, weil ich die Lehne ganz allein machen möchte. Dies war nun wirklich unverschämt. Linke stunde auf und betrachtete sie von allen Seiten mit grossen Augen voll Verachtung und Staunen. Hannchen sah zärtlich auf mich. Ich fasste mich gleich, und sagte ihr lächelnd: ich will sie gleich allein nähen lassen. (Und ich glaube, dass es ihr Freude verursachte.) Morgen kann ich einen Rahmen aus der Stadt haben. Sie rief voll Freuden: O, das ist charmant! küsste ihre hände und setzte hinzu: Sie müssen mich alles allein machen lassen, alles; ich kann nun die Schattirang schon absehen. Das ist mir lieb, antwortete ich, wollen sie auch auf meinen Platz sitzen?

Sie rückte ihren Stuhl, ich war von meinem aufgestanden; Hannchen erhob sich den nemlichen Augenblick mit einem Was? und auf sie blickend. So wie Linke mit einer Hand ihren Stuhl fest hielt und sie steif fragte: den Platz da wollen sie? auf meinem Lehnstuhl weisend. Sie blieb sitzen, sagte nichts, sah aber etwas verdriesslich aus, und ich fiel ein: Ich bekenne, es wäre mir ein Bisschen Leid um meine Aussicht gewesen. Sie sollen einen eigenen schönen Platz in meinem haus und in diesem Zimmer haben. Ich zeigte ein Fenster; da können sie auf die Landstrasse sehen, wenn die Reisende wieder kommen.

Das war ihr recht, und sie schafte ihren Rahmen gleich hin, wollte mich küssen, das konnte ich aber nicht leiden. Ihre Annäherung und die Absicht war mir Näherung einer glänzenden Schlange, die mit doppelter Zunge mir doppelte Wunden drohte. Ich wand mich seitwärts ob. Schauer fuhr durch mich, Widerwillen ergoss sich in jeden Tropfen meines Bluts. Ich lasse mich in Clebergs Abwesenheit von Niemand küssen, sagte ich. Nun wurden wir aber alle still, und zum Glück, kam Julie und Ott mit ihrem ältern kind und sagte, sie wollten mich trösten und zerstreuen helfen. Ich ging einen Augenblick hin, um das Zimmer für den Fremden zu besehen und liess es gleich vollends zurecht machen. Es sind die schönsten Stücke von West Kaufmann, Strange und Reinolds darin, die ich allezeit gern sah, und so oft ich in den gang kam und Zeit hatte, hielt ich mich dabei auf. Nun stand ich alleine vor dem Bilde der Nymphe Clitia von Bartolozzi still. Es zog mich an. Ich suchte an ihr eben die Ursache, und sah sonst keines an. Da ich lang ausblieb, kam Julie geschlichen und rief mir an der tür: Sind denn so schöne neue Bilder da, dass sie die alten Freunde allein lassen?

Dies brachte mich von dem dumpfen Gefühl zurück, dass meinem Herzen das nemliche Schicksal drohte. Ich ging dann mit der ganzen Gesellschaft in den Garten. Lisette dauerte mich beinah, ungeachtet meiner Gehässigkeit gegen sie. Denn alle begegneten ihr mit so viel Kälte und Geringschätzung, dass man sie gar nicht anredete, sondern sich nur mit mir beschäftigte. Sie ging aber auch gern allein, sie war auf einmal weg und ich sah nur noch einen Zipfel ihres Kleides, wie sie in den kleinen Schoppen ging, den Cleberg bei dem Bau des Hauses zur Schreinerei hatte errichten lassen, und nun seine Drechselbank und kleine Steinhauerei darin hat, wo er Vasen und deren Fussgestell aushauen hilft, und allerlei sehr artige Sachen drechselt. Ich sagte, dass sie dahin gegangen sei, und Linke flog auch von uns, nahm aber den Weg auf einer andern Seite, wo er durch ein Gitter den Schoppen übersehen konnte. Als er wieder kam, sagte er mit einer nachdenkenden Miene: Lisette will drechseln lernen, denn sie beschäftigt sich mit dem Drechselhandwerkszeuge. Ist Niemand bei ihr? fragte Hannchen. Nein! keine Seele, als ihr eigener böser Geist. Ich fühlte, dass das Mädchen nur dortin gegangen war, um alles in ihre hände zu fassen, was Cleberg berührt hätte. Ihre leidenschaft war also schon stark und sehr zärtlich. Gewiss, Mariane, sie jammerte mich aufrichtig bei diesem Gedanken, ob schon eine Mischung von Unwillen in mir war, und ich wünschte ein Mittel zu wissen, ihr zurecht zu helfen. Ost, Julie und Hannchen schüttelten die Köpfe gegeneinander, und ich nahm Juliens Mädchen an meine Hand, um ihr Blümchen suchen zu helfen. Niemand hielt mich zurück, weil sie gern sprechen wolten. Ich setzte mich endlich mit dem kind in das halbe Geissblattüttgen, das an dem kleinen Bache steht und Saliehüttgen heisst. Die Gesellschaft dieses unschuldigen Kindes erquickte mich, und tat mir wohl. Ich ergoss manch Bewegung meiner Zärtlichkeit, indem ich es an meine Brust drückte. Ich umfasste sein Hütgen und Schürzgen mit artigen Feldblumen; verweilte mich aber lang genug, dass sie mich endlich suchen mussten und mich ruften. Ich ging mit der lieben kleinen Grazie nach ihnen hin und erblickte gleich einen Fremden, in einem simpeln, aber sehr netten Reisekleide. Linke stellte mir Herr Latten vor, der mich, wählend ich zur Gesellschaft ging, sehr genau betrachtete, und auch das Kind ansah, um dessentwillen ich etwas langsamer