neuem grab auf dem sein armes Weib mit ausgestreckten Armen lag. Ich eilte mit Angst dem Kirchhofe zu, und fand sie wirklich starr und sinnlos auf dem nassen Hügel liegen; fasste sie in meine arme, und suchte sie zu beleben; legte ihre todtkalten hände auf meine Brust, mein Herz wurde durchbebt und mit der heftigsten Teilnehmung durchglüht und ich glaube noch, dass meine heisse Wangen, die ich an ihr blasses lebloses Gesicht hielt, wieder Lebenswärme in sie brachten; denn sie erholte sich, und ich führte und trug sie halb in das Amtaus, wo ich sie, mit der freundlichen hülfe der Hausfrau, wieder erquickte und endlich, da sie nicht bei uns bleiben wollte, zurück in das Spitälchen leitete; wo sie sich legte, und sich endlich so viel wieder erholte um mir zu erzählen, dass eine unnennbare Bewegung von Zärtlichkeit, Wehmut und Freude sie auf dem Ehrengrab ihres Mannes ohnmächtig niedersinken gemacht hätte. Der Anfall eines heftigen, nicht zu heilenden Fiebers, nahm sie vor acht Tagen aus der Welt und von ihrem Jammer weg. Bereitwilliger und seliger bat noch niemand das Opfer seines jungen Lebens da gegeben; denn sie war kaum zwanzig Jahre alt. Sie dankte mir noch dass ich ihre beiden Schwäger bei der Ehrenrettung ihres Mannes geschont hätte; und empfohl mir ihr Kind das (wie sie sagte) zu allem Unglück, alle jugendliche Gesundheit seiner armen Eltern in sich vereinigte.
Ich nahm, mit aller Feierlichkeit das arme Fritzgen an Kindesstatt an, und seine bedaurenswürdige Mutter fiel in dem Augenblick, da ich ihren Sohn von ihrem Bett in meine arme nahm, und der Pfarrer durch eine Anrede mich zu dem Vater des Waisen einsegnete; in Zückungen, die sich nur mit dem tod endigten. Wie jammerte mich das Schlachtopfer einer übelverstandenen Liebe ihrer Verwandtin, und einer noch übler verstandenen Gerechtigkeit. Wie oft schon sind Vorurteile und Missdeutungen aller Arten Henkersknechte und Mörder, der unverteidigten und furchtsamen Unschuld geworden. Ich ging mit dem Knaben auf dem arme weg, setzte mich mit ihm auf dem Platz, wo vor einigen Wochen, noch seine Mutter mit mir sass und ihr Schicksal erzählte. Mit Tränen sagte ich: armer Wurm! du hast nun in der ganzen Schöpfung niemand, als mich; wenn nun auch ich dir entginge, grosser Gott! erhalt mich! zärtlich und treu will ich mein Wort halten. Ich erhob ihn gegen Himmel und schloss ihn darauf an meine Brust. Die Seele seiner Mutter mag mich noch gesehen, noch gehört haben; denn gewiss, sie umschwebte ihr so geliebtes verlassenes Kind. Die Hirtin besorgte es noch zwei Monate, denn länger blieb ich nicht mehr in Grünburg. Ich hatte mein Bestes da getan, weil der neue Amtmann das ist, was er sein soll. Wären nur alle so! und das einfache Grabmal für die zwei Gatten war nun aufgerichtet aus grauem Sandstein. In dem Schlangenring, den ich darauf aushauen liess, steht:
"Hier ruhen
Wilhelm und Amalia Rechel, junge, treue, unschuldige und unglückliche Ehgatten. Die Ewigkeit lohnet ihre Liebe, ihre Tugend und ihre Leiden."
Ich nahm meinen Sohn mit der Hirtin zu meinem Freunde Rohr, der mit einem schätzbaren weib recht wohl und genügsam lebte. Dem erzählte ich nun, was ich unterdessen gewesen und getan. Seine Frau sorgte für meinen Fritz, der hold und lieb heran wuchs; immer Gegenstand der sorge und Zärtlichkeit. Rohre Vaterstadt ist eine kleine Republik, deren wir ja unserm Teutschland so viele haben. Alte Sitte und Gewohnheiten, Patriciat, Magistrat, Zünfte, Kirchen, Einkünfte und Spitäler alles ist unter Catolische und Luterische Glaubensverwandte geteilt. Unter beiden sind viel Hochachtungswürdige Personen, mit denen ich zwei Jahre lang, schöne ruhige Tage verlebte. Die Gegend ist höchst angenehm, Berge, Wiesen und Wälder wechseln schön ab, und ein kleiner Fluss durchschneide das Tal. Hier sah ich Beweise, dass die Mittelstufe von Reichtum, Rang, Wohlstand und Grösse die meiste Zufriedenheit des Lebens gewährt. Was mich an angesehenen und bürgerlichen Personen freute, war, dass sie alle Gärten und Spaziergänge aufs Land oder auf ein Dorf unendlich lieben und ihrem väterlichen Boden anhängen. Die Patricii reden gern von den Angelegenheiten der Stadt, ihre Frauen gern von ihren Kindern, sind mit schätzbaren Stolz gute Mütter und Hauswirtinnen. Hier wurde Wieland gebohren und genoss die Erziehung verdienstvoller Eltern. Sophie la Rosche lebte auch hier und erinnert sich noch mit Rührung jedes vergnügten Tages und jeder Familie, deren Freundschaft sie genoss. Sie segnet noch Menschen und Gegend besonders das schöne Wohnhaus, erzählt gern, und mit schönen freundlichen Eifer, alles Gute, dessen sie sich erinnert. Auch von den Anstalten zu Kinderfesten, die von alten zeiten her in der Stadt gestiftet sind, wo zweimal des Jahrs alle Schulkinder in einem zug nach einer moralischen Anrede in der Schule an sie, hinaus ins Grüne gehen, Reihentänze halten und ihre Lehrer, Väter und Verwandte mit in ihre kindliche Spiele sich mischen und Anteil an ihrer Freude nehmen. Sie glaubt, dass diess der Grund der Liebe ist, die alle Einwohner dieses Städtchens, und sie selbst in der Entfernung, auch in den grössesten Städten für das einfache Biberach behalten, und sie wünscht, dass diese Grundlage von vielen vaterländischen Tugenden immer wohl erhalten werden möge!
Nun hat aber mein Fritzgen drei Jahre; ist schön stark, gesund, voll Fähigkeiten, die ich in meinem Zirkel von Kenntnissen und Künsten anbauen möchte. Doch so, dass