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Freiertage noch lange dauern sollten, und er keine Pflichten zum Beitrag des gemeinen Besten zu erfüllen hätte, möchte es wahr sein. Sie wäre auch gelehrt worden, dass es schwer sei, ein männliches Herz ganz zu fesseln, deswegen hätte sie gesucht, Kenntnisse und Empfindungen in einem gewissen Grade von Vollkommenheit zu besitzen, um neben dem ermüdenden Geniessender Schönheit, durch Talente und Denken, seinen Geist zu unterhalten und zu befriedigen; welches alles gewiss, bei der edlen Besorgung eines Amtes, und bei den Folgen ihrer ewigen Verbindung, keine leere Stunden der Langenweile zulassen würde. – Er scherzte über ihre ernstafte Art zu lieben; verband sich zu muntern Gesellschaften, in die Henriette nicht ging. Sie tat alles, um ihn den Ton ihres Herzens lieben zu machen, und er seiner Seits suchte sie an den, von seinem Kopf, zu gewöhnen. So ging es bis an den Tod ihres Oheims fort; während dessen abnehmender Gesundheit sie sich weigerte, die Vermählung zu vollziehen. Nach diesem stieg die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen so hoch, dass Henriette ihr Versprechen zurücknahm. Aber ihr Herz war gebrochen. Niemand hatte Anteil an ihrem Kummer genommen. – Man vergab ihr ihre Vorzüge nicht, und schalt sie gerade weg, eigensinnig. – Hier kam sie auf das Land, und wurde durch die Wohltätigkeit ihres Herzens und den Umgang und Rat des würdigen Herrn Pfarrers M** K** ziemlich glücklich.

Der Anbau der Gärten und Häuser, die Schule für Kinder, alles war Zerstreuung; aber, einmal bekam Herr M** K** einen Besuch von einem Jugendfreunde, der mit v. T**, nach seinem Abschiede von S**, England und Italien durchreiset hatte, und nicht Rühmens genug von dem edelmütigen und liebenswerten mann machen konnte, der endlich der Tugend des kindlichen Gehorsams das Opfer einer geheimen leidenschaft gemacht, und sich vor einem Jahre nach dem tod seiner zwei Brüder vermählt hätte; er, Herr B**, wäre, mit Versicherung auf die beste Bedienung, indessen als Freund bei Herrn v. T**, der mit seiner Gemahlin recht artig lebte, und alle, die von ihm abhingen, glücklich machte. – Dieses erzählte Herr M** K** Henrietten, um ihr zu beweisen, dass eine zweite Liebe, und Ueberwindung seiner gehegten leidenschaft, edlen Seelen noch Glück vorbehalte. Er wusste nicht, wie viel Anteil Henriette an v. T** nahm. – Jedes Lob, das er in S** erworben; jedes Kennzeichen seiner reinen Liebe; sein verzweiflungsvoller Abschied und Abreise; die Unwissenheit, in welcher seine Verwandte beinahe zwei Jahr über sein Leben und Aufentalt gewesen; das zeugnis übender Tugend; die genährte traurige leidenschaft; alles sagte ihr, aber zu spät, dass dieses der Mann ihrer Seele gewesen wäre. Sie kämpfte gegen ihr Herz. Aber Herr M** K** hatte gegen seinen Freund der jungen Dame erwähnt, die durch die Liebe so unglücklich geworden sei, der es bei seiner Zurückkunft dem Herrn von T** erzählte. Dieser hatte sich, aus Gram, nicht um seinen Vetter befragt, und hörte nur jetzt, Henriette sei unvermählt und leide. – Schmerz trat in die Stelle der Zufriedenheit, und mit Tränen benetzte er die Wiege seiner neugebohrnen Tochter, die er Henriette hatte nennen lassen. – In der ersten Bewegung schrieb er dem fräulein von Effen: "Sie sind unvermählt, und ich verheiratet! – Ach, Henriette! was kostet mich mein unseliges Schweigen! und wie elend, wie unglücklich bin ich zwischen dem Verlangen nach Ihnen, und der Begierde, ein guter, ein gerechter Gatte gegen meine würdige Frau zu sein!" – Nun war ihre Standhaftigkeit erschöpft. Sie wurde über dieses Schreiben so krank, dass man sie mit Mühe rettete. – Das war just bei der geschichte des Webers, wovon mir Herr M** K** gesagt, dass der Mut, den sie damals zeigte, von einer so traurigen Folge gewesen sei. – Sie antwortete auch ganz kurz, an v. T**: Sie würde sich in keinen Briefwechsel einlassen, aber seine Erinnerung an sie, wäre ihr schätzbar, und sie wünsche ihm jede Glückseligkeit, die die Tugend begleiteten. –

Alles dies wusste Herr M** K** nicht, und lange nach dieser Unruh war sie unglücklich, und nur ihre abnehmende Gesundheit ihr Trost.

Zwei ganzer Tage sammlete ich an diesen abgesetzten Stücken; denn sie war oft zum Fortreden zu matt, oft durch Tränen unterbrochen, aber einnehmend in dem ganzen Gespräch. Bei Erinnerung des unedlen Verfahrens von M** richtete sie sich auf, und sah voll Würde um sich. – Der Name v. T** gab ihr eine feine Röte, und in Tränen glänzende Augen. Oft lehnte sie sich auf meine Brust, oder drückte eine meiner hände an ihr schwach klopfendes Herz voll Liebe. – Ich war ganz Empfindung, und sie sagte mir: "Ach, Rosalia! vor drei Jahren hätte eine Freundinn, wie sie, das Uebermaas meiner Zärtlichkeit erhalten! dadurch wäre mein Glück und Leben gerettet worden!"

Zwanzigster Brief

Mariane! ach, meine Tränen werden die Hälfte dieses briefes auslöschen! – Ich komme von Henriettens Krankenbette. Der Pfarrer, M** K**, ist bei Herrn v. T** dessen stummer Schmerz jede Kraft seiner Seele zernagt.

Zehn Tage lang war ich mit Madame G** in H**. Ich verliess das fräulein von Effen ziemlich wohl, und auch mit einer Art Genusses von Glück, weil sie einen ganzen Band ihrer Kräutersammlung zu ordnen hatte, und drei arme Jungen zu Handwerkern aufdingen liess, wofür