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die Leute und ihr Schicksal, auch die Aufzeichnung dessen, was er für sie getan, so, als ob er mit sich selbst geredt hätte; kurz abgebrochen, das war mir lieb. Ich bat ihn, der Frau nur im Anfang von meiner Redlichkeit zu sagen, und dass er im Sinn habe, mich zu bitten, in das Amtsbuch ein Zeugnis von der Unschuld ihres Mannes zu setzen, das einmal ihrem kind gut sein könne. Dann wollte ich einmal selbst mit ihr reden. Ich gab ihm Geld, um sie zu laben und bat ihn, zu einem Arzt zu gehen. Aber der gute Mann hatte es schon getan und keinen Trost erhalten. Sie sollte nichts tun, als halb Milch, halb wasser mit etwas Honig trinken und Brei essen. Ich ging halb traurig, halb vergnügt nach haus. Ich setzte auch wirklich eine Ehrenrettung für den Verstorbenen auf, so weit ich von der Sache Kenntniss hatte. Der Hirt kam den zweiten Tag zu mir und bat mich, bald nach Ertach zu kommen, weil die arme person täglich schwächer würde, und sie möchte so gern mit mir von ihrem Mann sprechen und ihr Kind empfehlen. Ich ging hin, stieg die schmale Treppe in ein enges Kämmerchen. Ein schlechtes aber doch reinliches Bett, zwei hölzerne Stühle und ein an der Wand festgemachtes Tischgen war alles was darin Platz hatte. Die arme Verlassene stunde, so bald der Hirt mich genannt hatte mit ihrem kind auf, kniete, legte das schlafende Kind vor meine Füsse: Ach Herr! um des armen Wurms willen retten sie die Ehre seines unschuldigen Vaters. Mit was für sehnsucht sie mich anblickte, ihre bittende hände erhob und halb ohnmächtig sich gegen das Kind beugte, das ich mit Tränen in einem Arm fasste und mit dem andern sie aufzuheben bemüht war. Die Hirtenfrau half ihr auch; aber sie wandte sich noch da knieend gegen mich. Wollen sie meinen Wilhelm retten. Ja, ich verspreche es ihnen bei dem allmächtigen Gott und um des unschuldigen Lammes willen, wobei ich ihr das Kind zeigte. Sie faltete ihre hände, und dieser allmächtige Gott wird sie ewig lohnen, aber tun sie es bald. Bald! geben sie mir nur alles an Hand, ich hab hier schon einen Aufsatz gemacht Sie war aufgestanden, und sah mich mit gerungenen Händen an. Als ich nach dem Papier in meine tasche langte, zitterten ihre Lippen und hände, sie sank auf das Bett. Die Hirtin hatte das Kind genommen ich nahm der armen Amalia (so hiess sie) zitternde Hand, die sie auf die Lehne des hölzernen Stuhls gelegt hatte. Fassen sie sich, gute liebe Seele. Ich will ihnen lesen, was ich angefangen habe. Sie nickte mir, trocknete ihre Tränen, und ich las ihr den Aufsatz, bis auf das, was sie noch zu sagen hatte, und sagte, dass ich es von der Kanzel würde ablesen und in die Zeitung setzen lassen. Sie hob die hände auf: lieber, lieber Wilhelm nun sterb ich gern und ruhig! O, lieber Hirt! und Tränen erstickten ihre stimme; aber sie hatte beide unaussprechlich angeblickt, dann fasste sie ihr Kind: Mein Kind! o wenn du leben bleibst, liege tausendmal zu den Füssen unsers Wohltäters. Sie wollte es wieder auf die Erde legen, aber ich hinderte sie daran und sagte: Schonen sie ihr Leben, und lassen sie mir die Freude ganz ihnen und dem lieben kind Gutes zu tun. Leben? ich! O nein, nein! und du! (ihr Kind an sich schliessend) ach stirb mit mir. Werte schätzbare Frau, fassen sie sich um wenigstens alles zu sagen, was zu der Ehrenrettung nötig ist.

Hastig sagte sie: Ach Gott! ja! hören sie mich nur: Nun weinte sie wieder stark und ich war selbst so sehr erschüttert, dass ich den Vorschlag tat, sie sollte sich zu beruhigen suchen, ich wollte unterdessen ein wenig in das Baumgärtgen gehen. Es war mir auch bei der starken Gemütsbewegung in dem engen niedern Stübchen bange. Ich liess sie mit der Hirtin und ging allein durch den kleinen Gemüssgarten dem Baumstück zu und setzte mich auf einen am Ende liegenden Klotz. Es dauerte beinah eine halbe Stunde eh sie zu mir kam. Die Hirtin führte sie. Bebend und errötend setzte sie sich neben mich, schwieg lang und fing dann mit gesetztem Ton an: Ich werde ihnen eine kurze geschichte von Unschuld und Unglück erzählen; aber sie ist wahr, wie die Abnahme meines Lebens wahr! wie die Gnade des himmels über uns. Mitleiden und Eitelkeit sind der eigentliche Grund meines Elends. Ich verlohr meine Eltern früh, und wurde von meiner Mutter Schwester, der Frau eines Universitäts-Rats in F** erzogen. Sie hatte keine Kinder und nur ein kleines Vermögen, vermietete Zimmer und gab auch angesehenen Studirenden die Kost. Mein Onkel gab mir manche Stunde guten Unterricht, den ich auch benützte und mir bald viel auf meinen Verstand einbildete. Meine Tante las gern Romane und ich bekam auch Geschmack daran. Sticken, tanzen und etwas wichtig und jugendliches aufsehen machte ihre Liebe für mich und meine Eigenliebe blind, so, dass wir auf eine vornehme Heirat rechneten. Zwei Brüder einer angesehenen Familie kamen in unser Haus zu wohnen. Der ältere voll Bossheit und List, stark, garstig und tückisch; der arme jüngere schön, sanft, still und lernend, litte viel von dem ältern, der