welches die junge person streichelte und küsste; aber auch dazwischen weinte; der Bauerfrau die hände drückte; ihre eine Achsel mit ihren Händen fasste und dann eine Zeitlang ihren Kopf auf sie lehnte. Die Bauerfrau weinte mit, suchte sie aber zu trösten und wie mich däuchte, so versicherte sie sie mit dem redlichen Herzen, das in ihrer einfachen Bildung lag, dass sie sie und ihr Kind treulich liebe, und fort lieben wolle. Sie nahm darauf das Kind selbst und drückte es mit beiden Armen an ihre Brust; während ihre Augen starr und sehnend gegen Himmel erhoben waren. Ich hatte sie durch mein Fernglas betrachtet. Ihre Gesichtszüge waren fein, ausdrucksvoll, äusserst weiss grosse blaue Augen, schöne Haare, schönen Mund, abgezehrte arme und auf den Wangen war die carmoisin Röte, die bei jungen abzehrenden Leuten sich immer einfindet. Ich vermutete nun, dass sie auf eine unglückliche Weise Mutter geworden, von ihrer Familie gestraft, von dem Verführer verlassen, und durch Reue und Elend ihrem frühen tod entgegen geführt werde. Ihre Kleidung war reinlich, passend aber armselig, so wie auch des Kindes seine umhängende Läpchen zu sein schienen. Aber seine ganze Gestalt war Schönheit des Kindes der Liebe, und sehr munter in allen seinen Bewegungen.
Dieses unschuldige geschöpf, so voller Leben und Anlage zur Freude aus dem Schoosse der natur in den hinfälligen Armen seiner jungen und seines Daseins willen kraftlosen Mutter, sein Schicksal nicht ahnend, nichts von dem zerreissenden Jammer des Herzens fühlend, unter dem es Geist und Kräfte eingesogen hatte, die ringsum reich tragende Gegend, und die zerfallenen Schlossmauren, der Kirchhof, alles, vielleicht die damalige Schwäche meines eigenen Körpers brachte mich zu wehmütigen Gedanken, über das menschliche Elend, und die so nah dabei liegenden Freuden, dass ich herzliche Tränen vergoss, und mir dabei vornahm mich nach der person zu erkundigen, die mir arm schien, und auch sorge für das Kind zu tragen.
Ich fragte den jungen Beamten, der mich alle Abend besuchte, nach der person, die mit auf dem Kirchhofe, und der alten Schlosstreppe erschienen war? Sie ist die witwe eines jungen Strassenräubers, der bei einem Angriffe im benachbarten wald geblieben, und auf den Armen-Sünderplatz begraben wurde. Gott! was für ein Schauer durchlief mich! Das mich so anziehende, weibliche geschöpf, witwe eines Räubers! Mit alle dem moralischen Gefühlen, die ich in ihr zu sehen glaubte, hatte sie einen Strassenräuber geliebt, sich ihm ergeben! Das Kind, das ich erziehen wollte, aus Räuber vielleicht auch Mörder-Blute entsprossen! Sein Vater, seine Mutter jung, und dieses Leben!
Ich war stumm und starr bei dem inneren Gewühle dieser Gedanken. Ich fragte meinen Freund noch den folgenden Tag, um die geschichte, die mir fürchterlich war, die ich nicht glauben konnte, nicht glauben wollte und eben so elend darüber wurde, als ob sie meiner Schwester begegnet wäre. Friedmann brachte mir das Gerichts-Protokoll, in welchem der ganze Vorgang beschrieben, und von dem Schwager der witwe ein Eid abgelegt war, dass ihr Mann mit den Räubern einverstanden gewesen, zu ihnen aus der Schaise gesprungen, seiner Frau, die er herausgezogen, was zugeredt, und sie darauf weggelaufen sei, Er und seine kranke Frau darauf angefallen, geplündert und seine Frau so misshandelt worden, dass sie kurz darauf gestorben wäre. Das Protokoll sagte auch, dass die witwe des Erschossenen mit Aechzen und Flehen von der Unschuld ihres Mannes gesprochen und versichert, dass er sie alle hätte retten wollen und deswegen den Räubern sein Geld und Uhr zugetragen habe. Aber, setzte Friedmann hinzu der Eid ihres Schwagers und die Aussage des Kutschers waren gegen sie und sie erhielt nur zu Ertach die Freiheit, im Hirtenhause zu wohnen, weil der benachbarte Pfarrer gut für sie sagte, und sie von Jugend auf gekannt hatte. In dem Hirtenhause wäre sie mit dem Knaben niedergekommen, und seit ihren Wochen immer kränklend. Der alte Pfarrer sei vor einigen Tagen gestorben, deswegen würde sie um so trauriger sein, weil ihr dieser so viel Gutes tat. Ich war immer still, und lass nur die Stelle des Protokolls, wo von ihrem Hinknien und dem Beteuren der Unschuld ihres Mannes die Rede war. Ich bedauerte den Tod des alten Pfarrers, der mir so viel Licht hätte geben können, doch seine Frau lebte und zu dieser ging ich, so bald ich wohl war, aber das dauerte noch sechs Tage. Von der Pfarrerin hörte ich, dem Himmel sei Dank! Gutes von der Redlichkeit des armen toten und seiner witwe, die nirgend keine Verwandte mehr hätte. Ihr seeliger Mann habe sich der Ehre des Entleibten und der Frau angenommen; aber man glaubt bei uns, (sagte sie) einen Geistlichen nicht so viel, wie bei den andern Religionen, und die witwe ist arm und ohne Freund, wer wird ihr Recht schaffen? Es wäre ihr Glück gewesen, dass vor zweihundert Jahren eine Edelfrau bei dem Hirtenhause mit Geburtsichmerzen befallen worden, dass sie nicht weiter gebracht werden konnte, und froh sein musste, in der Hütte zu genesen; diese habe dann eine ewige Stiftung gemacht, dass man alle atme Schwangere dort aufnehmen und ein Bierteljahr verpflegen solle. Der Herr von Ehrtach hatte nachdem erlaubt, dass die arme traurige, so kang sie lebe, da sein dürfe, und ihr Kind ins Waisenhaus sollte, wenn es drei Jahr sein würde. Aber diess hätte man ihr bisher nicht