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meinem harten Lager aufstund viele Freude. Ich überdachte dabei den Schritt, den ich durch Antretung dieses mühsamen Diensts gemacht hätte, und was man wohl von mir sagen würde, dass ich einen solchen Sonderling spielte? Aber ich sagte: Sollte mir wohl viel an dem Geschwätz der Menschen gelegen sein, die ich nun in dem halben Europa gesehen habe. Ist in der ganzen Masse ein solches Gemisch von Weisheit und Torheit: Warum soll es nicht in mir sein? Dürfen anderwärts die edelsten Jünglinge ihr Leben und Vermögen elend und niedrig verprassen, und ich sollte wegen des ungewöhnlichen Guten mich scheuen? Um sechs Uhr öfnete man meine Treppentüre; und ich bekam von dem Beamten eine Einladung zur Kirche, weil es eben Sonntag war. Nach der Predigt zeigte er mir die Liste meiner Arbeit und der Stunden, die er mir dazu vorschrieb, und die Frau wies mir das ganze Haus. Mein Stübchen, ein Kämmerchen und eine kleine Küche war der Witwensitz einer Anfrau des Herrn von Grünburg. Von der Küche war im Winkel, den die Schneckentreppe an der Mauer hin machte, eine Art von Keller angebracht, worin die ehrwürdige alte Frau ihren kleinsten Vorrat verwahrte. Das Nachdenken und Vergleichen der Schicksale und der Genügsamkeit der Ahmen mit Begebenheit und Erfordernissen der Jetztlebenden machte mir, von da an, meine wohnung doppelt wert. Ueberreste von uralten Hausgeräte, Bildnisse von Rittern mit ihren Frauen; die Männer in Rüstung und mit Hunden; die Frauen in alter Kleidung mit Blumen oder einem Handschuh in den Händen; die einfache bescheidene Stellung alles däuchte mir wahrer, und näher bei der natur, als wir. Der Mann mir den Zeichen des Muts, die Frau Blumen, Zierlichkeit, Schönheit und sanftes Wesen andeutend, die breiten schwarzen Rahmen dabei; dann die grosse Stammtafel in einem Schrank, der erste Stiften im Harnisch daliegend; ein Baum aus seinem Herzen entstanden, in so viele Zweige und Aeste verbreitet, Tugend, Ehre die aus seiner Seele quollen, allen zum Leben ausgeteilt, war mir ein schönes rührendes Bild der Hoffnung der Alten auf immer ähnliche Kinder. Die grossen Hirschgeweihe im Speise-Saal; die Treppe, welche aus diesem Zimmer gerad in den Keller ging, die Glasschränke, die über den Treppenhals angebracht waren; grosse knotige, und andre alte Gläser als Waldhörner, wilde Schweine und Vögel gestaltet; Weinkrüge mit langen dünnen Hälsen, all dieses freute mich ungemein. Zu dem hatte, nur eine halbe Stunde von da, ein anderer Edelmann ein schönes Schloss im neuen Geschmack erbaut und eingerichtet; und nur ein paar Flintenschüffe davon stand eins von Anfang dieses Jahrhunderts; so, dass ich in dem kleinen Bezirk einer Stunde Beweise des Geschmacks und der Sitten der edlen aus verschiedenen Menschen-Altern vor mir hatte.

Der Beamte war stolz, geitzig und harterzig; sonst, voll Verstand seiner Zeit und seines Amtes; in Geschäften und Rechnungen fleissig und genau, ordentlich und eigensinnig dabei. Die Frau eine sehr geschickte Hauswirtin, schmeichlerisch und voll Ziererei, aber reinlich in allem; sprach viel von der alten gnädigen Frau bei der sie Cammermagd gewesen; trug Sonn- und Feiertags die stoffenen Kleider, die sie von ihr geschenkt bekommen hatte. Sie zeigte mir in der Pruntstube ein Bett und Stühle von weissen Canevas mit zerstreuten Blumen in farbiger Englischer Wolle genäht. Die geschichte dieses Betts und dieser Stühle kam nach. Das alle bunte Blümgen aus lauter kleinen Fäsergen und Stümpgen Wolle gestickt wären, die sie vom Boden aufgehoben und gesammlet hatte, als die gnädige Frau mit ihren fräulein Lehnstühle nähre, und aus Ungedult oft die Fäden abrissen und wegwarfen. Die nahm sie alle beim Auskehren, zog sie gerad; legte Rot zu Rot, und Grün zu Grün, alles in eigene Papiere. Als die Lehnstühle fertig waren, machte sie sich den Spass ihre Bündelgen der gnädigen Frau zu weisen, die sich verwunderte, dass so viel zu grund gegangen wäre. Der gnädige Herr sagte auch, darum wäre des Wollekaufens kein Ende gewesen! dann wurde gefragt: was sie mit den armen Trümmergen machen wollte?

Ei! ein Wams von meinem selbst gesponnenen Canevas damit sticken! Wenn ich Else wär, (sagte der gnädige Herr mit lachen) so stickte ich mir ein Brautbett, denn du wirst ja Frau Amtmännin!

Da stieg ihr in den Kopf. Aus dem Spass wurde Ernst. Die gnädige Frau schenkte ihr die noch übrige Wolle und etwas Flachs. Baumwolle kaufte sie selbst und bekam so viel Canevas als sie brauchte; bleichte und stickte ihn, und da hatte sie im dritten Jahre hernach ihr Bett, ihre Stühle und ihren Mann. Das Holzwerk hatte man ihr auch geschenkt, weil die alten Ueberzüge von den Matten zerfressen waren. Gelacht hatte man oft; wenn sie so fleissig nähte, so hiess es: sie hätte gern bald einen Mann, aber sie tat noch mehr, denn sie vernähte die übrige Läpgen Canevas zu einem Taufzeug, und zwei Kinderhäubchen. Denn nach der Braut kann ja eine Wöchnerinn kommen, dachte sie; sagte aber Niemand Nichts, als bei ihrer Heirat. Hierin, sprach sie, bei Aufschliessung eines Schranks, (ein Häubgen und Decke weisend,) ist mein Friedmann getaufft worden, die Mädchenmütze konnte sie nie brauchen, weil sie kein Kind mehr bekam. Aber ihre Schwiegertochter würde froh sein, es zu finden. Ich ergötzte mich an der Frau, die mir in ihren weissen Zeugschränken ihren Fleiss, ihren Verstand und ihr Glück zeigte. Ich musste