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aus meinem Herzen, aber daurend und fest war und konnte nichts werden: weil vieles reisen mir eine Gewohnheit des Abwechselns gab und endlich gar den schmerzlichen Gedanken fühlen liess, dass ich nun nichts Neues, nichts Reizendes mehr finden würde; weil ich alles gesehen, verglichen, das nemliche so oft angetroffen und genossen hätte. Alles war in mir, wie abgenützt, nur noch der Keim eigener Schwärmerei war unversehrt geblieben. Rousseau war seit meiner Abreise von Frankreich gestorben. Ich machte eine Wallfahrt zu seinem grab. Starke, melancholische, unruhige und mir süsse Bewegungen stiegen beim Anblick und Auflehnen auf sein Denkmal in mir empor. Seine Schriften, der Park von Ermenorville wurden die Welt, Ruhpunkt, Paradies und Glückseligkeit für mich. Rohr beobachtete und bedaurte diese Stimmung meiner Seele. Sie nützen ihr Gefühl ab, sagte er. Wenn Sie dies, was Ihnen jetzt so viele Freude gibt, lang geniessen wollen, so entfernen Sie sich einige Zeit, und kommen zum neuem Genuss zurück. Ich liess mich wegführen. Aber es blieb eine Leere in mir und ein Widerwillen an Städten und Gesellschaften. Doch ging ich mit Rohr nach haus, und fand mein Vermögen und meine Bekannte in guten Umständen. Rohr verlangte auch in seine Heimat; ich begleitete ihn und befestigte sein Glück nach meinen Kräften, da ihm ein abgelebter Vater seine Stelle abtrat. Ich nahm meinen Rückweg allein; blieb in Dörfern, deren Lage mir gefiel, einige Tage liegen; lernte in dem einen Feldarbeit, und feuerte ein Paar junge bauern zu bessern Fleiss an; half eine Schule bauen; kaufte ödes Land von dem Gemeinplatz; machte es urbar, und legte es dem Pfarrer und Schulmeister zu.

Das Danken und achtung geben der Leute fiel mir beschwerlich; und ich ging bei Nacht und Nebel fort, kam Abends spät auf ein dem Herrn von Grünburg gehöriges Gut, war müd, und legte mich nach einer kurzen Mahlzeit schlafen. Ich hatte ungefähr eine Stunde geruht, da hörte ich eine Kalesche kommen und in der Kummer neben der meinen ein Bette bereiten, in welches endlich zwei Reisende kamen, aus deren Unterredung ich fand, dass der eine ein Sohn eines Beamten, der andre ein abgesetzter Schreiber sei, die sich sehr liebten und über den Geitz und die Härte des alten Beamten wehklagten, dessen Sohn mir ein gutartiger Mensch schien, da er unter andern jammerte, sein Vater nähme nun vielleicht einen schlechten unvernünftigen Purschen an des Schreibers Stelle, oder einen listigen und bösen, dem er sich nicht anvertrauen, nichts von ihm lernen und auch den Untertanen nichts gutes würde tun können. Bei dem Geschwätz der beiden Leute fiel mir ein, mich als Amtschreiber anzugeben und den Dienst eine Zeitlang zu versehen, möge er auch Beschwerden haben, wie er wolle. Es dünkte mich herrlich, eine solche Verläugnung meines Wohlstands auszuüben, und den jungen Beamten in seiner Begierde des Wissens und Wohltuns zu stärken. Ich stellte es auch den andern Tag mir dem Wirt an, dass er mich vorschlagen möchte. Ich gefiel dem jungen Mann; und ging gleich eine geringe Besoldung ein, worauf er mich mit sich nach Grünburg nahm, um mich seinem Vater vorzustellen. Ich erzählte ihm unterwegs, eine geschichte von mir, die ich auch dem Vater wiederholte der mich unter dicken, finstern Augbraunen heraus stark betrachtete. Es war ihm lieb, dass ich keinen Wein tränke, und er versprach mir alle Quartal einen Gulden mehr, also des Jahrs vier Gulden Zulage zu geben; und ich sollte Abends ein Stück gedörrte Wurst und etwas Butter haben; weil sein Dienst ihm selbst nicht viel trüge könne er auch nicht viel geben. Das Hans hiess die Neue Burg, weil es nach Zerstörung der Alten auf eine Anhöhe gebaut wurde. Man gab mir ein Stüdchen im dritten Stocke, denn der Beamte schlief bei dem Geldgewölbe ganz unten, um bei Feuersgefahr sich und seine Kiste gleich retten zu können, und sein Sohn musste im Vorzimmer liegen, um bei Angriff von Dieben bei der Hand zu sein. Meine Treppentüre wurde verriegelt und versperrt, damit ich als ein unbekannter Mensch, nichts in dem haus anfangen könnte. Zu allem Glücke hatte man mir ein klein Krügelchen Lampenöhl auf vier Tage mitgegeben, so, dass ich mein Licht konnte brennen lassen. Eine lange bis auf den Kornspeicher laufende Wendeltreppe führte in mein Stübchen, wovon die Wände und Decke getäfelt, aber vor Alter und Schmuz so schwarz waren, dass es des Nachts bei dem schmalen niedrigen Bett ohne Vorhänge, ein Leichen Kämmerchen zu sein schien. Die Decke war voller Spalten zwischen denen von Speicher herab, Haberkörner fielen, die ich sammlete und auf dem halb vermoderten Blumenbret vor meinem Fenster für die Vögel hinstreute, die ich auch, bei nachgekauftem Futter so anzog, dass sie mit im Winter durch eine ausgehobene Scheibe in meinem Zimmer aus und einflogen. Meine Aussicht war herrlich. Auf einer Seite über den Garten des Beamten hinaus, eine weite Strecke Fruchtland, und schöne Wiesen an einem Bache hin, den ich eine halbe Stunde von da die waldigte Anhöhe herunter stürzen sah. Gerade aus, ein einzelner grosser Bauernhof, der an dem fuss des Hügels liegt, auf dem die Trümmer der ehmaligen Burg stehen, deren mit Eichen bewachsene Ueberbleibsel der ganzen Gegend eine malerische Schönheit geben. Der von der Seite hinab geführete, auch zerfallene Treppengang gegen die Pfarrkirche, von welcher ich die Chorfenster über den Kirchhof hin sehen konnte das alles machte mir des Morgens da ich von