dem Brand meine zwei Enkel, Michel und Hanns Kofel, sammt 200 Taler Herrengeld hierher aus der Münle getragen und bin nach dem guten Werk, aus Angst für meinen braven Sohn, der zu viel wagte, auf diesem Steine selig verschieden."
O Liebe! wie weinte ich bei diesem einfachen Denkmal der Vaterliebe und des treuen Untertanen, der Enkel und Herrengeld mit gleicher Sorgfalt rettete! Man fand ihn zwischen den zwei Knaben hingesunken, die ihn immer wecken wollten. Der Geldsack war unter ihn gefallen, und die armen Buben von sechs und fünf Jahren sassen im Hemde auf den beiden Ecken seiner Jacke, die er für sie ausgebreitet hatte.
Mein Oheim drückte mir die Hand:
Nicht wahr, Salie! der Hausvater-Tod ist auch ein schöner Tod? Der gute Alte! In der Angst seines Herzens arbeiteten die Triebfedern, die in seinem ganzen redlichen Bürgerleben ihn geleitet hatten. Nun Liebe! adieu.
Hundert und erster Brief
Rosalia an Mariane S**.
Ich dachte schon einigemal, meine Liebe, dass die immerwährenden Erzählungen von dem, was um mich in unserm Seedorf geschieht und mein häusliches Leben angeht, Sie wohl ermüden könnte, und freue mich in der Tat Sie mit einem neuen und wahren charakter bekannt zu machen, der nächstens bei uns erscheinen wird. Ein Universitätsfreund meines Clebergs und Ottens, von dem sie lange nichts gehört hatten, schrieb vorgestern an den letzteren eine Art geschichte von sich, die auf einer Seite den eigensten willkührlichsten, aber auch einen von den schätzbarsten Menschen bezeichnet. Sie sollen nicht alles lesen, weil viele jugendliche Züge darin sind, die wenig Reize für sie haben könnten, obschon nichts Unordentliches und Unanständiges darin ist, und ihm auch seine Freunde das Zeugnis der besten Sitten geben. Herr Latten ist der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns und wurde nach dem tod seines Vaters unter der Vormundschaft seiner Mutter Bruder erzogen; welcher als Gelehrter den Geschmack des jungen Menschen auf Wissenschaften lenkte, ihn seine Handlung für ein Stück Geld an einen andern verkaufen liess, und seine Erziehung bis auf die Universitäts-Jahre besorgte. Historie, Geographie, Moral und Poesie waren die von ihm ausgewählten Lieblingsteile der Kenntnisse, die ihm gegeben wurden, doch beward er sich auch fleissig um Geometrie und landwirtschaftliche Einsichten. Er kam auf die hohe Schule und benutzte jede gelegenheit, seinen Geist anzubauen. Seine beste Belustigung bestund im Lesen der Dichter und Romane. Seine ihn anbetende Mutter starb schnell, sein Oheim auch, eh er auf Reisen ging, und er wurde mit dem ein und zwanzigsten Jahre sein eigener Herr und dabei eines sehr grossen Vermögens. Der erste Gedanke über seine vollkommene Freiheit war, mit seinem Gelde so zu wirtschaften, dass er memals kein Amt nötig hätte; viel zu reisen und immer mit Anstand erscheinen zu können, ohne durch unbesonnenen Aufwand ein darbendes Alter vor sich zu sehen. So beschloss er niemals zu spielen; nahm einen armen aber mit vielen Fähigkeiten begabten Purschen mit sich nach Haus, wo der unterscheidende Zug des Entusiastischen, so in ihm wohnte, sich bei Anordnung des Denkmals zeigte, welches er seinem Vater, seiner Mutter und seinem Oheim errichten liess; wo er nach den Ausdrücken von Liebe und Dankbarkeit am Ende den Stein zu einem Zeugen gegen sich aufrief, wenn er je durch sein Leben etwas tun sollte, das der Tugend und Güte seiner Verwandten unwürdig wäre. Er ging mit seinem Freund auf Reisen, die er bald zu Fuss, bald zu Pferde oder in einer Postkalesche machte. Zuerst besuchte er alle Orte unsers Teutschlands, die der Aufentalt berühmter Männer waren; vorzüglich aber eilte er zu denen, deren Geist er bewunderte, und deren Charakter und Handlungen am schiefesten beurteilt wurden, und bald, sagte er, zerbrach ich jedes Modell, jeden Maasstab von Verdienst, die mir von andern gegeben worden, oder den ich selbst geschnitzelt hatte. Die Stücke davon liegen an der Schwelle von Wohnungen der grossen Gelehrten. Ich fing an den gang der moralischen Welt nach dem Beispiel derer zu betrachten, die den gang der Erdkugel berechneten, und ihn nur nach den Tagen nicht nach den Nächten zählten. Ich suchte nur die helle Seite meiner Nebenmenschen auf, und strebte mich das Wahre und Schöne zu finden. Es gibt überall Leute genug, die den Fehler nachspähen, sie aufdekken und bekannt machen. Ich habe kein Land, und kein Genie, hätte also weder den Plan einer Regierung, noch den zu einem Buch zu nehmen, als die Wahrheit, dass man von ferne das beste durch einen Rebel sieht, und im Uebel beurteilt. Nachahmen konnte ich am leichtesten den willkührlichen Ton des Lebens und Gebrauch der Kräfte des Geistes, der Umstände und Gewalt. Nach diesem wollte ich aus dem grossen Magazin von Erdeglückseeligkeit auch für mich das nehmen, was meinem Gemütscharakter am tauglichsten schien. Was für seelige Tage verlebte ich mit verdienstvollen Personen in der Schweiz. Wie gestärkt und erhaben fühlten wir uns, mein Rohr und ich, bei Durchreisung der Gedürge und Seen dieses wundervollen Landes. Wir hatten der deutschen Joseph und Friederich ihre Gelehrte und Weise gesehen; und durchwanderten im Lauf von vier Jahren Italien, Spanien, Portugall, Frankreich und England, und gingen von dort durch Holland und Frankreich zurück. Ich hatte mich diese Jahre über an Nichts, als Wissen, Sehen und meinen Rohr geheftet. Mein Kopf wurde angefüllt; meine Seele oft bewegt und erschüttert, eigene, und anteilnehmende Freude, Mitleiden und Menschenliebe, strömten oft, in und