noch Vormittags zu schreiben; und ich glaube, Sie an meiner Hand auf die erhabenste Gegend der moralischen Welt geführt zu haben.
Rosalia.
Neunzehnter Brief
Meine Mariane! wir sind zurückgekommen, und ich war jetzt zwei Tage bei Henrietten. – Ach, sie stirbt! Diese edle, schöne Seele wird uns entzogen. Sie hatte Recht! Freudige Bewegungen sind ihr nun eben so schädlich, als traurige – Sie hat mir ihr ganzes Herz geöfnet. – Eine doppelte Wunde ist ihr Tod. – Herr M**, lebhaft in Geist und Willen, fing mit den Beweisen seiner leidenschaft an; gefiel, wurde geliebt, und dass so innig, dass niemand anders so viele Aufmerksamkeit erhielt, als nötig gewesen wäre, die wahre Liebe des Herzens von den Aufwallungen eines vorübergehenden Geschmacks zu unterscheiden. M** war schön, voll Verstand und artigen Wesens. Witz und Feuer war in seinen Ausdrücken der Liebe. Ihre ganze Seele heftete sich an ihn. Damals stunde sie noch unter der Gewalt eines Oheims, der die Heirat nicht zugeben wollte, bis Herr v. M** einen anständigen Rang hätte. Ihre Zärtlichkeit war stark genug, jeder Zögerung, jedes Hinderniss ungeachtet, ganz für ihn zu leben; – aber seine Liebe war nicht sein genug, um ihre edlen Gesinnungen zu schätzen, und er fing an, ihr zu begegnen, wie mir Herr M** K** gesagt hatte, als Herr v. T**, Vetter des v. M** ankam, und die Hochachtung aller Rechtschaffenen erwarb. Er sah das fräulein von Effen und liebte sie schweigend. Er verehrte die Wahl ihres Herzens. Keine Klage, keinen Versuch, sich einzudringen, wagte er. Aber, er war in allen Gesellschaften, wo Henriette von Effen hinkam, und besonders im Concert, das ihr Oheim alle Woche zweimal gab, weil er sie da singen hörte. Er bemerkte zuerst die Fühllosigkeit des v. M**. Da Henriette aus eigener Zärtlichkeit die Arien, die sie am schönsten sang, nicht mehr in Gesellschaft, sondern allein für M** bei der Laute singen wollte, die sie vortrefflich spielte, und auch dieses Talent nur den Stunden widmete die sie den Besuchen des Herrn v. M** schenkte. Ihr niedlichster Putz, der schönste Ausdruck ihrer Physiognomie, ihre einnehmende Blicke, alles war allein dem Herrn v. M** geheiligt. Sie wollte für niemand reizend sein, als für ihn. Anfangs gefiel ihm dieses; aber bald nicht mehr. Seine Eitelkeit verlohr dabei. Er sprach mit seinem Vetter davon und führte ihn einst in diesen Stunden mit sich zu ihr. Niemals hatte sie von T** im rosenfarbenen Anzug gesehen, in welchem sie ganz bezaubernd aussah, und auch für M** ihr Portrait in dieser Kleidung machte, als sie von den zwei Freunden überfallen wurde, und M** seine Gewalt über ihren Geist auch darin bewies, dass sie die Laute spielen und singen musste, während sein Vetter da war. Ein ernster blick und erhöhete Röte ihrer Gesichtsfarbe war die Antwort auf sein anhaltendes Bitten. Dennoch spielte sie und sang, so gut, so voll Empfindung, dass der arme von T** Mühe hatte, seine leidenschaft zu verbergen. Er sass etwas entfernt, an einen Tisch gelehnt Von M** kniete vor dem fräulein von Effen, die mit ihrem Auge jeden zärtlichen Gedanken des Poeten ihrem geliebten M** zusang. Er war lauter Entzückung; aber gewiss nicht allein über ihre Reize und Liebe, sondern weil v. T** Zeuge von seiner Gewalt über ihr Herz war. Am Ende der Arie sagte M** zu ihr: "Wie unaussprechlich glücklich macht mich Ihre Güte! War das Amo te Solo ganz für mich?" – "Gewiss, mein M**, um so mehr als mein Oheim heute früh die Einwilligung zu unserer Vermählung gab." – Von M** ergoss sich in freudigen Ausrufungen, und von T** war wie vom Donner gerührt; kaum mächtig genug, von seinem stuhl zu dem fräulein zu gehen; zitternd ergriff er ihre Hand, küsste sie: "Angebetete Hand! Du bist mir entzogen!" – Mit einer heftigen Wendung umarmte er den von M**: "O, mein Vetter! verdiene Dem Glück!" – Hiemit eilte er aus dem Zimmer und haus, ging in das seinige, und war in zwo Stunden aus S** – Henriette war betroffen und gerührt. "Lieber M**, was ist das? Warum haben Sie den guten von T** mitgebracht? Warum liessen Sie mich vor ihm reden und singen?" – "Verzeihen Sie, mein Engel! Aber, ich wollte Ihren und seinen Eigensinn ein wenig umführen. Er wollte niemals verliebt werden, und Sie für niemand mehr liebreizend sein! Nun ist seine Kälte überwunden, und Sie haben einen Anbeter mehr!" – Hier wande sie sich aus seinen sie umfassenden Armen los, und sagte ihm: "O, M**! wenn ich dieses nicht als Mutwillen ihres zu muntern Kopfs ansähe, wie elend machte mich dieser Mangel an feiner Liebe und Freundschaft!" – Er suchte sie zu beruhigen. Sie arbeitete auch selbst gegen ihre zu weit getriebene Foderungen der Zärtlichkeit. Er bemerkte ihr Nachgeben, und suchte sie in ein Gewebe von Buhlerei zu ziehen, da sie Männer, und et Frauenzimmer fesseln, und sie dann einander opfern sollten. Er wollte dadurch ihrem Bündniss mehr Reize geben, und das unausbleibliche Ermüdende verhindern, welches aus dem immer gleichen gang ihrer Liebe entstehen würde.
Henriette hatte anders gerechnet. Sie gestund ihm zu, dass, wenn die