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der Mann bei seiner Verheiratung denkt, er vertraue seinem Mädchen ein Amt; und er vermutet, wie der Herr, der ihm eins gab, dass das Mädchen alles wisse, was zu guter Verwaltung des Amts gehört, wozu er sie beruft. Diese Erwartung wird endlich Anspruch; und wenn man denkt, dass man in seiner hoffnung betrogen worden; dass man weder das versprochene Angenehme, noch das Nötige, Nützliche gar nicht, oder doch nicht zu rechter Zeit erhält; so kommen Befehle, Verweise, Verdruss u.s.w.

Sie können sich nicht genug vorstellen, meine unschätzbare Freundin, wie aufmerksam die lieben Mädchen waren; wie sie wechselsweise bald mich, bald Cleberg ansahen, der am Ende ganz munter gegen alle eine Verbeugung machte, und sie bat, diess, was er da gesagt, als Vorrede zu den Lesetagen anzusehen, die wir doch nur zu dem Ende mit einander halten würden, damit ein halbdutzend rechtschaffener junger Männer, durch sie die liebenswürdigsten Weiber bekämen. Er hätte ihnen nun fügte er hinzu, schon einen teil der Geheimnisse der besten Jünglinge verraten, das Uebrige wolle er in den Lesestunden austeilen, wenn sie Gefallen daran fänden.

Freilich gefiel es ihnen und machte auch mehr Eindruck, als wenn es von dem schönsten oder weisesten weib wäre vorgetragen worden. Sie wissen, Cleberg ist ein sehr hübscher Mann und seine Manieren sind höchst einnehmend. Zudem, glaube ich, dass die achtung und Zärtlichkeit, welche er mir bei allen Gelegenheiten beweiset, zur Unterstützung seiner Lehren dienen.

Bald will ich Ihnen von unsern Lesetagen Nachricht geben. Aber erst, wenn einige davon vorbei sind, und ich Etwas von den Wirkungen werde sagen können.

Mir ist leid, dass ich noch immer in der Stadt bin, da doch Ort und Julie schon zwei Monate in Seedorf wohnen. Anfangs künftiger Woche ziehen wir auch hin, weil bis jetzt unser Haus noch nicht trocken genug war. Doch muss Cleberg wieder Etwas vorhaben, denn ich durfte seit zwanzig Wochen nicht hin, sondern nur von Kahnberg aus bis nach Ottens Landhans fahren, und musste ihn versprechen, auch Niemand zu fragen, was man da machte? Mein Oheim ist mit einverstanden, und da muss es was Gutes sein; denn dieser liebt die angenehmen Ueberraschungen gar sehr. Frau Grafe sagte letzt: Cleberg wäre so artig als ein Hausdespote immer nur sein könne!

Hunderter Brief

Rosalia an Mariane S**.

Nun wohne ich seit einigen Tagen auf dem land und bin froh, dass ich immer dieses Leben liebte, immer die Beschreibungen davon gerne las; auf meinen Reisen mich über den Landmann und seine arbeiten freute; gerne meinen Schlaf abbrach, um, wie mein Oheim sagte, mit ihm der Sonne entgegen zu gehen. Hier kann ich aus meinem Bette sie willkommen heissen, denn unser Schlafzimmer ist gegen Morgen, und ich darf nur einen Laden aufziehen und in meinem Bette mich aufrichten, so sehe ich über meinem Garten hin, am Ende des Wäldgen die entfernte Anhöhe, hinter welchen die Purpurwolken sich färben und dann der schimmernden Aurora Platz machen. Die Morgenluft strömt in mein Zimmer, ich höre das Plätschern des kleinen Springbrunnen in meinen Garten bald auf der steinernen Einfassung, wohin der Wind den dünnen Wasserstrahl treibt, bald im Becken selbst, und dann das frohe Gezwitscher der Vögel, das kleine Flattern der Flügel von denen, die nah an meinem Fenster vorbei streichen, das Gacksern unserer Hühner und das Krähen der Dorfhähne; sehe dazu das schöne Grün und die blinkenden Tautropfen. O! wie gern danke ich dann mit der ganzen natur unserm Schöpfer und bete ihn an! Ich weiss nicht, meine Beste, ob Sie das kleine Gedicht das Gräschen kennen: daher will ich es hier einschalten, weil es wirklich erst auf dem land seinen ganzen Wert erhält, und ich es unendlich liebe:

Das Gräschen.

Gräschen, beperlt vom Tau,

Das jüngst Mutter Erde noch

Dem verderbenden Nord

Sanft im Schoosse verschloss,

Dich sang kein Lieder-Sohn.

Du! sei du mein Gesang

Kleiner, erster Bote des Frühlings.

Ist dein stilles Dasein dann

Dichtern so unmerkbar?

Doch vergisst dich der tages-Strahl nicht!

Wandelt in Silber-Glanz

Deine Morgen-Träne!

Dir, wie dem Sternen-Heer

Wachet der Vorsicht auge,

Und, wie das Sternen-Heer,

Neunt des Allwaltenden

Namen dein stiller Pracht!

Freudig entsprangst du der Erd;

Rufest Enkel auf Enkel empor;

Deckest mit Nachkommen

Deiner Gebährerinn

Haupt, indes ungebohrner Eichen

Langsam mächtigen Drang

Unter deinen Fuss ihr

Busen bezähmet.

Gräschen! Schmuck des Hügels!

Kleid der Erde!

Augenweide!

Mehr als kühn strahlend Gold

Ist deine Farbe!

O du, des Menschen

Lust und Lager zur goldenen Zeit!

Welcher Hügel, welch

Wildes Gestade kennt

Dein Geschlecht nicht!

Deiner Brüder, wie viel!

Wanken im sanften Arm

Jedes Zephirs von Abendstern,

Bis zu der Morgen Sonne,

Die den vergötterten

Länder Beherrscher nicht

Unter goldenen Gewölben kennt;

Aber dich jeden Tag,

Wenn im Schimmer zerreissend das

Wolkenbett ihren Rosenfuss

Blendend entüllt,

Dich, ihr Gräschen, freudig küsst.

Unbezwingbar dem Sturm,

Der die Wälder zerriss,

Stehst du triumphirend,

Wie eine Lanze des Siegers,

Stehst du da, glänzend vom Ufer

In den irrenden Bach!

Doppelschneidig scheinst du zu drohen,

Doch beugt dein Wipfel sich

Sanft der Weste Hauch,

Sanft den liebes Götterchen

Zarter Insekten Heere.

Nicht den luftigen Erlen gleich

Scherzt mit der Wolkensonne

Deine Spitze, doch