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weise Mariane St –, dass um die physischen Weltzirkel, unter welchen die Menschen einerlei Grad physisches Gute genössen, und du nur einen moralischen Kreis umher gezogen sähest; den, von Treue und Glauben der Handelsleute. Du bemerktest die Schönheitslinie, die Winkelmann anzeigte. Glaube, meine Liebe, die Tugendlinien sind auch da, mit allen Graden des mehr und weniger Vollkommenen, zu allen zeiten und Orten; man gibt nur nicht genau Acht darauf. Ich habe in Frankreich Frauenzimmer gefunden, die, wie du, die neuen Moden mit vieler Mässigkeit nachmachten; die, wie du, eine sittsame Munterkeit hatten.

Cleberg, sagte ich, es ist Seeligkeit für mich, so von dir geschätzt zu sein. Sag aber, was ist dir das Liebste in meinem Charakter? Dass du ein teutsches Weib bist, und neben den glänzenden Eigenschaften, die eine Französin, Engländerin und Italienerin zieren würden, auch Hauswirtin bist, und weisst woraus unsere tuchnen Männerröcke, euer Tafentrock und Weisszeug bestehen; dass man die Baumwolle nicht macht, den Wein nicht brauet, und das Papier nicht webt; dass du deine Köchin die Suppe und das Backwerk, den Braten und das Beiessen zubereiten lehren kannst; dass dein häussliches Leben dir lieber ist, als alles andre; dass du mir so gern gefällst; so sorgfältig bist, dass ich dich niemals unordentlich, unreinlich, ungefällig sehe; dass du nähen, stricken und flicken kannst. Ja, flicken! denn, sieh Liebe! es freue mich als ich mit unserm Oheim von Wartausen zwei Tage früher zurückkam, dich mitten unter dem Vorrat des alten Leinen fand, dass ich hieher brachte, und die vielen so nett gelegten Bündel mit ihren verschiedenen Aufschriften sah: Nro. 1. Abgehendes weiches Leinen für arme Kranke, oder Verwundete. –

Nro. 2. Bettücher zum Wenden.

Nro. 3. Bettzeug für nicht oft kommende Fremde; weil es fein, aber nicht mehr so dauerhaft ist, vieles Brauchen und Waschen zu leiden.

Nro. 4. Tischzeug alle Jahre zweimahl zu verwenden, bis das andre stärkere gewaschen ist, und ein wenig geruht hat. –

Nro. 5. Verschiedenes Weisszeug zum Hausgebrauch, wo dichtes und grobes unnütz wäre. – – –

Ich sagte Dir da nichts, weil wir von unserer Reise zu erzählen hatten. – Aber, da ich Dich mit so viel Aemsigkeit und so netten feinen Stichen ausbessern sah, da hohlte ich unsern Oheim, es mit anzusehen, und ich küsste die teutsche Weiberhand, die wechselsweise weisses Zeug nähen, Landschaften und Bilder zeichnen, sticken, kochen, Hauben und Garnirung machen, Clavierspielen, Hausrechnung führen, Wäsche plätten und Briefe schreiben kann. Diess, meine teure Salie! ist ein wahrer Zauberkreis von so vielen reizenden Tugenden, indem ich mit süssem Bewusstsein einer daurenden Glückseligkeit um dich herum gehe. Alles dies ist auch Ursache, warum ich die Lesetage in diesem Zimmer halten will; um ganz nahe bei den Beweisen deines häuslichen Verdienstes zu sein, die ich unsern jungen Freundinnen, neben meinen Büchern bekannt machen will.

Was kann ich zu alle dem sagen? es ist süss, von seinem Ehemann gelobt zu werden. Aber wie wohl hat mich der Genius meines Schicksals geleitet, von selbst alles zu tun, was der Mann fodert! Denn, hören Sie, meine Liebe, was Cleberg sagt: er würde mir, wenn ich es erst nach seinem Wünschen gelernt hätte, nicht so viel Dank wissen, als für die freiwillige Verwendung meiner jugendlichen Jahre und Talente! Er sagt, wir Weiber hätten durch Heirat ein Amt angetreten, wie er, und andre Männer Amtsbeschäftigungen erhielten, die ihnen ein Fürst oder eine Obrigkeit anvertraue; weil man denke, dass sie in niedern oder hohen schulen durch ihren Fleiss die nötige Kenntnisse gesammlet hätten. Für diesen Fleiss erhielten Sie achtung, die sich dann natürlicher Weise vermehre, wenn man sie das freiwillig Gelernte in Ausübung bringen sähe: so, wie man sie auch um so mehr schätze, wenn sie in ihren Amtsgeschäften ohne besondre Vorschrift alles Mögliche, Gute und Nützliche auf eigenem Antrieb täten. Hingegen, auf Ausrichtung gegebener Befehle und Ermahnungen folge nichts, als ein Merkmal von Zufriedenheit, mit dem eine jede Sklaventugend belohnt würde. Der Himmel solle aber ihn und mich vor dem Augenblick bewahren, in welchem er mir seine Wünsche nach einem Vergnügen oder irgend einer Sache, unter der Gestalt eines oberherrischen Willens oder gar Befehls, anzeigen würde. Nein, meine Salie! Du bist meine Freundin; du wirst mir gern Gutes tun, wie es die wahre gütige Freundschaft immer tat. Rechne auch darauf, edles, liebes Weib! sagte er, da er mich umfasste und an sich schloss; rechne darauf, alles, was dein Freund Cleberg für dich, für die Wünsche deines Herzens tun kann, wird er tun.

Ich hatte hier eine Träne in den Augen und sah etwas bedenklich, auch, wie er sagte, traurig aus. Er fragte sehr freundlich nach der Ursache. Ach Lieber! das Gefühl meines Glücks mit dir, und der Gedanke des Wehes und Elendes so vieler liebenswürdigen Weiber ist vor mir und schmerzt mich. Meine gute menschenfreundliche Salie! das bist du wieder ganz. Es gibt schlecht denkende Männer, die unrechtmässig mit ihren Gehülfinnen handeln; aber, glaube mein Engel, viele sind selbst Schuld; denn, ich muss auf mein Gleichniss zurück kommen, es ist in Teutschland nun einmal noch Sitte, dass