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Wolling:

Trost im Leiden

Alle drei:

Fliessen auf van Gudens Hand.

Sie mögen denken, wie äusserst gerührt ich da stand. Ein süsser Schmerz durchdrang meine Seele. Ich musste weinen. Küsste meine beide hände, und reichte mit meinen Armen nach Frau Wolling, die mit den andern noch im Reihen herumtanzte. Nun kam sie, fasste meine Hand, küsste sie; alle andre tanzten fort, schlossen sich aber nach und nach um mich, und die, welche einen Arm, ein Stück Kleid von mir erreichen konnten, küssten und drückten sie. Die Schalmei und wir alle, schwiegen eine Zeitlang; denn, wer kann da reden! Ich umarmte endlich Frau Wolling, und sagte ihr:

"O was machen Sie!"

Er blickte mich an und dann gegen Himmel, konnte nicht reden, alle Augen waren auf uns geheftet. – Dank! sagte ich endlich, tausend Dank! kommt Ihr Lieben alle, wir wollen zum Frühstück tanzen. Die guten Baurenkinder kamen auch in die Reihen, und dann gingen die Kinder zum Essen, setzten sich hier und da; gingen mit einander; beguckten die neuen Ankömmlinge. Der Pfarrer, der Beamte, und unsere Dienstleute, die hinter den Fichtenwänden gestanden und zugesehen hatten, kamen nun auch; und wir assen alle zusammen eine Art Mittagsbrod und waren sehr glücklich und vergnügt! Ich bemerkte an Gustav ein wahres offenes Herz; an Henrietten viel Feinheit, und sprach ihnen zu, mit den guten Kindern freundlich zu sein, die sich so viele Mühe um sie gegeben hätten. Da taten sie nun auch recht artig. Gustav und Henriette wussten einen Tanz für vier Kinder und wollten ihn die andern lehren, wenn ich es zufrieden wäre. Ich willigte gern darein, und sprach mit den grossen Leuten fort, damit die Pinvorfischen Kinder nicht denken möchten, dass ich sie beobachtete. Gustav lehrte seine drei Tänzer recht gedultig; Henriette aber, hatte immer vielmehr zu tadeln und zu bessern, wurde aber eher ungedultig als er und wies die kleineren Kinder lebhaft auf die Seite. Zu diesen ging ich dann, und lehrte sie nachtanzen, indem ich mit ihnen nachzuahmen suchte. Henriette blieb, als sie es sah, mitten im Tanzen stehen und blickte aufmerksam mich an. Ich lächelte ihr aber zu und rief: sie sollte fortfahren, denn sonst könnten wir nichts lernen. Da sprang sie freudig zu mir, küsste mich und sagte: O, ich dachte, Sie wären böse! Warum, meine Liebe? über kleine Kinder werden gute Menschen niemals böse. Geh, meine Tochter, und tanze ruhig fort. – Sie bemerkte dies ganz, und war denn mit den kleinen recht gedultig und sanft. Dies war mir ein Merkzeichen ihres Charakters. Carl hat ein Schaaf erzogen, das ihm überall nachläuft. Es gefiel Gustaven. Carl wollte es ihm schenken, aber Gustav nahm's nicht, sondern bedingte sich nur, dass es auch ihm manchmal folgen und aus seinen Händen essen sollte. Alles das tat meiner Seele wohl. – Und nun ist meine Liebe für Pindorf zur wahren Freundschaft geworden. Das Glück seiner Kinder ist alles, was ich wünsche, und ihre Erziehung mir ein süsses Geschäft!

Neun und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Sie klagen in Ihrem gestrigen Briefe über trübe und leere Stunden: dieser Gedanke schmerzt mich von Ihnen mehr, als von tausend andern, weil er mir entweder eine grosse Zerrüttung Ihrer Gesundheit oder einen ausserordentlichen Zufall in Ihrer Familie anzeigt; denn Ihr Reichtum und Geschmack an Kenntnissen, und der richtige Wert, den sie auf alles Zufällige, Leichte oder Wandelbare legen, lässt mich keine geringe Ursache vermuten. Ziehen Sie mich, ich bitte Sie, aus dieser Besorgnis und sehen Sie in diesem Paquet nach, ob Sie, wie Sie von mir verlangen, etwas fremdes Zerstreuendes darin finden können. Es sind lauter Papiere von Wollinghof, worinn die Auflösung des Zauber-Knotens erzählt ist, mit welchem die Liebe meine sonderbare van Guden neun Jahre lang gefesselt hielt. Ich wünsche sehr, dass Sie mir Ihre Gedanken darüber sagen möchten, wie Cleberg es tat, der aber dabei anfangs ganz unbarmherzig urteilte; das van Guden eine ununterbrochene Anbetung gefodert habe, und deswegen so trotzig aus der Opera in Stfortgereiset sei; dass sie in blühenden Jahren einen gleichen Stolz auf Talente und Gestalt gehabt, wie sie jetzt auf Geist, Geld und Liebe hätte. Es schmerzte mich, dass er alles dies so ernstlich behauptete und ich gab mir alle Mühe, sie zu verteidigen. Madame Grafe war dabei; freute sich, von ihrer Rivalin bei mir so reden zu hören; denn sie sagte, das Weib hätte ihr die Hälfte meiner Freundschaft geraubt. Da musste ich aufs neue kämpfen; als es aber eine Weile gedauert und Cleberg eifrig dazu geholfen hatte, so fing sie an: Ei Rosalie! sehen Sie mit alle ihrem geist nicht, dass ich nur den ganzen Männerneid kennen wollte, den van Gudens Charakter erregt, und den ich im Tadel am allerdeutlichsten finde. Mein Cleberg hatte aber beinah Madame Grafe dadurch böse gemacht, dass er mir sagte: Salie, wenn Du mich eines Neids beschuldigtest, so würde ich dirs nimmer vergeben, weil mir eine so unedle Vermutung auch im Scherz unerträglich wäre, und weil ich mit all meinem Tadel nichts wollte, als die schönste Seite eines weiblichen Herzen ans Licht ziehen, die nicht allein darin besteht, dass man viele Jahre