dass sie das Hemde selbst losmachen dürfe. Ich liess es gern geschehen; sie schrie und fiel mir weinend um den Hals. Tröste dich, mein Engel, du sollst die hässliche Schnürbrust niemals mehr anziehen! Wie sie mich da küsste und liebkosste, das gute Kind; und dann in ihrem Schlafzeug, das ganz artig war, mit Gustav in seinem Ueberrock recht herzlich zu Nacht mit mir assen, und auch so wohl schliefen. Gustav hat ein Zimmer dessen Fenster auf den Weg gehen. Der Gärtner blieb neben ihm, aber den zweiten Tag nahm ich den vortreflichen jungen Mooss zu ihm, der als Freund mit ihm leben, als Freund, alles was er weiss, mit ihm teilen soll: sobald Gustav zu Etwas. womit sich Wilhelm Mooss beschäftigt, Lust bezeugt. Als die Kinder schliefen, durchsuchte ich mit meiner werten Meta ihren Koffer und Kleidungsstücke, um Etwas zu finden, dass Henriette des andern Tages anziehen könnte, ohne das Schnürleib zu brauchen, und doch geputzt zu sein, wie es dem stand ihres Vaters zukommt; denn sie sollen die Erziehung haben die ihnen gebührt. Aber auch sehr genau Ordnung, Wert und Pflichten eines jeden Standes, nebst deren Ansprüchen kennen lernen. Die Vorteile im Glück, Ehre, und Wissen ihrer klasse sollen sie nicht mit Stolz, sondern mit edelmütigen Gesinnungen gegen ihre Nebenmenschen, und dankbarer Verehrung gegen die Vorsicht erfüllen. Meta und ich arbeiteten noch lange in der Nacht, dis ein weisses musselines Leibkleidgen fertig war, dass Henriette den Morgen über ein anderes dünnes Leibkleidgen anzog, aus dem wir die Aermel schnitten und ihr nur eine breite blauseidene Binde um den Leib gaben, die mit einer grossen Schleife auf der Seite festgemacht wurde, und nicht die geringste Bewegung ihres Körpers verhinderte. Die Aermel waren auch wie der kleine Strohhut mit blauen Bändern gebunden. Die Blumen sucht sie aber seit dem Tage des Willkommfests, wo sie Kranz und Strauss geschenkt bekam, meistens selbst und lernt sie zusammen binden. Sie besorgt auch schon Blumentöpfe; so wie Gustav, Oberaufseher, über das Stück Wald sein will, wo der Anflug junger Eichen und Buchen ist. – An diesem teil unsers berges hatte Wolling das Kinderfest veranstaltet, so Abends gegeben werden sollte, nun aber zum Frühstück wurde. Ich hatte wenig geschlafen, stunde früh auf, zog mich an, und setzte mich in mein Kabinet, um Bemerkungen über mich aufzuschreiben; gab aber dabei auf Henriettens Erwachen achtung. Sie wissen, die obere Füllung der tür meines Kabinets ist von Flor, wodurch ich mein grosses Zimmer meistens übersehe. Das Kleidgen, die Binde und der Hut lagen auf einen kleinen Tischgen neben Henriettens Bette hübsch geordnet. Auf dem kleinen Stuhl ihre übrigen Kleidungsstücke nett gelegt. Nachdem sie erwacht war, und einige Augenblicke sich hin und her bewegt hatte, richtete sie sich auf und guckte nach meinem Bette, streckte den Kopf vorwärts, um zu horchen; kniete dann und betrachtete die Kleidung auf dem Tisch; berührte die Binde mit Staunen, lächelte auf den Hut, horchte wieder, nahm ihn dann und versuchte, ob er ihr passte; legte ihn wieder auf seinen Platz; wollte dann ihre Strümpfe anziehen, war aber ziemlich ungeschickt dabei, wie auch in Zubinden ihres Rocks. Dies merkte ich mir, zu einem Anlass von Beweise des Werts der Menschen in der dienenden klasse, und ging zu ihr, umarmte sie, fragte: ob sie wohl sei? wohl geschlafen habe? und nahm sie auf meinem Arm an das Fenster, von dem man einen teil des Obstgartens, Feldes und Teiches sieht. Himmel und Erde waren schön.
Sieh, mein Kind! du und die Bäume und das Feld sind so wohl und schön, durch den nächtlichen Schutz Gottes. Ich danke ihm dafür, und bitte ihn, dich deinen Papa, und alle Menschen auf der ganzen Erde zu seegnen, Drückte sie an mich und küsste sie. – Sie können nicht glauben, liebe Freundin, wie süss mir die Rührung war, die ich in Henrietten hervorgebracht hatte; sie schloss ihre arme um mich und ich hielt sie noch einige Augenblicke still in den meinigen, und sagte dann, dass sie nun zum Ankleiden und zum Frühstück gehen müsse. Ich kann mich selbst nicht anziehen, sagte sie ganz verschämt und kleinmütig.
Ich weiss es Liebe! denn ich brauchte auch einmal gute erwachsene Menschen, die für mich sorgten.
Nun ging sie ganz Mädchenartig zu dem Tischgen mit ihren Kleidern. Liebe Madame! ist das mein? Ich sprach ihr von Reinlichkeit durch Waschen und sonstige Sorgfalt, und kleidete sie selbst an. Wolling kam mit Gustaven, der nett in einem grauen Frak mit grünen Kragen und Aufschlägen, sich mir ehrerbietig und zufrieden näherte. Guten Morgen, mein Sohn, hat Er in Wollinghof gut geschlafen? Mit inniger Zufriedenheit versicherte er mich, ja! Nun wollen wir zum Frühstück in den Wald sagte ich. Henriette nahm die Hand ihres Bruders, als er sie, wegen der Leidbinde betrachtete. Sie bog sich hin und her. Da fühle, wie weich das ist! und sieh wie ich mich biegen kann! Denke! gar niemals mehr soll ich die Schnürbrust bekommen. Der holde Knabe freute sich brüderlich, über die Zufriedenheit seiner Schwester und sah mich dabei, mit dem Ausdruck des Vertrauens an, dass auch er bei mir von allem schmerzlichen Zwang befreit sein würde. Nun gingen wir durch die SeitenTüre längst dem Teiche bei den alten Birken und