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Dies war mit der Gestalt und dem Bezeugen verbunden, die ich allein edel und liebenswürdig achtete. Gemeinsame unerfüllte Wünsche nährten unsere stille Liebe. Das, was ich in der Opera empfand, war im eigentlichen verstand Eifersucht; und die ist immer Beweis der Liebe gewesen. Erinnern Sie sich, was Sie mich tun sahen; meiner Reise nach W. mein Bauen und Wohnen auf diesem Berge. Aussichten führten mich her; alle, alle leidenschaft lag noch in mir, als ich ihn hier sah, Tugend kämpfte gegen sie, weil er wieder vermählt war: aber sie hätte mich nicht so geschwind geheilt, als der Gedanke mich stärkte, dass Personen und Umstände Pindorfs Gesinnungen wenden könnten wie sie wollten, dass keine Uebereinstimmung mehr in uns sein könne. Verhasst, oder gleichgültig wird er mir nie werden, aber anbeten, lieben, kann ich ihn auch nicht mehr, seitdem ich mich höher schätze als ihn.

Acht und neunzigster Brief

Van Gudens Fortsetzung.

Und auch, nachdem ich so viel geschrieben, sind Sie doch ungedultig? weil ich das kleine Kinder fest nicht gleich dazu gefügt hatte. Soll ich wohl glauben, dass das Glück, so Sie mit Ihrem Cleberg geniessen, ein verwöhntes eigensinniges Kind aus Ihnen machte, das sein Stirnchen runzelt, das Mäulchen eckig zieht, und ein kleines abgebrochenes Murren äussert, wenn es nicht den ganzen Vorrat von dem kleinen Spielzeug bekommt, den es in der zweiten Schieblade des Schranks vermutet? Verzeihen Sie mir, meine Liebe, und fragen Sie sich, ob Sie nicht unrecht haben, so eifrig in mich zu dringen? Glauben Sie aber nicht, dass ich aus Unmut vier Tage später antwortete. Ich hatte zwei davon mit dem Entwurf eines Erziehungsplans für die Pindorfischen Kinder zugebracht; ich fühle, dass ich eine schwere Arbeit unternommen; und auch, dass mein Plan manchen lächerlich und töricht scheinen muss, so lang als mir die Neigungen und Fähigkeiten der Kinder nicht völlig bekannt sind; dazu hat mir der Zufall durch Wollings Gedanken, den Kindern ein Willkommfest zu geben, mehr Dienste geleistet, und einen sicherern Weg gebahnt, als vielleicht Jahre von Nachdenken nicht getan hätten. Genuss von Freiheit und Vergnügen, bewegt und öfnet die Seele der Kinder so gut, wie die unsere. Diese beiden allein, entwicklen den Keim der Fähigkeiten und Empfindungen. Das W o h l wieder zu geniessen, dem U e b e l zu entgehen, diese Triebe bestimmen die erste Richtung des Auges, nach Hülfsmitteln zu sehen, und die Anspannung der Kräfte, sie zu erreichen. Eigenliebe und Nächstenliebe zeigen sich da in Mitteilung des Guten, oder im Alleinhabenwollen; wohl gar auch im gewaltigen, offenen, oder listig heimlichen Wegnehmen bei der andern. Heftigkeit der Begierden zeigt sich im Genuss des Vergnügens, im Darumbitten, und im Danken. Ich hatte im Pindorfischen haus bemerkt, dass der Vater sehr wenig von seinen Kindern musste, und ihr Aufseher den Willen und Verstand nicht hatte, sie richtig zu kennen und zu leiten. Ueble Begegnung über unschuldige Fehler der Kindheit; Zwang, der ihnen angetan worden, sich das Bezeugen und Wissen erwachsener Leute eigen zu machen, hatte natürlicher weise ihr Herz verschlossen, Henrietten furchtsam, Gustaven misstrauisch und beinah storrisch gemacht. Ich musste sie also Wollinghof, seine Freuden und Bewohner in aller Freiheit kennen lernen laffen, und nur still beobachten, an welches Kind von den unsern, an welche erwachsene person, sie sich mit dem ersten Vertrauen wenden, und welchen Zeitvertreib oder welche Belustigung, sie zuerst wiederhohlt wünschen würden; wonach sie zuerst fragen möchten, u.s.w. Zu diesem Allen zündete das kleine fest das Licht an. Sie wissen wir kamen zu spät nach haus, um noch den Abend etwas vorzunehmen; die Kinder waren auch auf einer Seite durch den Prunk des Tages, durch Bärnskneipp und dem Abschied vom Vater zu sehr erschüttert, und dann hatte Frau von Pindorf den Eigensinn gehabt, dass beide junge Pindorfs in ihrem Staatsputz nach Wollinghof geführt werden sollten, damit die Leute dort sehen möchten, dass sie nicht aus Barmherzigkeit aufgenommen würden. Ohne Zweifel dachte sie Frau von Lissheim, unsern Kindern und Leuten damit eine Ehrfurcht einzuflössen. Aber Wolling und ich wollten die unsrigen weder dem Schmerz des Unterschieds, noch der Gefahr des Bewunderns und Nachwünschens aussetzen. Henriette wurde also, wie Gustav in einen grossen Mantel gewickelt und durch den Obstgarten gleich in meine Zimmer gebracht, wo Meta das fräulein, und Wolling den Junker auskleideten, doch ohne das Mindeste von Lobsprüchen wegen der schönen Kleider zu äussern. Als es bei dem armen Jettchen aufs Aufschnüren kam, fing sie schon an zu seufzen und zu zittern, und faltete ihre hände mit dem Bitten. O langsam! langsam! Meta hielt gleich inne; und ich knieete vor das gute Kind hin: was fehlt Dir, meine Liebe? warum zitterst Du? Ach die Schnürbrust und mein Hemd, stecken in meiner Haut: Hier! sie wies auf die Hüften, und hielt den Atem an sich, indem Angst in ihrem Gesicht und Tränen in ihren Augen zu sehen waren. Ach, Rosalia! was verderbt Unsinn und Vorurteil an Leib und Seele! Sie hatten, um dem Mädchen einen dünnen Leib zu ziehen, das steife Schnürleib über ihren Hüften so zusammen gezogen, dass auf beiden Teilen die Haut teils offen, teils mit einer Rinde bewachsen war, und durchgehends ein brauner Streif um den ganzen Leib ging. Sie bat mich,