1779_La_Roche_065_202.txt

wollte. In dem nemlichen Augenblick kam Pindorf mit Herrn von Bargen zu uns und sagte, auf mich weisend: Hier ist eine Dame van Guden, die England und Italien so gut kennt, als wir beide. – Von da an war für die beiden Leute niemand angenehmer, als ich; denn sie wiederholten nun mit mir ihre Reisen, Spaziergänge und Bemerkungen. Der Fremde so mich geführt, betrachtete mich je mehr und mehr, nachdem ich tiefer in die Unterredung verwickelt wurde. – Herr von Bargen und sie wollten bei Tische nur neben mir sitzen, und Pindorf wurde ganz heiter, über die Kennzeichen von Hochachtung, die sie mir gaben. Die Pollisons und seine zwei Hausdamen machten nach und nach eine traurige Figur. Dame Sofein wollte nach dem Essen, da Pindorf selbst mit seinen Kindern ging, um ihre Abreise zu bestellen, eine andre idee in Frau von Bargen bringen, und bat sie zu versuchen, ob sie noch Clavierspielen und Singen könne! denn setzte sie hinzu, das Clavier ist aus England; mein Bruder liess es erst kommen.

Frau von Bargen ging hin, spielte und sang ziemlich artig. Ich stellte mich hinter ihren Stuhl. Den guten Wolling hatte der Parteigeist für mich angegriffen, und er sagte Herrn von Bargen, dass ich keineswegs eine Hofmeisterin, sondern eine edle, reiche Frau und Freundin des Herrn von Pindorf sei; einsam wohne, und deswegen die zwei Kinder zu mir nähme. Er setzte noch viel hinzu; unter andern auch mein grosses Talent, im Singen und Clavierspielen. Da kam Bargen, und die zwei Fremden, welche Wollingen zugehört hatten, und baten, dass ich mich hören lassen möchte. Ich phantasirte lang und fiel endlich mit einem Englischen Liedgen ein. Die Frau von Pindorf, die jung ohne Verstand, aber nicht so böse ist, dass eine Empfindung von Vergnügen sie nicht mit Leuten aussöhnen sollte, die ihr erst missfielen; lobte mich sehr und klatschte in die hände, und dankte mir für mein Liedgen. O das müssen Sie unserm Jettgen auch singen lehren. Ich versprach es ihr ganz freundlich. Da ich noch am Clavier sass, aber nicht mehr spielte, kam Pindorf zurück. Eine starke Bewegung erschien in seinen Augen, als er auf mich blickte, und Wollingen fragte, ob ich gespielt hätte? Ja! Und auch gesungen? – Eine Geberde von Bedauren, es nicht gehört zu haben, war die einzige Antwort die er gab, und er nahete sich mir mit Wünschen und Bitten in seiner Miene. Ich fuhr fort zu spielen, und sang das Recitativ: Cari prali è selere, und endigte mit einer Arie, deren Worte ich selbst zusammen gesetzt habe, worinn Ueberdruss der lärmenden Weltliebe, Liebe der Einsamkeit, und Ruhe der Seelen ausgedrückt ist. Pindorf lehnte sich auf meinen Stuhl, während ich sang. und machte mir als ich aufstund, nur eine Verbeugung. Herr Bargen, seine Frau und die zwei Fremden sagten mir vieles. Frau von Pindorf küsste mich; es war mir in meiner Seele zuwider, besonders, da sie noch hinzufügte, dass ich den Abend da bleiben solle. Das war mir aber unmöglich. Darüber wurde sie auch wieder böse, wie Kinder, wenn man nicht tut, was sie wollen.

Frau von Sofein spielte eine wahre CoquettenRolle mit den zwei artigen Herren, Ihre Schwägerin war auch mit dabei; aber nur als Fürwand und Gegenstand des heimlichen und hämischen Spottes. Ich hatte Herrn Wolling um Bestellung unseres Wagens und der Geschenke an Hofmeister, Wärterinnen. und Hausbedienten gebeten; und als er mir meldete, dass alles geschehen sei, schickte ich mich zu unserer Abreise an. Wolling hatte in einem Fenster mit mir gesprochen; Pindorf näherte sich uns und Ersterer ging zu den Kindern.

Sie gehen missvergnügt aus meinem haus! sagte Pindorf. Nicht missvergnügt, aber traurig über die Gewalt die Ihre Frau Schwester in Allem über Sie hat, und nicht verdient. Suchen Sie den Grund davon in Ihrer Seele auf, denken Sie nach. Dem guten kind, das Sie zu Ihrer Gemahlin machten, begegnen Sie edelmütig, und bilden Sie sie selbst. In den Händen Ihrer Frau Schwester wird sie schlecht und sie ist doch Ihre Frau! Sie verachten mich, sagte er mit Schmerz. Nein! da wäre ich am elendesten; aber, Ihre Schwester wird Scheidewand zwischen mir und Ihnen. Eine grosse Seele, in der Gewalt einer kleinen, arglistigen. – O Pindorf! – Und da ging ich, nahm kurzen Abschied, und sagte dem Hofmeister, er möchte sich das Kneipen abgewöhnen. Die zwei guten Kinder schliefen nach der ersten halben Stunde ein; und es war mir lieb, denn ich konnte da der geschichte des tages nachsinnen. Seit vielen Jahren war ich nicht in so grosser Gesellschaft gewesen; fühlte auch nicht die geringste Begierde in mir, mich in Zukunft öfterer darin zu sehen. Vielleicht trug das Wegwenden meines Herzens von Pindorf, eben so viel zu dieser Gleichgültigkeit bei, als mir ehmals meine anhänglichkeit an ihn, jede Gesellschaft, wo er nicht war, unangenehm und widrig machte. Jede Scene, durch welche meine Liebe mich geführt hatte, stellte sich vor mein Gedächtnis, und ich musste mir endlich sagen, was ich Ihnen schrieb:

Dass Eigenliebe mich elend gemacht und Eigenliebe mich rettete.

Meine leidenschaft für Pindorf hatte zu der Zeit angefangen, da ich in ihm die nämlichen Grundsätze, Beschäftigungen und Geschmack sah, die mich beherrschten.