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in Pindorf, recht gut stunde; wo beide Damen ganz unmässig rot geschminkt waren.

Sie wissen, dass ich den ganzen Brief Ihres Clebergs abgeschrieben habe, welcher das Gemählde von Ihrer Reise nach W. und dem Pindorfischen Garten entält. Der Weg von Wollinghof führt gerade nach dem alten Wohnhaus und Baurenhof zu, wo wir, da es noch sehr früh war, abstiegen, etwas Milch assen und alles betrachteten; endlich in den Lustgarten hinüber gingen, wo ich in der Tat alles so fand, wie ich es aus dem mitgeteilten Briefe in meinem Gedächtniss behalten hatte. Die ganze Anlage ist in einem edlen, grossen Geschmack; und diese mächtige Uebereinstimmung in Ideen des Schönen und Ergötzenden wirkte stark auf meine Seele. Vorbedeutung dieses Eindrucks hätte mich immer zurückgehalten, diesen Garten zu sehen, und nun fühlte ich zu spät, dass es besser gewesen wäre, wenn ich mich diesen Empfindungen, während der Abwesenheit von Pindorf ausgesetzt hätte, als in der Zeit, wo ich ihn zugleich sehen musste. Ich sagte es Wolling; der mir antwortete, dass er dieses vermutet habe; doch wäre der Zufall sehr vorteilhaft, dass die erste Aufwallung dieser Gefühle in der Zeit unsers einsamen Herumwanderns entstünde: weil nun das Ueberfliessende ausströmen könnte, und er die Stärke meiner Seele zu gut kenne, um wegen meiner Beruhigung in Sorgen zu sein. Er hatte recht; dazu kam auch, dass mir an dem Badhaus etwas missfiel, und sicher unterbrach dieses die Stärke meiner zu zärtlichen Erinnerungen und Vorstellungen, denn ich ging von da an leichter umher, bis in den grossen grünen Saal, wo wir uns setzten und die Landschaft mit dem glücklichen Gedanken des Wasserfalls und den grössten teil des Hauses und Parterre betrachteten; unterdessen dass der Bauerjunge, den wir mitgenommen hatten, uns meldete, und die Antwort zurück bringen sollte. Auf einmal sah ich die Kinder, mit einem neuen Hofmeister und einer Wärterinn die Stufen des untern Saals herunter kommen und der Allee zu gehen. Alle drei seit den zwei Jahren viel gewachsen; der jüngere Sohn hüpfend, und bald mit diesem, bald mit jenen schwätzend; der ältere aber führte Henrietten, und schien sie immer an ihrem starken Gehen verhindern zu wollen. Mein Herz pochte wieder laut: Kinder vom Pindorf!

Ich ging ihnen in die halbe Allee entgegen und sah mit Bedauren den überladenen Kopfputz der artigen Henriette, die unter einer Last von Federn, Bändern, Flor und welschen Blumen, ihr kleines Köpfgen schwankend bewegte, einen Reifrock, eine Schleppe am Kleide und Blonden und Falbala die Menge an Hals und Armen hatte. Die Söhne, in steifen gestickten Kleidern, sehr frisirt und gepudert, Degen an der Seite und die Hüte mit Federn unterm Arm. So bald der Herr Hofmeister uns erblickte, durfte Junker Fritz nicht mehr springen, sondern musste stattlich nach Tanzmeister Vorschrift einhertreten, und dem älteren gab er mit der einen Ecke seines Huts einige Stösse in die Seite und an den Arm, der mit seiner Hand gegen Henrietten, die er immer führte ausgestreckt war, die er erst zurückzog, als sie in der Entfernung von zehn Schritten still stehen, und sehr künstliche Verbeugungen machen mussten, wo die Wärterin sorgfältig ihre hände auf Henriettens Achseln legte, und sie damit zur gehörigen Tiefe des Knieebeugens hinunter zu drücken, und an dem zu schnellen Erheben zu hindern, dass ich daraus bemerkte, weil das gute Kind, eine verdrüssliche Mine, und die Wärterinn, eine beherrschende Bewegung ihrer hände machte und das Niederdrücken der Achseln wiederholte.

Gut; dachte ich, liebes Mädchen, wie froh wirst du unter meinen zärtlichen Händen sein, die dich nichts als den sanften Zug der Liebe werden fühlen lassen!

Ich eilte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, blickte alle mit der Frage an: –

kennen Sie mich noch?

Der Kleine rief, mit einem Kratzfuss dabei: O ja, recht gut! Henriette, deren arme, in dem Augenblick freigelassen wurden, lief mit Vertrauen auf mich zu; wäre aber, da im Laufen ihr langer Rock von der Seite herunter hing, vor mich hingefallen, wenn ich sie nicht aufgefasst und an mich gedrückt hätte. Ich wurde bewegt; eine Träne war in meinem Auge. Das holde Mädchen sah sie, und machte auch ein traurigs Gesichtgen dazu, sagte aber zugleich:

Liebe Madame! ich geh recht gern mit Ihnen, fragen Sie nur Papa und Mama, und die gnädige Frau Tante; ich habe gar nicht geweint, wie es der Papa sagte, ich freute mich gleich!

Ihre kleine Hand lag da vertraut auf meinem Halse, und treuherzig hatte sie dieses mir ganz nahe zugeredt.

Mein Bruder Gustav, sagte sie mir leise ins Ohr, ginge auch gern mit!

Ich beobachtete im nämlichen Augenblick, dass der arme Knabe wieder einen Kniff von seinem Hofmeister bekam, weil er sich von uns weggewendet hatte, und zu gleicher Zeit zupfte die Wärterinn an der Henriette: pfui! Sie müssen die Hand nicht so grob auf die Madame legensie wird denken, das man Sie gar keine Manieren gelernt hätte! Wenn die fräulein so schön geputzt sind, so müssen sie artig sein! sagt die gnädige Tante, das arme Kind zog sich zurück und legte ihre Aermchen wieder nett an ihr enggeschnürtes Leibchen an; die Magd ordnete alle Fällgen und drehte das gedultige Mädchen so lange herum, bis sie wieder ganz die Puppe war, zu der man sie bisher erzogen hatte. Ein paarmal guckte sie nach mir,