. Er liesse sich alles gefallen, was ich wollte, wenn er mich nur sprechen könnte, sagte er zu Wolling, und blieb denselben Abend in meinem alten Zimmer, ohne dass ich es wusste. Morgens ging ich hinaus. O, wie oft wechselte Mut und Mutlosigkeit bei mir ab! – Wie beklemmt wurde mein Herz, als ich ihn von der Seite auf der Moosbank erblickte! Wolling war mit mir gegangen; ich verdoppelte aber meine Schritte in dem Augenblick, da ich am meisten litte, um bald am Ende aller dieser Quaal zu sein. Das schnelle Gehen machte mich beängstigt; ich blieb auf Einmal stehen, und wurde, da ich Wolling ansahe, Tränen in seinem männlichen Auge gewahr, da er einen Arm gegen mich, zu meiner Unterstützung ausstreckte, und ich ihn ablehnte, meinen Kopf zum Himmel erhob, und tief Atem hohlte. – Pindorf zu gleicher Zeit uns erblickte, aufstund, aber wieder auf die Bank zurück fiel – ach Gott! rief Wolling, dieser Boden ist also zu lauter Schmerzen bestimmt!
Ich eilte jetzt Pindorf entgegen, der sich auf einen Arm gegen die Mauer stützte. Wie edel, o, wie höchst edel war diese Stellung! und wie viel vermehrte sie meine Uebel. Wolling blieb zurück; ich fasste mich, so viel ich konnte, nahm Pindorfs matte, da liegende, eine Hand; setzte mich neben ihn, konnte aber nicht sprechen, sondern blickte ihn an, mit Augen voll Tränen. Schnell wandte er sich, und fasste nun meine Hand in seine Beiden, liess seinen Kopf darauf sinken, seufzte und weinte dabei. Ich unterbrach Ihn lange nicht, weder durch eine Bewegung meiner Hand, noch durch einen laut meiner stimme. Ich war froh, die ersten Augenblicke so vorüber gehen zu sehen. Endlich legte ich meine freie Hand auf seinen Arm:
Teurer Pindorf! fassen Sie sich: Schonen Sie Ihre arme van Guden!
Meine arme van Guden! rief er aus, indem er seine beiden hände faltete, keine Träne mehr in seinen Augen, sondern nur noch einen zitternden Tropfen auf der schnell glühenden Wange; wobei er fest auf mich blickte. Aber seine etwas erhabene arme senkten sich, da ich ihn mit vieler Wehmut ansah und zum Glück die Kraft hatte, ihm zu sagen: Ja, ich werde arm sein, wenn ich Sie unglücklich sehe; wenn nach so vielen Jahren, mein Anblick, der Ihnen so wert war, Sie nun Tränen kostet –
O van Guden! was soll ich von alle meinem Elende sagen? meinem unaussprechlichen Elende!
Sagen Sie alles, was Sie wollen, was Ihr Herz erleichtern kann. Es lebt Niemand (sagte ich mit Tränen, und mit Erhebung seiner Hand an meine Brust) Niemand der mehr Anteil an Ihnen nimmt, als ihre Freundinn van Guden!
Freundinn van Guden! wiederhohlte er, mit einem sonderbaren Tone, und schwieg wieder lange. – Endlich fing er an:
Ich kann unter diesem Namen nicht mit Ihnen reden; ich kann nicht; ich muss Sie Sophie Hafen nennen dürfen, um die Frage zu tun; an deren Beantwortung mein Leben hängt –
Ach, Rosalia; wie sonderbar ist das Herz der Menschen. Er konnte mich nicht mit dem Namen eines Mannes denken, dem ich verwählt gewesen war, und dachte nicht daran, dass ich ihm als Mann von zwei Frauen nach einander vor mich sehen musste! – Schreiben uns die Männer weniger Feinheit im Lieben, oder weniger Ansprüche zu?
nennen Sie mich immer ganz freimütig Sophie Hafen, denn ich bin's, ob ich schon van Guden heisse! –
Rosalia! diess sagte ich! ich, die so klug sein konnte; die so edelmütig, so feindenkend zu sein glaubte! O meine Freundin! auf wie vielerlei Art führen uns leidenschaft und Eigenliebe irr und übel. Pindorf war, glücklicher Weise, gar nicht gefasst genug, um diese Unvorsichtigkeit zu bemerken, aber ich fühlte sie so lebhaft, dass ich mir gleich die strengste Beobachtung meiner selbst vorschrieb, – dem verwittweten Pindorf hätte ich dieses kaum sagen dürfen, und ich sagte es dem, der eine zweite Gemahlin hatte. – Ach, Rosalia! wie demütig bin ich seit diesem unwürdigen Geschwätz.
Pindorf war aufgestanden, blickte voll Liebe mich an; griff mit seinen beiden Händen nach den meinen.
Sagen Sie, Sophie, sagen Sie! würden Sie mich jedem andern Mann vorgezogen haben, wenn ich so glücklich gewesen wäre, Sie, in den Tagen meiner Freiheit anzutreffen. –
Ja, Pindorf! ich hätte Sie vorgezogen, der ganzen Welt vorgezogen! –
Er drückte meine hände einen Moment, liess sie gehen, wandte sich um, und legte sich auf seine verschlungene arme, mit dem Gesicht über die abgefallene Mauer hin. Ich geriet darüber in die äusserste Verlegenheit; schwieg auch wieder eine Zeitlang, und rief endlich:
Pindorf! kommen Sie! lehnen Sie sich auf den Arm der Freundschaft und Tugend! Sie sollen beide unzertrennt in meiner Seele finden. Gönnen Sie mir das Glück, etwas über Sie zu vermögen!
Er antwortete nicht, sondern drückte seinen Kopf fester auf seine arme – Er jammerte mich, und ich dachte auf ein Mittel – seinem Schmerz eine andre Wendung zu geben. Ach, warum haben Sie mich sehen wollen! sagte ich. Hier richtete er sich auf.
O, missgönnen Sie mir dieses Glück nicht! Bereuen Sie es nicht! Denken Sie, dass es