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in diesem Zimmer?" – –

"Ja, bis das Haus gebaut war:" – Er "hatte sich, während ich redte, auf den kleinen Tisch gesezt. Endlich stand er auf, betrachtete mit tränenden Augen den Platz, wo ich ihm gesagt, dass Ihr Klavier gestanden, blickte auf Ihr simples Bettgen und ging nah an die Wand, wo Ihre Zeichnungen von Rom und England sind; legte seinen Kopf an eins, und breitete beide arme über die andern aus. – Nach wenig Augenblicken warf er sich auf den Boden, küsste die Schwelle Ihres Schlafzimmers; – – "Wolling! sagen Sie dem Engel, dass ich mit Todesraserei ihre Fussstapfen küsste." – "Hielt sich dann einen Moment auf dem kleinen Altare, und als ihn die Damen so blass und verstellt sahen, sagte er, es wäre ein Anstoss von Schwindel, weil er zu hoch gestiegen sei." – –

Des andern Tages war er wieder da, in aller Frühe. Wolling musste ihn in mein altes Zimmer führen. Dort erzählte er ihm Alles, von sich und mir; – wehklagte, dass er mich nicht mehr in Holland gefunden, verwünschte sich und seine Schwester, die ihn wegen der Schulden, in die sein Garten und Hausbau ihn gestürzt, zu einer reichen Heirat übertaumelt habe; – dass schon meine Geschenke an seine Kinder sein Herz zerrissen hätten. – Nun wünscht er, noch einmal mich zu sehen, und in meinem Zimmer zu sterben.

Verzeihen Sie, Rosalia! aber ich weinte sehr bei dieser Erzählung, und das war glücklich; – denn ich hatte noch nicht geweint. Mir wurde leichterund ich sagte Wolling meine Besorgniss, dass Pindorf mir auflauren möchte; dass ich ihn noch nicht sehen könnte, und auch an seiner Frau, die ihn liebte, keinen Raub begehen wollte. Ach! wenn sie edel ist, wie Amalia von T** gegen das fräulein von Essen war: – so könnte diese Nachbarschaft noch glücklich werden. Ich möchte seine Kinder erziehen, Herzens Mutter an diesen werden. Er kann für die sorgen, welche seine zweite Frau ihm geben wird. – Aber ich kann ihn noch lange, lange nicht sehen. Doch bin ich heiter, und meine Wollinge auch.

Rosalia! fühlen Sie nicht, wie glücklich Sie bei dem Loose Ihres Lebens sind? –– Segnen Sie, o segnen Sie die Hand, die Sie leitete, und mit dem Beifall der ganzen Welt an das Ziel Ihrer Bestimmung führte, gattin, – Freundinn und Mutter zu werden. – Nicht alle Ihre Tage werden heiter sein. – Aber das zeugnis erfüllter Pflichten in ihrem Herzen; das zeugnis derer, die Sie handeln sehen, wie süsse Beruhigung giesst dies über jede Bekümmerniss des Lebens aus! glauben Sie, ausserordentliches Glück, ausserordentliches Schicksal, haben eisernes Gewicht, das oft zu Boden drückt! – Aber ich will mich zur Rechenschaft ziehen, über jede Kenntniss, jede Erfahrung, und jeden teil meines Wohlergehens; und will nicht mehr eigensinnig, nicht mehr undankbar sein. – Aber teuer, – sehr teuer bezahl ich Klugheit und meine Ruhe! –– Rosalia! Morgen, morgen sehe ich ihn! Seine Ruhe wills. –– Wolling soll Zeuge sein. –– Ich will ihn bei der alten Hütte sehen am Bogen, wo man das ganze Tal vor sich hat, – auf dem platz, wo Wolling den edlen Mut hatte, seiner Lotte zu entsagen.

Dritter teil

Fünf und neunzigster Brief

Sie ist vorbei; meine Unterredung mit Pindorf! – Sie ist vorbei; und mit ihr alles Wünschen, alles Hoffen so vieler Jahre. – Aber ich habe meine Ruhe wieder, und diese ist doch das grösste Glück, des müde gelaufenen Menschen. – Ich will Sie nicht mit der Erzählung alles dessen plagen, was noch seit seiner ersten Erscheinung auf meinem Berg, durch den immer vor mir schwebenden schwarzen und niederdrückenden Gedanken seines zweiten und gänzlichen Verlustes, in meinem Geist und Herzen vorging. Es kostet viel, sich von der idee seines Glücks, seines selbst geschaffenen Glücks loszuwinden! Ich will aufrichtig sein und Ihnen auch darüber alles sagen, so wie ich bisher getan habe.

Es war mir lange unmöglich, an eine Unterredung mit Pindorf zu denken; mir schauderte immer davor; aber Wollings Abschilderungen des zunehmenden Weh und Kummers von Pindorf, und die Betrachtung, dass er auch beinahe Nichts, von aller meiner sonderbaren Zärtlichkeit für ihn gewusst habe, – diess bewog mich endlich seiner Ruhe zu Liebe, und auch der Meinigen, wäre sie auch durchs Leiden zu erringen, vor zehn Tagen zu dem Entschluss, ihn zu sprechen. – Er wünschte, dass es in meiner alten kleinen wohnung, zwischen den Schlossmauren sein möchte. Aber, das konnte ich nicht; die vielfache Abbildung seiner person, die die beiden Kämmerchen ringsum ganz bekleiden; die Aussicht auf die Stadt W; – die Erinnerung jedes Seufzers um ihn; alle das wäre mir zu nahe gewesen und hätte mich vielleicht zu sehr erweichtoder auch zu einer bittern Empörung gegen ihn gebracht; und beides wollte ich vermeiden. Seine erneuerte Zärtlichkeit anfachen, und die meinige nähren, wäre eine Verletzung der heiligsten Pflichten gewesen; und dann schien mir der freie Himmel, der von der Moosbank an den Ruinen des Turms zu sehen ist, und die weite Aussicht, auf die schöne Welt Gottes, etwas Stärkendes für meinen Geist, und auch viel Besänftigendes für die Leiden meines Herzens zu haben