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dass Pindorf wieder verheiratet ist, und so gar mit seiner neuen Gemahlin eine Spazierreise nach Mahnheim gemacht hat. Hier ist das Zettelchen und der Brief, die ich beide zugleich erhielt. – Wie nötig wär es, meine arme Freundinn zu besuchen! Aber meinen treuen Pflegevater kann ich und darf ich nicht verlassen; da muss ich jedes andre Verlangen meiner Seele unterdrücken. – Mein Oheim hat ohnehin öfters vor Clebergen die van Guden als eine Schwärmerinn behandelt und etwas verächtlich von ihr gesprochen; sogar den Wert ihrer Guttaten herabgesetzt, weil ihre widersinnige Liebe, wie er sie nannte, der Beweggrund dazu war. – Ich weiss wohl, dass ihr Wollinghof nur wegen der Nachbarschaft Pindorfs so lieb war; dass sie Hofnungen in ihrem Herzen ernährte; und die Bilder, Bücher und Geschenke für die Kinder waren bei ihr, was bei einem andern Frauenzimmer ausgesuchter Putz und übrige Anlockung sind. Sie hat auf die Würkung davon gerechnet; sie kann nicht in Wollinghof bleiben: Pindorf und sie werden elend darüber. O, Zufall! was tust du! was zerstörst du auf so hundertfache Weise! ––

Es ist mir leid; mein guter Oheim tröstet mich, und dankt mir für Tränen und für Unruhe, die nicht für ihn allein sind. Cleberg will mich stärker und gelassner haben, – und ach! der Himmel vergeb es mir, ich habe gewünscht, dass mein Oheim überwunden hätte und nicht mehr litte! – Es war aber nicht so ganz rein der Gedanke, dass er nicht mehr leiden möchte, sondern auch der, dass ich alsdann zur van Guden eilen könnte. – Sagen Sie, o meine Mariane! sagen Sie, kann ich mein Herz von den Vorwürfen befreien, die ich mir darüber mache? – Hätten Sie, hätt ich selbst jemals gedacht, dass das Gefühl meiner Dankbarkeit, und meiner kindlichen Liebe für meinem so gütigen, liebreichen Oheim, bis zu diesem Grade unterbrochen werden könnte! – Ach! liebe, liebe Freundin! und dann masse ich mir das Recht an, die Unvollkommenheiten Andrer zu beurteilen, im Stillstande meiner herrschenden Leidenschaften Andre zu tadeln, die durch die erregte Unordnung in ihren Gedanken und Gefühlen, etwas von der Richtschnur abweichen? ––

Mein Kummer über meinen Oheim, und die Beängstigung, welche ich über die van Guden bezeigte, machte Clebergen unruhig. Er umarmte mich und sagte mir so gütig, so gütig und so männlich dabei: "Liebe Rosalia! ich bete Sie wegen ihrer zärtlichen und starken Empfindungen an. Es war der Grund meiner Liebe und des Wunsches, mit dem Herzen der Einzigen mein Leben zuzubringen. – Aber, o meine teure Liebe! bemühen Sie sich, Alles, was Schicksal, was Folgen der gesetz der natur, und notwendige Folgen erster Schritte, in begebenheiten sind, mit ruhiger Unterwerfung und Mut zu tragen; sonst zittre ich, Sie und mein Glück nicht lange zu geniessen!" –

Ach, Mariane! mich dünkt, ich habe Mut für meine Leiden; aber für die von meinen Freunden habe ich keinen. Lehren Sie michs haben!

Zettelchen von Frau van Guden.

"Ich kann Ihnen, liebe Rosalia, auf Ihren letzten Brief nicht viel sagen. – Ich bin sehr beschäftigt. – Wollinghof hat für mich eine ganz neue Aussicht bekommen. – Adieu." –– grosser Brief, zehn Tage nach dem Billet geschrieben. Meine Freundin! ich atme wieder, aber meine Brust ist sehr, recht sehr abgemattet. – Es war zu arg, zu überfallend! – Ich werde Ihnen erzählen, wie Jemand der aus einem ruhig schwimmenden Boot durch das jähe Anstossen auf einen verborgnen Felsen, in die See stürzt, für Schrecken seine eigene Kräfte nicht gebrauchen kan, – und halb durch die Wellen selbst, halb durch mitleidige hände an das Ufer gebracht wurde, noch in den nassen Kleidern zittert, und selbst seine Rettung noch nicht glauben kann. Das Aeusserste von meiner Vernunft und meinem Herzen ist geschehen. – hoffnung und Furcht, Zweifel und Ungewissheit, sind alle weit von mir! – O Rosalia! denken Sie sich, was ich Ihnen von Pindorf erzählte; denken Sie, was meine Liebe für ihn noch war, als ich von Ihnen reiste, seine Kinder zu besuchen und hier die Gegend zu sehen, von welcher er mit so vieler Empfindung gesprochen hatte. – Mein Aufentalt bei den Wellings. – Ach wie vermischt waren die Beweggründe! – Immer erkundigte ich mich von Zeit zu Zeit nach Herrn von Pindorf. –– Er reiste. – Die Kinder und ihre Aufseher wussten nicht viel von ihm, erhielten nur kleine Briefgen, worinn die Nachricht von seinem Wohlbefinden, und wiederholte Empfindungen für die gute Besorgung der Kinder war. Endlich hörten sie lange nichts, –– und dann auf einmal den Befehl, Alles recht schön zuzubereiten; er käme bald, und seine Frau Schwester mit ihm. Mein Herz klopfte, ja, Rosalia! es klopfte laut, stark bei dem Gedanken: Bald ist er in dieser Gegend! dort, dort wo ich die fernen Turmspitzen sehe. – Ich wünschte den frühen Herbst, damit die Bäume ihre Blätter bald verlieren möchten, dass ich mehr von der Stadt W** sehen könnte. Wie bald sah ich mehr! – mehr, als ich tragen konnte! – O Rosalia, was sah, was fühlt ich vor zwölf Tagen, als ich Nachmittags in den Baumgarten gehen wollte und das Getrappel von Pferden hörte, aus dem Hofgitter sah und zwei Damen