kein Augenblick unsers Daseins kommt und da ist, in welchem wir nicht die Eigenschaften unsers Geistes oder unsers Herzens gebrauchen können.
Sie wissen, wie fein ich die Wohltat der Mannigfaltigkeit in unserer physikalischen Welt fühle, und dass jede abgeänderte Form der Kräuter, Steine und Gewächse, mir eine neue Empfindung von Vergnügen gibt. Auf diese Art verwende ich auch die begebenheiten der moralischen Welt, und schlürfe, gleichsam mit einer Art geistiger Wollust, die verschiedene Ideen ein, die ich von verschiedenen Personen über einen Gegenstand ihres Nachdenkens höre.
Oft schon habe ich in Gesellschaften von dem freien Willen des Menschen auf mancherlei Weise reden gehört, oft schon ist sein Bild von grossen Männern auf allen Seiten betrachtet und vorgestellt worden; so, dass ich weder den Sinn, noch die Kräfte haben kann, mich auf ihre Weise über diesen teil unserer moralischen Welt auszudrücken; tiefes Denken und Urteilen ist ohnehin meine Sache nicht; ich rede allein nach dem Gefühl meiner weiblichen Seele, mit meiner vertrauten Mariane.
Freiheit zu tun und zu lassen, ist, nach meiner überzeugung, dass grösste Glück dieser Erde; sonst würde die liebreiche Hand unsers Schöpfers die Begierde frei zu handeln nicht in die Seele eines jeden Menschen gepflanzt haben. Seine göttliche Güte wollte uns dadurch die süsseste Freude des irdischen Lebens geben. –
Aus eigener Neigung das Gute zu tun, würden wir durch eine geheime Obermacht dazu geführt, so wären wir gut; aber gewiss nicht so glücklich, als durch den Gedanken der freien Wahl. Für mich ist der Standort, auf welchem ich Gutes oder Böses wählen kann, die Annäherung des Genusses der höchsten Glückseligkeit. –
Sie, meine Mariane, und jede schöne Seele wird das zeugnis geben können, dass jeder gute Entschluss, jede gute Handlung mit einem Gefühl voll Seligkeit begleitet ist, aus welchem das edle Sprichwort entsprungen sein muss: dass die Tugend ihre eigene Belohnung in sich trage. Denn, was ist der Beifall der ganzen Erde, gegen das innere Gefühl von Seligkeit bei einer edlen Tat? die nicht edel genannt werden könnte, wenn ich nicht in dem nemlichen Augenblick auch hätte niederträchtig handeln können! – O, ich kenne den Wert dieses inneren Zeugnisses so sehr, dass ich ganz ruhig dulden könnte, wenn meine übrigen Tage, ohne äusserliches Glück, der ganzen Welt verborgen dahin flössen. Die stille Erfüllung meiner Pflichten, die gute Verwendung meiner Tage, sind in meiner Gewalt, und in jedem Augenblicke kann ich die grosse Wohltat des freien Willens geniessen. Denn, wenn auch eine fremde Macht den gang meiner Handlungen stört: so bleibt mir doch die Freiheit des Geistes, dessen Kräfte ich in jeder gelegenheit nützen kann. Der verkehrte Gebrauch, den wir meist von allen Gütern dieses Lebens machen, ist Ursache, dass uns beinahe jede Wohltat schädlich geworden ist. Gott entzieht uns nichts von alle dem, was uns seine Schöpfergüte von Ewigkeit zur Erdenglückseligkeit bestimmte; es hängt von uns ab, wie wir sie verwenden wollen. Wie überfliessend wäre das Maass Seeligkeit der Grossen und Mächtigen, wenn der freie Wille allezeit das Beste wählte!
Ich sah, meine Freundinn, dass ich mich an einen wichtigen Gegenstand wagte, und sagte Herrn Fr**, er wäre Ursache an einer Art verwegenen Unternehmung meiner Feder, weil mich seine idee, über den Nachahmungsgeist der Kinder, dazu gebracht hätte, meine Gesinnungen vom freien Willen zu schreiben. Ich gab ihm zugleich meinen Brief, den er mit Aufmerksamkeit und Lächeln durchlas, und ihn mir mit einem Ausdruck von Empfindung und Beifall zurückgab, und dabei sagte: "Sie haben sich edle Merkstäbe zu dem Wege der Tugend gewählt! Wie viel glücklicher wären die Menschen, wenn sie mehr Gefühl für die göttliche Güte hätten! – Aber, ein anderes Frauenzimmer 1 fühlte, dass eben diese Güte den Missbrauch des ganz freien Willens sah, und ihn deswegen mit der Eigenliebe umwand, die uns durch Betrachtung der Folgen unserer Taten vom Bösen zurückhalten und zum Guten ziehen sollte. Ich sagte meinen Kindern selbst auch, ihr habt die freie Wahl, gute oder böse Kinder zu sein; aber ich lasse sie sorgfältig die Folgen ihrer Wahl empfinden, um sie die zweite Wohltat des himmels, die Sorgfalt der Eigenliebe, recht gut gebrauchen zu lehren. Am allerempfindlichsten aber schärfe ich die schmerzhaften Folgen, wenn sie ihre Freiheit gegen das Wohl eines Bruders, einer Schwester, oder Spielgesellschaft geübt haben, um des nächsten Wohl zum ihrigen zu machen."
Finden Sie, meine Mariane, diesen Mann nicht in allen Fällen recht schätzbar? Möge doch der gute Saame des Beispiels und Unterrichts Wurzel in den Seelen seiner Kinder fassen! so werden fünf vortrefliche Menschen mehr in der Welt sein. –
Achtzehnter Brief
Mariane! dieses Haus ist für mich seit vier Tagen eine moralische Schule geworden. Wie wenig kannte ich die Empfindungen von Seligkeit, die mich in der Familie der Madame G** erwarteten, als ich, bei dem Anfang ihrer Bekanntschaft, über die Zeit murrete, die ich ihrer Gesellschaft widmen musste! Vorgestern glaubte ich den schönsten Auftritt gesehen zu haben, da ich die Freude der Tugend über das verdiente und erhaltene Glück in ihrem vollen Maasse betrachtet hatte; aber, wie übertreffend war die heutige Scene, da ich der Vorsicht mit der Bewegung des Entzückens für die Gewalt danken hörte, die man fand, einem Feinde Vergnügen zu machen! Der Zufall gab Herrn Fr** eine gelegenheit, dem allernächsten Verwandten seines grössten Widersachers einen wichtigen Dienst zu leisten. Er hätte es durch