1779_La_Roche_065_184.txt

sagt mein Oheim, "der mit philosophischen geist Menschen und Staaten durchdenkt, nur Wahrheit und natur wirklich schätzt und liebt, und bei dem das, was er an sich selbst am meisten achtet, nicht das Zufällige seiner adelichen Geburt und nicht die Ehrenstellen sind, die er bekleidet, sondern das, was er sich durch unermüdeten Fleiss an Kenntnissen erwarb; und sein moralischer Charakter, den alle aufgeklärte und edel gesinnte Menschen äusserst in ihm verehren; der mit sanftem Eifer und stiller Grösse, Gutes zu würken sucht und die erste Freude seiner Ministerstelle und seines Ansehens in dem Augenblick fühlte, da er einem rechtschaffnen, mit grossen Fähigkeiten begabten, aber nicht genug bekannten mann die beste Stelle verschafte, und seine zweite Freude von dem Tag an zeichnet, wo der Unterricht der Jugend unter seiner Anordnung und Vorschrift sich gründete und glücklich fortgeht: – Diesen Minister konnte ich, schreibt er, auf einem Spaziergange, wo er Einfalt, Schönheit und Güte der natur mit so viel Einsicht und Empfindung bewunderte, mit einem fleissigen Bauer so liebreich sprach, am Ende des Lobes, welches er dem Ackersmanne und nach diesem allen Privattugenden gab, von der ausübenden Tugend meines Neffen und seiner Nachbarn reden; – war sicher, dass ich mit Vergnügen angehört und in meinem Gesuch unterstützt wurde. –– Ach, möge der vortrefliche Fürst, den Gott uns gab, ja niemals Ratschläge hören, und ihm keine annehmlich vorgetragen werden, als die aus einer so reinen, Menschen und Gerechtigkeit liebenden Quelle kommen! –– Schreiben Sie ihrem neuen Neffen," sagte er mir, "dass er fortfahren soll, in Ihre Fussstapfen zu treten, und dass ich ihm viel mehr danken und ihn ehren werde, wenn er mir verborgenes Gute zu belohnen zeigt, als wenn er den Fehlern und Schwachheiten der armen Menschen nachspürte und sich dadurch ein Verdienst machen wollte." ––

Ist dieser Zug allein nicht hinreichend, Ihnen, meine Mariane die grösste Hochachtung für unsern Minister einzuflössen! – Aber niemals vergiebt er Fehler gegen die Rechtschaffenheit und Pflichten eines Amts; und das schätzt mein Oheim sehr. ––

Meine Liebe! – wie sonderbar ist dies! – vor zwei Tagen erhielt ich den Brief meines Oheims, aus welchem ich Ihnen heute früh obige Auszüge machte; und diesen Abend kam er selbst, und kündigte mir und Cleberg an, dass wir mit ihm auf acht Tage nach der Residenzstadt unsers Fürsten reisen müssten. – Ach, wie ungern tu ich das! – Frau G**, die mit uns zu Nacht speisste, macht mir noch dabei über die Besuche bange, die ich bei dortigen adelichen Damen werde ablegen müssen. – Die böse Frau verderbt mir damit meinen Schlaf, denn ich habe dies noch geschrieben eh Cleberg von dem Zimmer meines Oheims kam. – Aber jetzt gute Nacht! –

Und heute, nur eiligen guten Abend bis aufs wiederkommen. – Adieu sagte ich diesen Morgen auch ganz kurz. Ich musste meine zehn schöne Putzsachen einpaken lassen, und nun früh schlafen gehen, dass wir bei anbrechenden Tage auf dem Wege sein können. Sie sollen bei meiner Zurückkunft hören, ob ich eben so von unserm Minister denke, wie mein Oheim. –– Montags; gerade vierzehn Tage nach unserer Abreise, ganz ausgeruht und nachgedacht. Da bin ich wieder! mit neuen Ideen bereichert, im alten Guten bestärkt, und von Vorurteilen befreiet, die man mir mitgegeben hatte. ––

Schöner kann beinah keine Lage sein, als die Lage der Stadt C**, an dem Zusammenfluss zwei schiffreicher Ströme, der R** und der M**. – Weinberge auf einer, Kornfelder, Wiesen, Obst- und Nussbäume auf der andern Seite; die Festung an einem, die Stadt an dem andern Ufer; – nahe und entfernte Gebürge, und dann die reizende Fläche, durch welche man, von dem Festungsberge, den R** hinfliessen sieht. ––

Ich habe unsern Fürsten und Ihre Hoheit, Seine prinzessin Schwester, selbst gesehen und gesprochen. Wie viele Leutseligkeit und Herablassung wohnt neben Grösse der Geburt und Tugenden, in ihnen! Es geht mir auch, wie meinem Oheim. Möge doch ihnen Beiden nichts als reine Wahrheit, Treue, Verdienst und ehrerbietige Liebe sich nähern! – weil, wie man sagt, die besten Fürsten sehr oft von feinen, bösen und eigennützigen Menschen umgeben sind, die ihre Güte missbrauchen. ––

Die zwei Damen der fürstin sind sehr verehrungswürdig und vereinigen alle Eigenschaften in sich, die von rechtswegen Adeliche immer besitzen sollten, weil sie, nach der Ordnung der sittlichen Welt, die tägliche Gesellschaft der Fürsten sind, und freimütig mit ihnen sprechen können. – O, wie innig heftete sich mein ganzes Herz an den edlen, starken Charakter, voll Klugheit und Güte, welcher die Hofdame von N – d – f, unschätzbar macht. ––

Cleberg ist von dem Minister ganz und gar eingenommen, – nicht allein wegen der besonderen achtung welche er ihm bewiess, sondern wegen der vielen Wissenschaften, wegen seines Geschmacks an schönen Künsten, und weil er sehr vergnügt schien, mit einem Menschen zu sprechen, der auch nützlich gereist war, und Kenntniss und Freude bei seiner schönen Büchersammlung bezeigte. Bei dem Gegenbesuch den er bei meinem Mann und Oheim ablegte, sah ich ihn auch, voll Ernst und Würde in seinem Bezeigen und seiner edlen Gestalt. Diese Würde war auch in seiner Höflichkeit gegen mich; sie begleitete seine Bescheidenheit, und jede Unterredung. –– Als er weg war, fragten mein Mann und Oheim mich,