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Unteramtmann zu Langensee, und Heinrich kommt ins Stipendium. Ich will Alle beim Nachtessen haben, und Deine Köchin weiss schon was; rede nun noch das Uebrige mit ihr ab. – Bei den Ittens dürfen wir so nichts Kostbares haben." ––

Der liebe, rasche Mann hätte mich bald für Freude krank gemacht. Er war mir so wert, dass er die Sache der Itten so betrieben und ausgeführt hatte. –– Da mussten nun die Eltern an unsere Redlichkeit glauben; Denn einsame Menschen, die sich aus Schmerz und Mangel abgesondert haben, sind gegen die Versprechen der Glücklichen so misstrauisch, und dann hatte ich auch gefürchtet, dass Clebergs Eifer erkalten möchte, und dass er mit dem Stipendio zu viel gesprochen hätte. – Das war nun alles wie es mein Herz wünschen konnte. Ich ging durch eine Seitentüre zu meiner Köchin, ordnete noch alles an, gab Weisszeug und etwas Confect her, und kam wieder, da die guten Mädchen schon meine Arbeit genommen hatten und fertig machten, indem die Aeltere ausserordentlich geschwind nähet. – Wir kamen mir Falten und Allem noch zurecht, und Cleberg, der die Herren alle in einem Nebenzimmer unterhielt, hatte mit ihnen vielen Spass. Als ich nun oben in Ittens Zimmer die Falbala an die Vorhänge zu nähen, mit meinen artigen Arbeiterinnen aus meinem Zimmer daher zog; ich, mit einem Licht voran, und eine Falbala am Arm; dann Hannchen Itten mit ihrer Arbeit; Caroline, die wieder ein Licht hatte, Dorchen keins, aber Marie wieder. Wir hatten uns zusammen beredt, dass Keine von uns nach den Mannsleuten sehen und wir unsern gang ganz gerade nach Ittens Zimmer nehmen wollten. Das geschah auch, und unsere Mama musste auch über unsern Ernst lachen. Sie liessen uns ziehen: aber, als wir nun oben Jede an einem Vorhange sassen, die ich nicht abgenommen hatte, und immer Zwei an einem Fenster und bei einem Lichte geschäftig nähten, kamen die Männer mit Cleberg und der Mama nach, hatten Alle an der drolligen Art dieser Arbeit eine Freude und wollten endlich uns auch helfen. Weil es wieder mit dem Anheften beschwerlich ging, so boten sie sich zum Halten an. Ernst Itten kam so bescheiden zu mir, dass ich ihm gleich anwies, wie er den Vorhang halten sollte. Hannchen war neben mir am nehmlichen Fenster, und Linke bat sie, in einem ehrerbietigen Ton, ihm zu erlauben, ihr zu helfen. Die Einwilligung, die sie mit einem Anmutsvollen Nikken ihres schönen Kopfes gab, war sehr reitzend. Sie sah Linken nicht an, er hingegen blickte voll Glück und Liebe nach ihr hin. Cleberg und Otte hatten sich zu Caroline und Dorchen gesetzt, und die kleine muntre Marie hatte ihre Mutter, und ihre zwei jüngern Brüder zu Gehülfen bekommen. Der gute Vater Itten ging von einem Fenster zum andern und spasste über unsre sonderbare Nähterei. – Als wir nun, abgeredter massen, einander zuriefen, ob wir fertig wären, denn es durfte Keine vor der Andern aufstehen, da fehlte es noch bei Marien, die im inneren Zimmerchen war; und Hannchen bat mich um erlaubnis, ihr zu helfen. Ich liess sie gehen. Sie machte Linken ein so artig Compliment für seine Mühe. dass er aus Vergnügen darüber, und tausend andern Gefühlen, nicht halb so klug aussah, als Hannchen. – Cleberg bat dann den Vater, die Mutter und zwei ältere Söhne, mit ihm zu kommen, wo er ihnen dann die fürstlichen Dekrete zustelte und sie bat, mit ihrer Familie bei uns die Abendsuppe zu essen, aber ja keinen Dank oder sonst etwas davon zu sagen; und als sie Alle so von Ausdrücken der Bewunderung und Freude überflossen, verliess er sie, weil er die gute Julie Otte holen wollte um mit ihrem Mann bei uns zu sein. – Was war das für ein seliger Abend! wie teuer, wie wert war mir mein Mann! Er setzte sich bei Frau Itten und Mariechen; ich hatte den Vater und Reinholden zu mir genommen, Julie sass zwischen Ernst und Heinrich; Ott und Linke besorgten Hannchen und Caroline; Dorchen und die Jüngste waren auch bei Cleberg. – Der Vater weidete sich an der zufriedenen Miene seiner Kinder, und die Mutter sah, bald sorglich, bald fröhlich, auf sie umher, betrachtete aber auch mein Tischzeug, die speisen, mein Vorlegen; winkte bald der einen, bald der andern Tochter mit den Augen, auf mich, oder Julien zu sehen. – Und mit wie viel Mutterfreude und Liebe sah sie ihren Ernst und ihren Heinrich an! – Sie und ihr Mann müssen sehr schön gewesen sein. Aber man kann von ihr doch sagen, das salzige Tränen ihre Wangen verzehrt haben; denn sie ist sehr hager und blass. – Alle gingen glücklich nach Haus, und Ernst, der sie heim begleitete kam mit Segen für ihn und uns zurück.

Zwei und neunzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Mein Oheim ist mit Clebergen, wegen dessen, was er ihm von den Ittens schrieb, und für sie zu tun wünschte, ausserordentlich zufrieden, und dankt dem Himmel, dass er sich, in Beurteilung seines Charakters, nicht betrogen habe; freut sich auch, dass unser Hof jetzt einen Minister hat, der sich nicht zu gross dünkt, eine Familiengeschichte anzuhören, die, ob sie schon nur den kleinen Zirkel eines alten Privatauses betrift, dennoch der Menschheit Ehre macht.

"Unserm edlen Minister von H**,"